Überforderung

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Überforderung. Wir kennen sie alle. Sie ist ein Teufelskreis, aus dem es schwer fällt, auszubrechen. 
Ein faszinierender Aspekt der deutschen Sprache ist, dass Worte so viel mehr aussagen als ihre allgemeine Bedeutung. Wenn mensch Vorsilben von dem Hauptwort trennt, dann werden auch noch andere Seiten sichtbar.
Über-Forderung. 
Jeder von uns kennt es, gefordert zu sein. Gefordert zu sein an sich ist auch noch nicht schlecht. Es treibt mensch an, Höchstleistungen zu erbringen. Es bringt mensch dazu, sich immer weiterzuentwickeln, neue Dinge auszuprobieren, neue Fähigkeiten zu erlernen, neue Fertigkeiten zu erproben.
Wenn die Forderung aber zuviel ist, wenn sie nicht erfüllt werden kann, dann entsteht eben die Über-Forderung. Wenn ständig mehr gefordert wird, als mensch bringen kann.
Die Forderung hat gewissermaßen auch eine Grundlage. Sie entsteht nicht umsonst, sondern sie hat einen Grund zu existieren. Häufig einen berechtigten Grund. Sonst würde mensch vielleicht von Anspruch oder Anspruchshaltung sprechen. Bei der Forderung geht mensch aber davon aus, dass sie berechtigt ist. Und wenn jede Forderung berechtigt ist, die Gesamtmenge der Forderungen aber nicht erfüllbar ist, dann ist mensch in der Über-Forderung. Mehr Forderungen, als Ressourcen da sind, sie alle zu erfüllen.
Die Überforderung ist darin erkennbar, dass mensch das Gefühl hat, keiner einzigen Forderung mehr genügen zu können. Alles, was nicht auf Anhieb funktioniert, alles, was von einem etwas abverlangt, bringt das Fass zum Überlaufen.
So kennen wir es, Mütter, Alleinerziehende. Wir kennen das Gefühl der Überforderung mit unseren Kindern, die nicht so funktionieren, wie wir gelegentlich meinen, dass sie funktionieren müssten. Oder vielmehr, wie wir es bräuchten, dass sie funktionieren, eben weil wir überfordert sind und alles, was nicht funktioniert, nicht aushalten können.
Und da fängt der Teufelskreis an. Wir sind überfordert, das Kind funktioniert nicht. Wir sind so darauf angewiesen, dass das Kind jetzt gefälligst funktioniert, und unternehmen allerlei, das die Situation mit Sicherheit nicht entspannt. Wir können dem Kind nicht entgegenkommen, weil unsere Ressourcen restlos ausgegeben sind. Jede Forderung seitens des Kindes, insbesondere die, die wir als unbegründete Forderung betrachten (z.B. Schuhe anziehen, beim Suchen der Klamotten helfen, beim Tragen des Schulranzens), können eine Explosion verursachen. Wir sehen die Forderungen als nicht begründet an, weil das Kind diese Sachen alle schon kann. Es kann allein Schuhe anziehen, es kann sich ganz allein die Klamotten suchen, es kann auch seinen Schulranzen allein tragen. Und trotzdem stellt es eine Forderungen an uns, dass es unterstützt werden möchte. Anstatt dem Kind zu helfen (sehen wir ja gar nicht ein, von den knappen Ressourcen noch etwas auszugeben, zumal für so eine unnötige Sache!), stutzen wir es zurecht. Schimpfen, bitten, betteln, schreien. Alles würden wir tun, damit das Kind funktioniert und seine Forderung an uns wieder wegnimmt. Indem wir dem Kind absprechen, eine begründete Forderung an uns zu stellen, helfen wir ihm aber nicht, eben gesagte Forderung zurückzunehmen. Ganz im Gegenteil. Es  eskaliert häufig, weil das Kind davon überzeugt ist, dass es genau diese Hilfe jetzt braucht. Aus seiner Sicht ist es eine begründete Forderung, und unsere unbegründete Weigerung das eigentliche Vergehen.
Soweit, so klar. Der Teufelskreis greift, die Forderungen seitens des Kindes werden bei jeder Ablehnung größer, aber auch unsere eigene Forderung, an uns selbst, eine gute Mutter zu sein. Eine nicht gestresste Mutter. Eine Mutter, die ihrem Kind immer nett und hilfsbereit zugewandt ist, und die auch in Stresssituationen einen kühlen Kopf bewahrt. 
Mit dieser Menge an Forderungen können wir nicht zurecht kommen, und auch das Kind kann es nicht. 
Der Streit bricht aus, und eskaliert. Wir versuchen die Forderung, die wir selbst nicht mehr bewältigen können, auf das Kind wieder zurück abzuwälzen. Das möchte aber diese Forderung auch nicht selbst erfüllen.
Ich weiß nicht, wie das bei euch daheim abläuft, aber bei uns hat das schon zu oft zu Schreien, Weinen, Wutanfällen und Tränen geführt. Durchaus nicht nur einseitig. Diese Haltung bringt mich oft wirklich an den Rand der Verzweiflung.

