Nicht noch ein Post zu Corona!

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Zu meiner Verteidigung: es ist mein erster.
Sogar Christian Drosten machte Sommerpause, weil schon alles gesagt ist: "Die Impfung ist der Weg aus der Pandemie, die Impflücken müssen geschlossen werden. Viel mehr gibt es jetzt nicht mehr zu sagen".
Nichts davon ist neu. 
Und dann ist es so entsetzlich und unverständlich, warum diese Maßnahmen, die jetzt beschlossen werden - 2G und 3G plus und 2G plus -, die naheliegender Weise nochmal eine Impfwelle auslösen, mit der unser System wieder nicht klar kommt, nicht schon lange, nicht schon über den Sommer beschlossen wurden. Dann hätten wir nicht jetzt die langen Schlangen in den Impfzentren und die überlasteten Intensivstationen und wir hätten Weihnachtsmärkte
Aber nein, im Sommer wollte niemand etwas von dem Virus wissen und es waren Wahlen und keine:r wollte sich unbeliebt machen. 
Und so stehen wir da. Es ist November 2021, und gleichzeitig ist es November 2020, denn es ist nicht nur dunkel und kalt draußen, sondern wir haben es (immer noch!!) mit einem Virus zu tun, der auch kleinste Familien- und Freund:innentreffen zum Beginn einer Katastrophe werden lassen kann. 
Meine Familie und fast alle meiner Freund:innen sind doppelt und dreifach geimpft, aber unsere Kinder nicht. Unsere Kinder sitzen täglich mit 20 oder 30 anderen ungeimpften Kindern im Klassenzimmer, und ihr einziger Schutz besteht darin, dass die Erwachsenen um sie herum einen Schutzschirm bieten. Wenn sich alle Erwachsenen impfen ließen, dann würden sich unsere Kinder auch nicht anstecken. Und dann müssten wir nicht unsere Kinder impfen lassen, für die die Impfung ein ganz anderes Verhältnis von Nutzen und Kosten bringt. Ihr Risiko einer schweren Erkrankung ist gering, gemessen daran (und nur daran) ist das Impfrisiko größer (bei Erwachsenen ist das anders herum). 
Und ich - wie Hunderte und Tausende anderer Eltern! -, ich bin so #mütend! Dieses Zauberwort, diese Konstruktion aus müde und wütend, das beschreibt so gut, wie es mir, wie es uns Eltern, nach den fast 2 Jahren Pandemie geht! Und dann noch die Diskussion um die Spaltung der Gesellschaft! 
Corona ist eine Sackgasse, und mein Gehirn versucht ununterbrochen, Wege aus der Sackgasse zu finden. Jeder zweite Gedanke endet mit "ach, geht ja nicht, ist ja Corona". Corona nimmt mir fast jede Möglichkeit des Aufladens, und bürdet mir noch viele zusätzliche Sorgen auf. "Es hat geschneit, und der Weg mit dem Fahrrad in die Schule ist nicht befahrbar? Mist, bei den Inzidenzen steige ich nicht mit meinem Kind in einen vollgestopften Schulbus ein, mit anderen Kindern aus anderen Klassen, die alle eine extrem hohe Inzidenz gerade haben und erst in der Schule getestet werden!". Überhaupt versuche ich mein Kind möglichst wenig in andere Gruppen zu mischen - was bedeutet, dass ich es die ganze Freizeit allein daheim habe und beschäftigen "darf" -, ständig muss ich Risiken abwägen. Schwimmen ist mega wichtig, zu viele Kinder ertrinken in Deutschland (Ertrinken ist bei 1 – 5 jährigen Kindern die häufigste und bei 5 – 10 Jährigen die zweithäufigste nichtnatürliche Todesursache nach Verkehrsunfällen lt. Dr. med. Cornelia Thüner im DLRG), aber wichtig genug, um mein ungeimpftes Kind mit anderen ungeimpften Kindern ungeschützt einmal die Woche ins Hallenbad zu stecken? 
Was muss noch passieren?? Und warum muss ich jetzt auch noch was dazu schreiben, wenn doch schon so viel geschrieben wurde?
