Wartungsarbeiten
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Menschen sind unterschiedlich.
Dazu gehört unsere Einzigartigkeit, unsere persönlichen Eigenschaften, unsere Persönlichkeit, und eben auch unser Körper.
Körper sind unterschiedlich.
Sie sehen unterschiedlich aus und sie fühlen sich unterschiedlich an.
Ich mag ja keine Autos, aber an dieser Stelle würde ich dennoch einen Vergleich mit Autos vornehmen. Der Vergleich mit Fahrrädern funktioniert leider nicht ganz so gut, das wird auch gleich noch klar warum.
Autos sind unterschiedlich.
Wir sind es gewohnt, Autos nach Marken und PS einzusortieren. Wir wissen, dass mehr PS mehr Leistung bedeutet, und dass bestimmte Marken in der Regel eine höhere Qualität mit sich bringen als andere. Wir gehen auch davon aus, dass neuere Autos weniger Probleme machen als ältere. Und wir wissen, dass alle Autos gewartet werden müssen, damit weniger schwerwiegende Reparaturen anfallen.
So ist es mit unseren Körpern auch.
Aber anders als mit den Autos, die wir kaufen, verkaufen, leasen, ausleihen und neu kaufen können, haben wir nun mal den Körper, den wir haben.
Einige Menschen haben großes Glück und haben einen sehr wartungsarmen Körper. Irgendwas an Essen rein gestopft, hinten kommt Energie raus, keinerlei Beschwerden. Andere Menschen müssen extrem darauf achten, was sie essen, wann sie essen, in welcher Menge sie essen, in welcher Reihenfolge oder Zusammensetzung, und so weiter. Weil der Körper Lebensmittel einfach nicht so gut oder einfach verarbeitet. Der Vergleich mit dem Auto wäre: Du gibst irgendwas in den Tank rein, egal ob Diesel oder Benzin oder Alkohol oder Rapsöl oder egal was, das Auto fährt und der Motor trägt keinen Schaden davon. Das andere Auto fährt einfach nur mit Super Plus Benzin, und auch das nicht immer zuverlässig.
Auch von der Leistung her: Wir würden einen Twingo mit 80 PS nicht mit einem Porsche mit 800 PS vergleichen. Es ist völlig klar, dass das eine Dinge tun kann, dass das andere nicht kann. Aber in unserer Gesellschaft tun wir so, als wären alle Körper und alle Menschen leistungsmäßig vergleichbar und alle Menschen können und sollten 40 Stunden + pro Woche arbeiten.
Sind sie nicht und können sie nicht.
Die einen können stundenlang laufen und finden das noch spaßig, die anderen haben nach wenigen Schritten Schmerzen. Die einen können stehen, laufen, tanzen, die anderen müssen nach wenigen Minuten schon wieder sitzen oder liegen. Einige Menschen arbeiten 60 Stunden pro Woche in Erwerbsarbeit und verdienen richtig viel Geld, die anderen arbeiten 100 Stunden pro Woche in Care Arbeit und werden weder bezahlt noch geachtet.
Die Leistungen, die Menschen in der Lage sind zu erbringen, sind nicht vergleichbar, weil sie von ganz vielen Faktoren abhängen.
Der große Unterschied ist, dass es bei Autos vielleicht noch Sinn macht, sie miteinander zu vergleichen, schließlich hat mensch ein Stück weit einen Einfluss darauf, welches Auto eins sich kauft. Vorausgesetzt natürlich, dass eins die nötigen finanziellen Mittel dafür hat, einen Führerschein, und so weiter.
Bei dem Körper haben wir diesen Einfluss sehr viel weniger. Wir haben den Körper, den wir nun mal haben und keine Möglichkeit, den auszutauschen.
Das einzige, wo wir einen Einfluss drauf haben, ist, wie gut wir den Körper, denn wir haben, warten. Und noch mal, lassen wir uns nichts vormachen: Einige Körper sind sehr viel wartungsintensiver als andere. Einige brauchen viel mehr Schlaf, viel mehr Erholung, viel mehr Rücksicht bei der Nahrungsaufnahme, haben mehr Schmerzen, unverschuldete Schmerzen.
