Das Leben der anderen

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Ich weiß, "das Leben der anderen" bezieht sich auf einen wunderbaren Film, der sich in einer harten Realität abspielt. Was ich meine ist aber im Grunde genau der Gegensatz dazu: ein harter Film, der sich in einer wunderbaren Realität abspielt.
Nicht heute, nicht hier, aber stellvertretend. Ich weiß noch nicht mals, ob es eine andere alleinerziehende Mutter außer mir betrifft, oder ob es mein ganz eigener Film ist. 
Ich bin im Urlaub, alleine mit meinem Kind. Oder im Freibad. Oder im Bauernhof. Oder im Tiergarten. Der Ort ist auswechselbar. Es ist eine schöne Situation, oder: es sollte eine schöne Situation sein. Wenn es nicht einen Knackpunkt gäbe: Ich bin eine Ein-Eltern-Familie in einer Welt von Zwei-Eltern-Familien. Nein, schlimmer noch. Ich bin eine "alleinerziehende Mutter mit Kind", das zählt ja wohl nicht als Familie. Eine Familie muss - ganz klar, wer kommt denn auf so eine Idee! - bestehen aus einem Vater (nicht mehr, nicht weniger!!), einer Mutter (auch hier, nicht mehr und nicht weniger) und leiblichen eigenen Kindern. Eins bis maximal drei, am besten. Sonst wird es schon wieder zu viel, aber natürlich bleibt es "Familie" auch mit mehreren Kindern. Und dieses neumodische Zeugs da mit weniger oder mehr (man stelle sich das nur vor!!!) Elternteilen oder gleichgeschlechtlichen Eltern oder mehr-Generationen-Konstellationen oder - Gott bewahre! - soziale Eltern ohne biologische Verbindung zum Kind! Das kann doch alles gar nicht sein!
Es war etwas überspitzt, aber ich denke, die Aussage ist klar: als Ein-Eltern-Familie fühle ich mich falsch. Nicht ausreichend: Mangelhaft. Als würde meinem Kind etwas fehlen. Nein: als würde ich meinem Kind etwas vorenthalten. 
Dieses Vorurteil saß sehr lange und sehr fest in meiner Vorstellung.
Anfangs haben mich immer wieder Menschen gefragt, wo denn der Vater ist. Anfangs war das für mich eine enorm schwierige Frage. Eine schambehaftete Frage. Nicht, weil es böse Menschen waren, die mich gefragt haben, wo der Vater ist, sondern weil unsere Gesellschaft so geprägt ist. Als wäre das eine Schuld, eine Lücke, die ich füllen müsste.
Die ersten Jahre habe ich darunter gelitten - hauptsächlich in der Zeit, in der ich mir selbst solche Gedanken gemacht habe. Was habe ich meinem Kind angetan, war es richtig, mich zu trennen, was bin ich überhaupt Wert ohne einen Mann an meiner Seite? Wenn frau lang genug so gelebt hat, dass ihr Wert sich über den Wert des Mannes an ihrer Seite definiert... Ist diese Lücke eine sehr bedrohliche. Und mir war diese gesellschaftliche Akzeptanz auch so wichtig. 
Mit der Zeit ist es besser geworden. Ich habe meine Situation besser akzeptieren können. Ich wusste, meine Trennung war alternativlos, und ich bin proaktiver damit umgegangen, dass ich alleinerziehend bin. Ich habe mich über alle möglichen Aspekte informiert, ich habe es offen thematisiert, dass ich alleinerziehend bin, ich habe die WhatsApp-Gruppe "Powermoms" gegründet, und damit ganz viele tolle Frauen, die ebenfalls alleinerziehend sind, und die dennoch eine Familie - und was für eine! - mit ihren Kindern bilden. Und ich habe irgendwann auch begriffen, dass Ein-Eltern-Familien nur genau eine Sache fehlt: Das Verständnis der Gesellschaft, dass es eine genau so berechtigte, reiche, vielfältige, glücklich/unglücklich Familienform ist wie alle anderen auch. 



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