Ich glaube, weil mich das gestrige positive Poolergebnis in der Schulklasse von meinem Kind getriggert hat. Ja, natürlich werden wir es alle irgendwann kriegen, und die (ungeimpften) Kinder auch noch früher als die (geimpften) Erwachsenen. Natürlich sind die Verläufe bei Kindern in der Regel nicht schwer, von PIMS einmal abgesehen, und über Spätfolgen ist noch zu wenig erforscht (aus naheliegenden Gründen). Aber... mein Kind. Betonung liegt auf "mein". 
Da draußen ist etwas, wovor ich es nicht beschützen kann. Natürlich gibt es mehrere Gefahren, wovor ich es nicht beschützen kann. Beim Straßenverkehr ist viel viel Übung und Begleitung nötig, bis sich ein Kind selbständig schützen kann. Aber da tut der Staat wenigstens alles in seiner Macht stehende viel, um die Kinder zu beschützen. Geschwindigkeitsbegrenzung an allen Schulen, Ampeln, Fußgängerstreifen, Verkehrstraining im Unterricht, ausgewiesene Schulwege, Schulweghelfer:innen an den Ampeln, usw. 
Bei Corona dagegen? Da hieß es zuerst "Schulen zu", jetzt (gefühlt schon ewig!) heißt es immerhin "Schulen auf, Jacken an und Fenster auf", weil außer Lüften keine geeigneten Maßnahmen getroffen wurden, um die Kinder zu schützen. Ich fühle mich verraten. Das Kind muss in die Schule, und in der Schule wird es nicht ausreichend geschützt. 
Es ist diese aufgezwungene Machtlosigkeit. Unsere Kinder wurden von Anfang an völlig ignoriert. Wisst ihr noch, als die Spielplätze geschlossen hatten? Da wussten wir noch nicht genug über das Virus, und haben es in Kauf genommen, um die Gefahr für alle zu minimieren. Okay, dafür haben wir alle Verständnis.
Aber 1,5 Jahre später werden immer noch die Laternenumzüge abgesagt, während im "Norden" (von hier aus gesehen ist alles Norden...) Karneval gefeiert wurde, und die Weihnachtsmärkte werden abgebaut, während die Fußballstadien mit 50.000 Zuschauer:innen voll sind
Es sind die Prioritäten, die mich so fertig machen. Mich und alle anderen auch, ist mir klar. 
Und warum ändert sich nichts?
Weil Familien nicht im Fokus der Politik sind. Waren es nie, werden es hoffentlich irgendwann sein. Bald. Der Koalitionsvertrag macht ein bisschen Hoffnung (dazu empfehle ich den Blick von Dr. Christine Finke AKA @mama_arbeitet). 
Repräsentiert sein, sich repräsentiert fühlen. Von Menschen, von denen ich vermute, dass sie ähnliche Erfahrungen und eine ähnliche Lebenswelt kennen. Das ist lebenswichtig, überlebenswichtig. Sonst landen wir - Eltern, Alleinerziehende, Kinder - wieder dort, wo wir immer sind. Ganz ganz unten auf der Prioritätenliste. Wir können das nur ändern, wenn wir uns engagieren - gerade wir, die wir dafür nun wirklich keine Zeit haben, weil wir schon so nicht berücksichtigt sind und alles an Energie benötigen, um den Alltag irgendwie zu bewältigen.
So lange es "mehr Thomas als Frauen in Vorständen gibt" (Spielerein des Manager Magazins gegenüber dem Originalartikel der NYT), so lange Frauen insbesondere in den hohen Politikposten noch dramatisch unterrepräsentiert sind, so lange Frauen im Durchschnitt zwar besser ausgebildet, aber in den Führungsetagen deutlich in der Unterzahl sind, so lange Politik von ("alten, weißen, cis-") Männern für ("alte, weiße, cis-") Männer gemacht wird, ohne die gesamte Gesellschaft im Blick zu haben, so lange werden wir immer mütend sein. Müde und wütend und komplett machtlos.
Der Weg aus der Machtlosigkeit geht über die Macht. Doch mehr dazu an einem anderen Tag, dafür bin ich heute zu müde...

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