Rollenklischees
Wir haben ja einen gesellschaftlichen Vertrag, richtig? Eine Regel, an die wir uns alle halten, unabhängig davon, ob uns das jemand gesagt hat oder nicht: Wenn ein Kind in Gefahr ist, dann greifen wir ein. Egal, ob es unser Kind ist oder nicht, wir beschützen Kinder und versuchen, von ihnen Schaden abzuwenden. Manchmal kann es etwas übergriffig sein, weil wir die Kletterfertigkeiten des unbekannten Zweijährigen unterschätzen, aber wir müssen ständig mit unserem Gewissen leben und tun auch gut daran, dieses Gewissen zu befriedigen. Wenn einem Kind etwas (schlimmes) passiert, und ich meine, dass ich es hätte verhindern können, dann plagt mich besagtes Gewissen. Dort, wo ich gefragt bin (oder meine, gefragt zu sein, um eine Gefahr abzuwenden), dort greife ich - bei Kindern - ein (bei Erwachsenen meistens nicht, es sei denn, es ist eine offensichtliche Notsituation).
An sich wäre die Situation nicht weiter bemerkenswert, aber das Kind auf dem Roller war ein Mädchen, und das Kind ohne Roller war ein Junge. Das Mädchen hat also den Rucksack des Jungen getragen. Und das war dieser Mutter offensichtlich so unerträglich, dass sie das Mädchen zurechtgewiesen hat, dass sie nicht den Rucksack eines Jungen tragen soll. Höchstens andersrum, der Junge sollte den Rucksack des Mädchens tragen. Auf die schwache Erwiderung des Mädchens, dass sie den Rucksack ja gar nicht selbst tragen würde, sondern der Roller ihn tragen würde, hat die Mutter nicht reagiert, weil sie sich bereits an den Jungen gewandt hatte, um ihn zurecht zu weisen, wie er es wagen könnte, seinen Rucksack von einem Mädchen tragen zu lassen. Mit genau dieser Begründung! Das Mädchen ist ein Mädchen, der Junge ist ein Junge.
Die Versuchung ist groß, an dieser Stelle wahnsinnig viel hinein zu interpretieren. Offensichtlich war es dieser Mutter ein echtes Anliegen, diese vermeintlich schiefe oder gefährliche Situation geradezurücken. Aus welchem Grund sonst hätte sie in die Situation eingegriffen, zumal noch bei fremden Kindern? Wenn ich ein Kind sehe, was ohne zu den Seiten zu schauen, auf die Straße rennt, dann rufe ich es auch zurück. Es läuft ja schließlich Gefahr, überfahren zu werden. Ich erkenne eine Gefahrensituation, und in diese greife ich ungefragt hinein, um Schaden abzuwenden. Auch bei fremden Kindern, weil ich mich gewissermaßen in der Verantwortung fühle.
Eine solche Gefahrensituation lag aber nicht offensichtlich vor. Der Rucksack war so aufgehängt, dass er nicht hinunter fallen konnte, und dass er die Lenkbewegungen auch nicht beeinflusst hat. Aber trotzdem hatte diese Frau dieses ganz dringende Anliegen, die Situation zu korrigieren.
Um welchen Schaden ging es da, dass sie das Kind, beide Kinder, vielleicht auch sogar noch ihr eigenes Kind (vor schlechtem Beispiel), beschützen wollte? Der Schaden der Unangepasstheit? Also dass ein Mädchen sich stark fühlt, vielleicht so stark wie ein Junge, dass sie sogar in der Lage ist, dem Jungen Hilfe anzubieten? Kann das verkehrt sein, kann das der Grund sein, weshalb das Kind beschützt werden sollte? Falsche Erwartungen zu wecken, an sich selbst, an seine Gesellschaft? Oder wollte sie den Jungen davor bewahren, eine Rolle der Faulheit in der Gesellschaft zu finden? Was ihm einfiele, seinen Rucksack von einem Mädchen tragen zu lassen? Hätte die Frau genauso eingegriffen, wenn es ein anderer Junge gewesen wäre, der den Rucksack trägt? Also hätte sie den Jungen vor der Faulheitsrolle bewahren wollen, auch wenn er sie auf Kosten eines anderen Jungen auslebt? Oder wollte sie das Mädchen davor bewahren, sich ausnutzen zu lassen, langfristig? Hat sie vielleicht selbst Erfahrung gemacht mit einem Mann, der sich auf die faule Haut gelegt hat, während sie die ganze Arbeit zu leisten hatte? Oder war es am Ende doch das reine Rollenverständnis, das so dermaßen ins Ungleichgewicht gefallen war, dass es um jeden Preis korrigiert werden musste?
