Zeitkapsel
Heute habe ich etwas unfreiwillig eine solche Zeitkapsel gehoben. Ich war mir sicher, dass in der Wickeltasche von meinem Sohn, der vor kurzem eingeschult wurde, so Memorabilia waren. Als ich heute das Büro aufgeräumt habe, wollte ich diese Kiste, die schon ewig da steht, im Weg genug, dass sie mich ärgert, nicht im Weg genug, dass ich sie wegräumen würde, aufräumen. Da ziehe ich diese Wickeltasche aus der Kiste und denke mir, da werfe ich jetzt einen Blick rein. Und siehe da, eine Zeitkapsel. Allerdings keine ganz freiwillige. Ich war mir sicher, ich hatte sie ausgeräumt, habe ich aber nicht. Deswegen war dort alles drinnen, was ich zu dem Zeitpunkt, ich schätze Sommer 2017, tatsächlich ständig an mir hatte. Windeln waren da keine mehr (doch, aber in einer Seitentasche, von der ich mich nicht mehr erinnern konnte, dass es sie gab!), aber eine Wickelunterlage, Klamotten zum Wechseln in Größe 98, ein Quetschi, zwei Gläschen Babybrei für Notfälle, Löffelchen, ein Lätzchen zum Anziehen, Kekse, Müsliriegel, ein Sonnensegel, 3 Paar Socken, 6 Duplo- und ein Schleichtier, zwei Spielzeugautos, Bachblüten-Rescuetropfen, ein Gläschen Kochsalzlösung, das obligatorische Desinfektionsmittel, +- 24 Packungen Taschentücher, und für meine eigenen Notfälle, Toffifee.
Auf einmal wird mir bewusst, wie viel Zeit in diesem letzten vier Jahren vergangen ist. Auf einmal stehe ich wieder vor der vier Jahre jüngeren Ich. Ich spüre wieder ihre Erschöpfung, ihre Überforderung. Ich denke an die unglaublich vielen Nächte, in denen ich kaum geschlafen habe, an die Wutanfälle, die mein Kind so häufig in dieser Phase hatte.
Früher haben gefühlt alle immer gesagt "es geht so schnell vorbei", "es geht so schnell vorbei", "genieße es, denn es geht so schnell vorbei". Und ich habe mich immer sehr alleine gefühlt, weil nichts schnell vorbei ging. Die Tage zogen sich wie Kaugummi. Es war ein ständiger Kampf, eine kontinuierliche Überforderung. So ein kleines Kind ist echt kein Kinderspiel, schon gar nicht, wenn Frau mit ihm allein ist. Ich kann es nicht oft genug wiederholen, aber es ist ein Fehler im System, das Kleinfamilien und dann auch noch Ein-Eltern-Familien mit der Kinderbetreuung so allein gelassen sind.
Inzwischen, ja, das Kind ist größer, manche Dinge laufen unkomplizierter, der Rhythmus ist etablierter, die Strukturen stehen und wir können uns verständigen. Wir können miteinander reden, das Kind und ich. Wir können Strukturen unangetastet lassen, wo sie uns dienen, können sie aber auch dort anfassen, wo sie nicht mehr zeitgemäß sind. Jetzt geht die Zeit tatsächlich etwas schneller, denn die vielen Holpersteine markieren nicht mehr so den Alltag.
Aber eine Sache hat sich nicht grundlegend verändert, und das stimmt mich so nachdenklich. Die Notfalltasche - stellvertretend für das, woran frau denken musst, das mental load - ist nicht wesentlich kleiner geworden. Natürlich kann ich mit dem Kind eine Stunde auf den Spielplatz gehen, ohne eine komplette Wickeltasche mitzunehmen, denn das Verständnis ist da, wenn es nicht unmittelbar sofort etwas zu essen gibt, und wir uns zuerst noch auf die Suche nach etwas essbarem machen müssen. Aber da ich weiß, dass mein Kind sehr schnell unterzuckert, habe ich meistens doch mindestens eine Kleinigkeit zu essen dabei. Für ihn, aber auch für mich, die genauso schnell unterzuckere und dann ganz dringend etwas brauche. Wasser sowieso, denn mensch könnte meinen, dass wir gelegentlich kurz vor dem verdursten sind.
Dank vieler Ernährungseinschränkungen sind meine Möglichkeiten, auswärts zu essen, ziemlich reduziert. Versuch doch mal, an einer Bäckerei etwas zu finden, was gleichzeitig Gluten- und laktosefrei ist, und dann auch noch vegetarisch. Das schränkt es schon sehr ein.
Es verlagert sich, das "was", aber die Gesamtmenge, woran frau denken musst, bleibt irgendwie konstant.
Damals, bei der Tagesmutter, da habe ich ihn einfach hingebracht. Sie hatte genug Windeln, Klamotten zum Umziehen, und das Essen hat sie auch selbst gemacht. Mit Kindergarten wurde es dann schon etwas unbequemer, die Wechselklamotten mussten regelmäßig ausgetauscht werden, es gab nur noch eine Obstkiste und das Mittagessen, der Rest musste in die Pausenbrotboxen. In der Schule muss das Kind außer dem Mittagessen das restliche Essen für den ganzen Tag im Schulranzen dabei haben.
Ein Freund pflegte zu sagen "es wird nicht besser, es wird nur anders". Und ganz langsam habe ich den Eindruck, zu verstehen, was er meinte. Die Gesamtmenge bleibt konstant, die Verteilung ändert sich. Was früher an Aufwand täglich verteilt war verteilt sich jetzt auf einige größere Haufen.
Am Ende habe ich darüber nachgedacht, ob ich die Sachen einfach wieder in die Tasche hinein packe, und darauf warte, dass ich sie das nächste Mal wieder entdecke. Ich bin mir sogar nicht ganz sicher, ob ich das nicht schon einmal gemacht habe. Ich kann es aber nicht guten Gewissens tun, weil der Quetschi schon 2017 abgelaufen ist, die Müsliriegel und die offene Toffifee-Packung nicht wirklich mit der Zeit einladender werden. Deswegen werde ich diese Chance nutzen, dieser früheren Zeit mit all ihren Reizen und Hürden noch einmal Revue passieren zu lassen, diese Erfahrung in Schriftform zu behalten, vielleicht noch ein oder zwei Fotos zu schießen, und den Rest tatsächlich zu verwerfen. Diese Kapsel wird nicht noch einmal aufgemacht. Diese Frau, deren Geist, deren Essenz gewissermaßen in dieser Tasche mit eingepackt war, gibt es gewissermaßen nicht mehr. Sie ist jetzt vier Jahre älter, und trägt jetzt eine andere Tasche, mit anderen Gimmicks. Vllt finde ich ja irgendwann Mal eine vergessene Tasche von 2021. Was da wohl drin wäre?
Kommentare
Kommentar veröffentlichen