Mikropausen

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Viele Menschen sieht mensch immer nur am Wippen, Schwingen, Kratzen, Klopfen, Fuchteln, Fummeln... Kennt Ihr das? Menschen, die nie ruhig zu sitzen scheinen. Ständig haben sie irgendwas in der Hand, malen beim Telefonieren, oder spielen an den Haaren, Wippen mit den Füßen, Kratzen sich am Kinn, Klopfen am Tisch, oder oder oder. Ich habe mal von einem Versuch gelesen (leider schon zu lange her, deswegen kann ich leider keine Quelle zitieren), in der Personen dazu angehalten wurden, über einen Zeitraum von, keine Ahnung, vllt. eine oder zwei Wochen Tagebuch zu schreiben über alles, was sie tun, und dabei sämtliche dieser kleinen, meist unbewussten, Handlungen eben bewusst zu machen und zu unterlassen. Diese wurden mit einer Kontrollgruppe (also eine Gruppe, die ebenfalls Tagebuch schreibt über alles, was sie tut, aber ohne Einfluss auf diese kleinen unbewussten Handlungen zu nehmen) verglichen.

Die Ergebnisse, und das ist der Grund, warum ich mir diesen Versuch (zumindest in groben Zügen) gemerkt habe war, dass die Personen, die diese kleinen Handlungen unterdrücken sollten, am Ende des Zeitraums nicht nur ganz erheblich viel gestresster waren als die Personen der Kontrollgruppe, sondern dass sie ein Gefühl von Ent-Personifizierung erlebt haben. Sie haben sich weniger als Mensch, und vielmehr als "funktionierende Maschine" wahrgenommen.

Und damit kommen wir zu dem Alltag von Alleinerziehenden: Einmal Hand hoch, wer nicht im Stress ist. 

... Was? Keine einzige ist nicht im Stress? Wie überraschend. #NOT

Wir sind immer im Stress. 

Wer kennt nicht den Witz von dem unterschiedlichen Verhalten von Frauen und Männern vor der Zwei-Minuten-Mikrowelle:


Natürlich ist der Witz nur lustig, wenn mensch sich mit ihm identifiziert (also Frauen, die vor der Mikrowelle stehen bleiben, und Männer, die in der Zwischenzeit alles mögliche erledigen, werden ihn weniger lustig finden), weil es eine Form der Bestätigung ist.

Ja, wir sind immer auf Trab, erledigen immer irgendwas. Und weil wir so wenig Zeit haben für diese kleinen Ablenkungen, fühlen wir uns vllt. auch immer entpersonifiziert. Maschinenhaft. Nur noch auf das Funktionieren ausgelegt. 

Und dagegen helfen... Mikropausen. 
Mikropausen sind, wie der Name schon sagt, SEHR kleine Pausen. Es reichen schon die kleinsten Kleinigkeiten. Zum Beispiel: Du willst Dir einen Kaffee holen. Dann achte einmal darauf, wie sich der Löffel anhört, wenn er gegen die Tasse schlägt. Nimm die Tasse an die Nase und atme den Duft des Kaffees tief ein. Denk über den Duft nach. Wie fühlt er sich an, woran erinnert er dich? Läuft Dir das Wasser im Mund zusammen? Freust Du Dich auf den Kaffee, oder ist er eine lebenserhaltende Maßnahme? Wenn Du eine Orange schälst, dann fühle die Schale unter Deiner Hand. Wie fühlt sie sich an? Wie rauh, wie weich, wie nachgiebig? Wie riecht es, wenn die Orangenschale bricht? Wenn die kleinen Tröpfchen auf Deine Haut treffen? 

Das geht auch beim Arbeiten: Wie klingeln die Tastenschläge an der Tastatur? Hören sich unterschiedliche Tasten verschieden an? Ergibt es einen Rhythmus oder eine "Melodie", wenn Du einen Text schreibst? Wie fühlt sich die Oberfläche Deines Schreibtisches an? Schau ihn Dir einmal an, welche Struktur hat er, was kannst Du sehen? Stell Dir vor, Du bist ein Mikroskop, was kannst Du alles erkennen? Wenn Du in der Schule, im Krankenhaus, in der Apotheke, im Supermarkt oder sonst wo arbeitest: Welche Farben siehst Du? Welche Geräusche hörst Du? (Ich bin so fasziniert davon, was mensch alles hört, wenn er:sie einmal hinhört! Das meiste geht einfach unbemerkt an uns vorbei!) Stell Dir vor, Du siehst einen Gegenstand zum allerersten Mal. Was fällt Dir daran auf? Welche Details, welche Beschaffenheit, welche Konsistenz? Wenn Du einen Text liest, versuche die einzelnen Wörter wahrzunehmen. Sie auf der Zunge zergehen zu lassen. Die Silben vielleicht auch einmal falsch betonen, mit dem Klang spielen. 

Oder Du reißt einmal das Fenster auf, stellst Dich davor und atmest tief ein und aus. Und versuchst dabei, alles wahr zu nehmen, was Du kannst. Geräusche, Farben, Gerüche, Temperatur, auch eigene Empfindungen, Gedanken, Gefühle. 

Beim Autofahren. Du kannst das Lenkrad unter Deinen Händen spüren. Oder Deinen Hintern auf dem Sitz. Die Haltung Deiner Beine im Fahrzeug. Du kannst das Geräusch des Motors hören, der anderen Fahrzeuge. Du kannst andere Autos bewusst wahrnehmen. Oder einmal mit der Hand über das Armaturenbrett fahren und richtig wahrnehmen, wie es sich anfühlt. Warm, kalt, rauh, glatt, weich, staubig? (Nein, das ist keine Aufforderung, das Auto dringend mal wieder zu putzen!)

Du kannst das sogar mit Deinem Handy oder Tablet machen, das Du vermutlich gerade in der Hand hältst: Wie fühlt sich der Bildschirm an? Warm? Weich, samtig? Spürst Du das Glas? Spürst Du die Ränder des Handys? Vllt. die Stelle, an der die Hülle auf das Handy übergeht?

Nicht lange. 3 Sekunden, 10, 20. Diese Zeit hast Du IMMER. (Ok, fast immer. Wenn Du gerade mit einem Fallschirm springst, dann mache ihn bitte vor der Mikropause auf.)

Und mit diesen wenigen Sekunden verbindest Du Dich wieder mit dem, was Dich zum Menschen macht. Mit Deinem Körper, Deinen Empfindungen, Deiner Wahrnehmung, stellst wieder Kontakt zur realen Welt her. Du bist mehr als Deine Funktion. Deine Welt hält von Dir ab, ja. Umso wichtiger, dass Du ihr lange erhalten bleibst. 

Eigentlich brauchen wir alle etwas anderes als Mikropausen. Eigentlich bräuchten wir (wenn ich so von mir ausgehe) so 8 Wochen ungestört auf einer Liege am Pool, jemand der uns Essen, Trinken und vlllt. Bücher oder Filme bringt, ansonsten aber in Ruhe lässt. Und Schlaf, die ersten zwei Wochen würde ich einfach durchschlafen. Aber das ist nun mal nicht die Realität. 
Die Realität ist so, dass wir alles tun müssen, um unsere geistige Gesundheit aufrecht zu erhalten. Und dabei kann es helfen, uns immer wieder daran zu erinnern, dass wir Menschen sind.

Wie ist es bei Dir, kanntest Du schon das Konzept von Mikropausen? Wendest Du das an?
Mach doch mal einen Selbstversuch und erzähle dann gerne, wie es Dir dabei ergangen ist!

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