Die Überforderung der Mütter kennen wir also. Besser als es uns lieb ist. Aber was ist mit der überforderung der Kinder?

Und das ist der Aspekt der mir ganz neu gekommen ist (muss ich zu meiner Schande gestehen).
Was brauche ich, wenn ich überfordert bin? Ich brauche es, dass die Forderungen abnehmen. Ich brauche es, dass der Druck weg kommt, und ich zur Ruhe kommen kann. Ich muss auftanken können. Ich muss Dinge tun können, die mir mehr Energie geben, als sie mir Kosten. Ich muss alles, was nicht absolut notwendig ist, reduzieren, um mich darauf zu fokussieren, wieder aufzuladen.
Und es ist so schockierend, weil es auch bei Kindern so ist. Aus irgendwelchen Gründen meinen wir, das Kinder anders sind als wir. Dass Kinder, wenn sie überfordert sind, Grenzen brauchen. Klare Ansagen. Struktur.
Der Mensch, der mir versucht, von außen Grenzen aufzuerlegen, wenn ich überfordert bin, wird eine vermutlich sehr kurze Lebensdauer haben. Und genau gleich ist es bei meinem Kind.
Das Kind muss und will lernen, mit seiner Überforderung umzugehen. Dieses Gefühl, dass alles zuviel ist, abzubauen. Da hilft es extrem wenig, wenn ich, seine Mutter, ihm sage, dass sein Kinderzimmer viel zu unordentlich ist und aufgeräumt werden muss. Die bloße Vorstellung überfordert ihn so dermaßen, dass der nächste Wutausbruch vorprogrammiert ist. Klar. Wenn ich überfordert bin und jemand von mir verlangen würde, meine Wohnung aufzuräumen, würde ich auch einen Tobsuchtsanfall bekommen. Schon deshalb, weil ich ja gerne selbst aufgeräumt hätte, aber absolut nicht in der Lage bin, das gerade zu leisten. Die Wut ist dann eine Mischung davon, eine Erwartung nicht erfüllen zu können, und gleichzeitig auch dieses schlagende Gefühl der Ungerechtigkeit, dass in so einem Zustand überhaupt noch etwas an mich herangetragen wird.
Bei Überforderung ist es so wichtig, die Menge an Forderungen zu reduzieren. Ganz radikal. Alles, was nicht überlebenswichtig ist, muss weg. Und wenn es nicht aufgeräumt ist, dann ist es nicht aufgeräumt. Weil regenerieren die allererste Rolle spielt.
Und so ist es bei meinem Kind auch. Überraschend, wie überraschend diese Erkenntnis kam. 
Als ich ihm gestern gesagt habe, dass wir einen Ruheabend machen, dass wir von der Schule nach Hause gehen, uns direkt Duschen und Baden, Pyjamas anziehen, und danach nur noch Sachen machen, die uns gut tun, ist eine solche Menge an Anspannung von ihm abgefallen, dass es mir schier das Herz zusammen gedrückt hat. 
Das braucht mein Kind gerade. 
Es braucht eine Reduzierung des Inputs, und es braucht die Selbstbestimmung, zu sagen, was es gerade braucht. Braucht es Badewanne, braucht es Kuscheleinheiten im Bett, braucht es Hörbücher oder Vorgelesen bekommen, braucht es in Ruhe Lego zu spielen, braucht es Video, braucht es eine ruhige Zeit zum Malen, oder um Bücher oder Comics anzuschauen? Ich weiß es nicht, ich kann nur ihn fragen. So wie umgekehrt ich für mich herausfinden muss, was ich brauche, wenn ich überfordert bin, so muss ich ihm diesen Raum auch gönnen.

Jetzt machen wir schon den zweiten Ruheabend in Folge. Keinerlei Programm. Er hat Lego gespielt und schaut jetzt Video, ich liege in der Badewanne und schreibe meinen Blog. Danach finden wir uns aufgetankt wieder, und haben einen soviel friedlicheren und netteren Umgang miteinander. Und das Zimmer räumen wir irgendwann dann auf, wenn wir Energie dafür übrig haben. Wann auch immer das sein wird.

Kommentare

  1. Sehr schöner Bericht! Ein Input das bestimmt vielen Alleinerziehenden dabei hilft klarer zu sehen! Vielen Dank!

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  2. Ich bin überwältigt! Es stecken so viele Erkenntnisse in einem vergleichsweise so kleinem Beitrag! Manche Sätze musste ich öfters lesen, weil sie meinen Horizont erweitert haben. Vielen Dank, dass du schreibst und uns damit bereicherst.

    Auch als nicht-Mutter habe ich sehr viel für mich mitnehmen können.

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