Ich weiß es nicht, denn die ganze Situation dauerte nur wenige Augenblicke, mein Kind war inzwischen angestrampelt gekommen, und wir gingen weiter Richtung Schule. Ich habe mich mit besagter Mutter nicht unterhalten. Bedauerlicherweise, muss ich sagen, denn der Vorfall beschäftigte mich den ganzen Tag.
Ich hätte sie gerne gefragt, was ihre Erfahrung ist, warum es ihr so wichtig ist, dass das Mädchen nicht den Rucksack des Jungen trägt. Obwohl es ihr keinerlei Zusatzarbeit macht, und sie es scheinbar (wissen wir beide nicht, denn weder sie noch ich waren dabei, als die Situation begonnen hat) bereitwillig gemacht hat.
Wenn eine Frau Gewalt erfahren hat, was in der Regel von Männern ausgeht, dann verstehe ich, dass sie den Anfängen wehren möchte. Das es ja nicht klein anfangen soll, dass das Mädchen sich von dem Jungen unterdrücken lässt. Dann finde ich das richtig und bewundernswert und Respekt würdig. Allerdings nicht am Geschlecht fest gemacht. Kein Mensch (egal welchen Geschlechts) sollte jemals von einem anderen Menschen (egal welchen Geschlechts) bedrängt, unterdrückt oder geschlagen werden. Oder wenn es darum geht, die Care Arbeit sichtbar zu machen. "Heute trägst Du seinen Rucksack, morgen trägst Du seine Kinder aus und dann bleibst Du 20 Jahre zu Hause, wirst verlassen und bist dann von Armut bedroht. Und alles nur, weil Du seinen Rucksack getragen hast!" Auch wichtig, diese ungesehene Hintergrundarbeit zu sehen, anzusprechen. Aber wieder nicht am Geschlecht fest gemacht, sondern weil Care Arbeit Arbeit ist und entsprechende Anerkennung verdient hat, unabhängig davon, wer sie geleistet hat (ja, in unserer Generation sind es fast immer die Frauen, aber vllt ist es in der Welt dieser Kinder schon eine Selbstverständlichkeit, auch die Care Arbeit gerecht aufzuteilen).
Wenn es aber darum geht, die Rolle des Mädchens als das schwächere Geschlecht zu verewigen, einfach weil sie ein Mädchen ist, dass sich von den Jungen unterstützen lassen muss, statt umgekehrt Unterstützung zu leisten, obwohl sie es könnte, dann widert mich diese Ansicht ganz rabiat an. Mich beschleicht an dieser Stelle das Gefühl, dass es um die Selbsterhaltung des Rollenverständnisses geht, also letztlich um Selbstbestätigung. Obwohl ich hoffe und bete, dass das nicht so ist - dennoch frage ich mich, was ist bei diesen Kindern hängen geblieben?
Mädchen sind nicht schwach, Frauen sind nicht schwach, wenngleich Frauen im Mittel körperlich weniger kräftig sind als Männer im Mittel. (Meine Diktiersoftware hat an der Stelle daraus gemacht "wenngleich Frauen im Mittel körperlich weniger kräftig sind als Männer im Mittelpunkt", was natürlich eine ganz neue Lesart darstellt).
Aber wenn Frauen, Mädchen, von klein auf diesem Diskurs ausgesetzt sind, dass sie von den Jungen Hilfe zu erwarten haben, statt welche zu geben, dann entsteht daraus eine Anspruchshaltung, und gleichzeitig eine Hilflosigkeit - und zwar bei beiden Geschlechtern, im Zweifelsfall. Es wird definiert wie jemand sein muss, es werden Erwartungen geweckt, wie sich jemand aufgrund seiner (gelesenen!) Geschlechtszugehörigkeit zu verhalten hat. Beides ist nicht förderlich in dem Zusammenspiel zwischen den Geschlechtern. Kompliziert wird es noch früh genug, vielleicht könnte man den Kindern wenigstens diese kurze Zeit vor der Pubertät lassen, um sie von Geschlechterklischees freizuhalten.
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