Reisen

Auf dem Weg nach Fuerteventura, 2018

Es gibt wenige Dinge auf der Welt, die ich so gerne tue wie reisen. Schon immer, eigentlich. Schon als Kind liebte ich es, im Auto aus dem Fenster raus zu schauen, und Landschaften an mir vorbei ziehen zu lassen. Ich habe Strommasten gezählt, Autos verschiedener Farben. Vogelnester an den Strommasten. Wir haben im Auto gesungen, und Spiele gespielt. Ratespiele, Singspiele, Wortspiele. Lesen konnte ich gar nicht, denn dabei wurde mir schon immer schlecht. So manches Mal habe ich ganze Tüten gefüllt, während wir auf langen, kurvigen Straßen weite Strecken zurück gelegt haben. Und fliegen erst! Ich war noch ein Kleinkind, als wir das erste Mal aufgrund eines familiären Notfalls geflogen sind (fliegen war in den frühen 80er Jahren eine sehr teure Angelegenheit!), und meine wohl früheste echte Erinnerung ist der Blick aus dem Flugzeugfenster und die Angst, ich könnte dort hinaus fallen. 
Und am Ende der Reise, am Ende des Weges... Dann war ich an einem neuen Ort, und alles war neu und aufregend, die Gerüche, die Farben, die Geräusche... Alles habe ich in mich aufgesogen, und mich gefreut über die vielen neuen Eindrücke.
In meiner Jugend habe ich dann Europa erkundet und habe so eine manche schöne Erinnerung an die Jugendherbergen verschiedener Länder. Bei weitem nicht genug, denn das Geld war zu knapp, aber so oft ich nur konnte. Damals hatte ich schon den Traum, "wenn ich erwachsen" (und Schriftstellerin!) bin, dass ich mir dann eine Bahncard 100 kaufen und der Zug mein Büro wäre. Ich würde den ganzen Tag aus dem Fenster schauen und schreiben. 
Eine Zeit lang bin ich dienstlich mehr unterwegs gewesen, per Zug durch die ganze Republik und mit dem Flieger durch die Welt. 
Es war - diesbezüglich - eine schöne Zeit. 
Dann bin ich 2013 schwanger, 2014 Mutter und 2015 Alleinerziehend geworden. Während der Schwangerschaft konnte ich nicht, denn aufgrund der Risikoschwangerschaft war es nicht möglich, mich von einem Krankenhaus entfernt aufzuhalten. Als das Baby ganz klein war ging es nicht, denn mein Mann ist nie mit mir in Urlaub und alleine traute ich mich nicht. 
Und dann war mein Sohn etwas über ein Jahr alt, als ich das erste Mal alleine mit ihm über den Ozean geflogen bin, damit er mein Heimatland kennenlernt, Opa und Oma und seine Cousins und Cousinen sieht, meine Kultur und meine Sprache erlebt. Ich dachte vorher schon immer, dass diese Flugzeugsitze furchtbar eng und klein sind (ich bin immerhin 1,85 m groß), aber ich hatte keine Ahnung, wie es sich anfühlt, auf diesen kleinen engen Sitzen noch ein Kleinkind auf dem Schoß zu haben. Auch beim Essen. Und auf der Toilette. Auf dem Hinflug habe ich kein Auge zugemacht, 11 Stunden lang. Ich habe mich auch kaum bewegt, aus Angst, das schlafende Kind aufzuwecken und einen Horrorflug für alle Fluggäste zu verursachen.
Mensch macht sich keine Vorstellung darüber, was es bedeutet, über Stunden in einer furchtbar schrägen und unbequemen Lage zu sitzen, weil mensch sich nicht traut, sich zu bewegen, sich das Handy oder den Kindle aus der Tasche zu holen, oder das Wasser, oder auch nur einen Keks. Und dann starrt mensch ins Leere, und ärgert sich vielleicht auch noch über sich selbst - denn über das Kind ärgern kann frau sich nicht. Das trägt ja keine Schuld an der Misere.

Nicht falsch verstehen, mein Kind war von kleinst auf super Reise begeistert. Es hat sich vorher gefreut, es ist gerne gefahren und geflogen, wir haben viele Stunden zusammen aus den Fenstern geschaut, wie die Landschaft an uns vorbei zieht. 
Und dennoch war die Last der Reise fast erdrückend. Woran ich alles denken musste! Allein die Reise an sich: 3 Garnituren zum Umziehen (haben nicht gereicht), Windeln in großer Menge, Fläschchen, Gläschen, Spielzeuge, Bücher, Musik... Ich konnte von Glück reden, wenn im Handgepäck noch Platz war für mein Handy und vllt noch meinen E-Book Reader. Und dann musste ich auch noch alles tragen. Auf zwei Bandscheibenvorfälle im frühen Erwachsenenalter sind so Taschen-Koffer-Kind-Abenteuer nicht ganz ohne. 
Ich habe es trotzdem gemacht, weil ich es musste. Ich musste reisen, und ich muss es auch heute noch. 
Nur... Die Unbeschwertheit ist verloren gegangen. Es ist nicht nur die Sorge, beim Packen etwas zu vergessen, was unweigerlich zu einem Wutausbruch führen wird (ja, damit kämpfen wir 2021 teilweise immer noch! Und die sind berüchtigt!). Es ist die Sorge, dass mir etwas passieren könnte, und dann ist keiner da, der sich um das Kind kümmert. Es ist die Sorge, dass ich nicht schlafen kann, und dann muss ich trotzdem das Kind in einer fremden Umgebung betreuen. Es ist die Sorge, dass er übermüdet und überfordert ist, und ich übermüdet und überfordert bin, und trotzdem muss ich herhalten. Es ist die Sorge, dass ich krank werde und selbst gepflegt werden möchte, und es nicht kann, und mich stattdessen um mein Kind kümmern muss. Es ist die Sorge, dass etwas Unvorhergesehes passiert, das meine Kraft übersteigt, und keine:r da ist, der mein Kind und mich auffangen kann. 
Natürlich sind es die gleichen Sorgen, die ich daheim auch habe. Nur daheim habe ich noch eher ein Netz, das mich auffängt, und im Urlaub... Nicht unbedingt.
Es sind grausame Sorgen, und es sind berechtigte Sorgen. Reisen geht immer mit einem Risiko einher. Gerade wenn sowohl Mutter als auch Kind sehr sensibel auf Veränderungen des Gewohnten reagieren ist die Gefahr nicht unerheblich, dass es kracht.
Und dennoch kann ich es nicht lassen. Ich verzichte auf fast alles, für mein Kind, wenn ich muss. Nur muss ich dabei scharf auf die Grenze achten, wo ich mich selbst verliere. Ich brauche das Fremde und die Ferne, um mich lebendig zu fühlen. Und so sitze ich, zum ersten Mal als "Neu-Familie" mit Kind und Partner, und trotz aller Angst vor Überforderung, wieder im Flieger, und mein Kind ist 10 Minuten nach Abflug eingeschlafen. 

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