Das autonome Kind
Das weiß ich jetzt alles. Das wusste ich aber bei der Begegnung mit besagtem Kollegen nichts. Da war mein Kind so drei Jahre alt.
Und so habe ich gegoogelt, und den Begriff "autonomes Kind" bei Jesper Juul gefunden. Der hat sogar ein ganzes Buch zu dieser besonderer Art Kinder geschrieben: Dein selbstbestimmtes Kind - Unterstützung für Eltern, deren Kinder früh nach Autonomie streben - Das letzte Buch des Bestsellerautors (nicht sein bestes Buch, zugegebenermaßen, und dennoch lehrreich).
Praktisch alle Eigenschaften autonomer Kinder haben auf meins zugetroffen - der wenige Schlaf, die motorische Fitness, die Willensstärke, dass er Körperkontakt nur wollte, wenn er von ihm initiiert war (ein ganzes Jahr lang praktisch überhaupt nicht, was für mich sehr schlimm war, und sich aber später wieder gegeben hat), und diese ganz ungewöhnliche Autonomie. Gerade eben habe ich einen Tagebucheintrag gelesen, als er mit drei Jahren allein vom Kindergarten nach Hause gelaufen ist. Die Diskussion im Vorfeld war in etwa so: Er wollte in den Sandkasten, und ich wollte ihn nicht mit Sand ins Auto lassen. Das war sein Bedürfnis, jenes meins. Die Lösung war: er läuft. Allein (weil ich ja das Auto fahren muss). Die komplette Strecke nach Hause. Er war echt noch so klein! Aber mein Versuch, ihn gegen seinen Willen ins Auto zu zwingen hatte schon mit zwei Jahren dazu geführt, dass er sich während der Fahrt vom Kindersitz abschnallt und über die Sitzlehne nach vorne zu mir klettert. Das Kind war nicht zu bezwingen.
Seitdem und unter den klugen Einsichten von anderen Eltern und besagtem Therapeut habe ich die Gleichwürdigkeit als "Erziehungsmethode" (ich sollte sagen: Begleitungsmethode, denn erziehen kann ich das Kind nicht) etabliert. Wir verhandeln unfassbar viel. Meistens geht es darum, dass er ein Bedürfnis hat, und ich ein anderes, und in meiner Sicht kein Bedürfnis stärker wiegt als das andere. Mein Ziel als Mutter ist es, beide Bedürfnisse in Einklang zu bringen. Weil er für mich ein echter Mensch ist, und nicht nur ein halber. Und umgekehrt versuche ich ihm jeden Tag seines Lebens beizubringen, dass ich ein gleichwürdiger Mensch bin. Wir haben BEIDE Bedürfnisse, Grenzen, Rechte und Pflichten.
Erst heute morgen hatte ich im o.g. Buch das Kapitel "Das Leben in einer selbstbestimmten Familie" über die Unterscheidung zwischen autonomen Kindern und kleinen Tyrannen gelesen. Autonome Kinder sind an einer Lösung interessiert. Ich sage meinem Kind, was mein Bedürfnis ist (zum Beispiel mein Auto nicht voller Sand zu haben!!), und dann wird das bei der Lösungssuche berücksichtigt. Und er kommt auf Lösungen, auf die ich nicht gekommen wäre.
Also, wenn noch jemand kämpft mit vermeintlich furchtbar starrsinnigen und selbstbestimmten Kindern und mit ihrem:seinem Latein völlig am Ende ist: Google Mal nach autonomen Kindern. Das könnte dein Leben verändern.
(Und wenn du Google nicht nutzen magst, dann informier dich über datenschutzfreundliche Suchmaschinen wie Duckduckgo oder ökologische Suchmaschinen wie Ecosia.)
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