Check your privileges
Es gibt auch noch andere Adjektive, über die ich mich definieren könnte, schmeichelhafte und weniger schmeichelhafte. Und einige davon habe ich seit meiner Geburt. Ich habe sie nicht selbst verdient, sondern bin zufällig auf der Gewinn- (oder Verlust-) Seite. Meine Haut ist hell (was bedeutet, dass ich nicht rassistisch diskriminiert werde, und dass ich leichter einen Sonnenbrand bekomme). Ich werde meistens nicht als Migrantin erkannt oder wahrgenommen, weder meinem Aussehen noch meiner Sprache nach (was mir ebenfalls Diskriminierung und Benachteiligung erspart). Mein Name liest sich Deutsch, und ich werde als Deutsche wahr- und angenommen (das war allerdings nicht immer so). Ich habe einen männlichen Partner, und kann Zuneigung auch öffentlich bekunden ohne Angst vor Repressalien. Meine religiöse Orientierung interessiert in aller Regel keinen, und ich musste auch mein Kind nicht zwingend taufen lassen, aus Angst vor Diskriminierung.
Mir fällt es leicht und ich habe Freude daran, Sprachen zu lernen (ich bewege mich somit ganz natürlich in der englischsprachigen Wissenswelt). Ich komme aus einer akademisch gebildeten Familie (in der Bildung und Leistung mehr zählt als zum Beispiel Wohlbefinden) und habe selbst das Privileg, akademisch gebildet zu sein. Natürlich musste ich im Studium viel tun, um meinen Abschluss zu erwerben, und ich habe auch hart gearbeitet, nebenher, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen (und zum Beispiel Reisen zu finanzieren). Aber ich hatte nie echte Existenzsorgen, und konnte mich auf das Studium konzentrieren. Die einzigen Existenzsorgen, die ich hatte, habe ich mir selbst gemacht, denn ich wollte unabhängig sein. Aber ich wusste immer, dass es ein Rückfallnetz gibt, falls mir das Geld ausgeht. Ich wusste, meine Eltern und Großeltern könnten und würden mich auffangen.
Ich habe - auch Dank meiner privilegierten Bildung - einen (statt mehrere!) guten Job, mit dem ich allein meinen und meines Kindes Lebensunterhalt sichern kann - inklusive Urlaub. Ich habe auch gute Betreuungsplätze für mein Kind gehabt, so dass ich überhaupt Vollzeit arbeiten kann.
Ich wurde durch Gewalt aus meiner Heimat gedrängt, aber immerhin hatte ich die Möglichkeit, mir in einem anderen Land eine Existenz aufzubauen (was ganz und gar nicht selbstverständlich ist!). Meine Heimat wurde auch nicht zum Beispiel durch Krieg zerstört, so dass meine Familie und meine Freund:innen verhältnismäßig in Sicherheit leben und ich jederzeit dorthin zurück kehren kann.
Migrantin und Einwanderin sein bedeutet (für mich) auch, dass mein Kind seine Großeltern und einige Onkels und Tanten, Cousins und Cousinen wenn überhaupt einmal im Jahr sieht, wenn kein Corona ist. An regelmäßigen Babysitten oder Großeltern-Tagen ist nicht zu denken.
Dafür haben wir ein sehr enges Verhältnis zu meinem Bruder und zu meiner Cousine und ihre Kinder, die alle hier in der Gegend leben.
Warum erzähle ich das alles?
Weil ich an den Respekt und an die Solidarität zwischen allen Menschen glaube. An die Sororität, der Schwesternschaft aller Frauen, da uns gesellschaftlich so viel verbindet. Und insbesondere an den Zusammenhalt zwischen alleinerziehenden Müttern (mit echten alleinerziehenden Vätern, die eine verhältnismäßig kleine Minderheit bilden, verbindet uns deutlich weniger, und dennoch einiges). Und für diesen Zusammenhalt finde ich es unabdingbar, die eigenen Privilegien zu checken. Ich arbeite doch auch Vollzeit, um über die Runden zu kommen, warum tun es andere Alleinerziehende nicht? Vllt tun sie es ja, vllt sogar auf mehreren Jobs, und trotzdem reicht das Geld nicht. Vllt sind sie da eben nicht "selbst schuld" dran, sondern genießen einige meiner Privilegien nicht. Ein ausländischer Vor- oder Nachnahme reicht an manchen Stellen schon, um einen Job nicht zu bekommen. Oder sie hat andere Gründe, die sie daran hindern, mehr Erwerbsarbeit oder einer besser bezahlten Erwerbsarbeit nachzugehen. Gesundheitliche Gründe, Traumata und Gewalterfahrungen, psychische Probleme, Pflege von weiteren Angehörigen, schlechtere Ausbildung genossen, und und und. Ich kann einem anderen Menschen gegenüber schlecht solidarisch sein, wenn ich mich über ihn stelle. Deswegen gehört es so dringend dazu, regelmäßig die eigenen Privilegien zu überprüfen.
Bei Kulturshaker und im Niemblog gibt es weitere Informationen zu Privilegien, außerdem kann mensch seine Privilegien online testen (auf Deutsch oder auf Englisch). Diese Bewusstheit hilft jedenfalls, sich selbst in einem Umfeld zu positionieren.
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