Es ist für einen Menschen mit einem wartungsarmen Körper nicht vorstellbar, wie viel Energie ein wartungsintensiver Körper verbraucht. Und es ist keine optionale Energie, die eins in den eigenen Körper hinein steckt. Es ist obligatorisch. Denn die Folge wäre, dass sonst Reparaturarbeiten anfallen, die das ganze Leben aus dem Rhythmus werfen können.
Ich könnte schon wieder das Auto als Vergleich heranziehen, aber arbeiten wir Mal mit Zähneputzen. Zähne sind die einzigen Teile unseres Skeletts, die ein Leben lang (nach den Milchzähnen) exponiert sind. Eigentlich ist es ein Wunder, dass sie das aushalten. Aber wir müssen sie dabei unterstützen. Zähneputzen ist nicht optional, da sind wir uns vermutlich alle einig. Zahnseide ist nicht optional für einige, für andere schon. Zahnzwischenraumbürsten sind für die meisten optional. Für einige nicht. Fluorid Zahnpasta. Für manche Menschen ist fast alles davon optional, weil sie eine so gute Zahnqualität haben, dass die Zähne im Grunde genommen alles mitmachen. Andere können das alles machen und werden trotzdem immer wieder Probleme haben, Karies, Füllungen, freiliegende Zahnhälse, und so weiter.
Menschen mit sehr guter Zahnqualität können sich etwas darauf einbilden und meinen, dass das auf ihre fürsorgliche Wartung zurückzuführen ist. Nur andere Menschen werden bei der gleichen Wartung einfach viel schlechtere Ergebnisse bekommen.
Die, die mit einem Porsche auf die Welt gekommen sind, sollten sich nichts darauf einbilden, denn sie haben genau das nicht selbst erarbeitet, sondern in den meisten Fällen einfach Glück gehabt. Klar, es kann sein, dass sie sich gut ernähren und Sport treiben, aber das machen viele andere auch, ohne die gleichen Ergebnisse.
Ob mensch mit einem “Porsche” oder mit einem “Twingo” als Körper auf die Welt kommt, ist reine Glückssache, auch wenn sich die Porsche-Körper-Inhabys oft etwas einbilden, was einfach nicht real ist.
Die eigenen Privilegien zu übersehen ist sehr einfach und geht meistens zu Lasten der Personen, die diese Privilegien nicht haben.
Deswegen der shout out an alle die, die vielleicht mit ihrem Körpern gerade etwas hadern: Es ist nicht eure Schuld. Die Körper sind, wie sie sind, manche wartungsärmer und manche wartungsintensiver, und manche Menschen haben entweder wahnsinnig viel Zeit, um in die Wartung zu stecken, weil der Körper das Produkt ist, dass sie verkaufen (und deswegen sind die Medien voll von perfekten Körpern) oder sie haben wahnsinnig viel Glück und müssen wenig in die Wartung stecken. Dadurch bleibt einfach mehr Energie für andere Dinge übrig.
Am Ende ist die Zauberlösung wie immer: Vergleichen lohnt sich nicht.
Jeder Mensch ist unterschiedlich, jeder Mensch hat unterschiedliche Bedürfnisse in unterschiedlichem Ausmaß und jeder Mensch ist wertvoll, genauso, wie er ist.
Es ist okay, sich zu ärgern, es ist okay, zu trauern, weil eins selbst weniger Glück hat als andere, und es ist auch eine Energieverschwendung.
Je früher wir die Realität so annehmen, wie sie ist, desto früher können wir anfangen, sinnvoll mit ihr umzugehen.
In diesem Sinne: Fröhliches warten, schlafen, essen, kümmern, und auf dass die nächste große Reparatur lange auf sich warten lässt.
Disclaimer: Ich liebe meinen Twingo, auch und weil er kein Porsche ist.
PS. Die Bildsuche für diesen Artikel gibt noch mal einen eigenen Artikel.
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