Antreiber

                                                    Sonnenaufgang hinter Blütenkorb


Ich bin eine Optimiererin. Nicht Optimistin, das bin ich auch, sondern Optimiererin. Vermutlich vererbt: Auch meine Eltern hatten große Freude daran, Dinge zu optimieren. Dinge, Verläufe, Verfahren, Menschen. "Ich habe ein System entwickelt!" war ein gängiger Satz meines Vaters, der Kultstatus erreicht hat. 
Erst viel viel viel später ist mir bewusst geworden, dass ich das auch mache. Überall versuche ich, Zusammenhänge zu erkennen, Muster, Schemata. Alles, was mensch irgendwie erklären kann, versuche ich zu erklären. Zum einen ist es gewiss der Versuch, Sicherheiten, Bestimmtheiten zu generieren. Versuchen zu verstehen, was um mich herum geschieht, um dann auch möglichst vorhersagen zu können, was (vermutlich) als nächstes geschieht. Das gibt mir ein Gefühl von Kontrolle, von Sicherheit. Zum anderen ist es die reine Freude. Zusammenhänge (auch vermeintliche) zu entdecken bereitet mir Freude. Sei es, wenn ich ein neues Stück Klavier lerne, und plötzlich haben die Dinge einen Sinn. Die Melodie, die vorher nur einzelne Noten waren, schließt sich zu einer Gestalt zusammen (dazu hole ich ein anderes Mal weiter aus). 
Bei meinem Sohn beobachte ich diese Freude auch: Wenn er einen Mechanismus nicht versteht, dann umkreist er den Gegenstand, schaut ihn sich von allen Seiten an, und plötzlich... versteht er ihn. Wenn ich hier drücke, dann schiebt sich das nach da drüben, und löst das da aus, und dann passiert jenes. Und wenn mensch verstanden hat, wie etwas, eine Funktion, ein Ding, ein Mechanismus funktioniert, dann kann mensch auch versuchen, diesen zu verändern. 
Was für mechanische Systeme funktioniert, funktioniert gewissermaßen für Menschen auch, nur anders. Ohne zu weit in die Hirnstrukturen einsteigen zu wollen (was ich bestimmt irgendwann auch noch tun werde), die Form, wie unser Gehirn aufgebaut wird im Laufe eines Lebens hat entscheidende Einflüsse auf die Funktion, die Art, wie es funktioniert. Und zwar physikalisch messbare Strukturen. Sätze, die mensch ein Leben lang gesagt oder gehört hat, sind so dermaßen automatisiert, dass sie sich gewissermaßen "von alleine" denken. 
In diese Kategorie der "automatischen Gedanken" oder "Glaubenssätze" fallen die inneren Antreiber. 
Über die inneren Antreiber bin ich vor einigen Jahren gestolpert, als ich eine dienstliche Fortbildung gemacht habe. Die dortigen Erkenntnisse haben mich nachhaltig geprägt. 
Es sind fünf innere Antreiber: 
1. Sei perfekt! (also genau, fehlerlos, vollkommen, kompetent) 
2. Beeil Dich! (sei schnell) 
3. Streng Dich an! (lass dich nicht unterkriegen, versuche es immer wieder) 
4. Sei gefällig! (sei freundlich und liebenswürdig, suche die Harmonie) 
5. Sei stark! (sei unabhängig, selbstbeherrscht und souverän, schaffe alles allein und teile deine Gefühle nicht mit anderen) 
Die inneren Antreiber sind an sich gute Begleiter. Sie zeigen uns Lösungswege, die schon ein- oder mehrmals erfolgreich waren. 
Aber (und natürlich gibt es ein Aber): Sie wirken absolut und oft automatisch. Will heißen: Wenn wir gerade nicht hinschauen oder wenn wir in eine besondere Stresssituation geraten, dann entsprechen wir im noch höheren Maß unseren Antreibern. Und dann sitzen wir in der Falle, weil die Antreiber keinen Endpunkt haben. Sie gelten immer, also absolut: Egal wie schnell du bist, es geht immer noch schneller. Egal wie perfekt du schon bist, es geht noch besser. Und wenn mensch im Stress ist, dann passieren ihm vielleicht schneller Fehler und schon greift der Perfektionsantreiber noch intensiver. 
Die Dosis macht das Gift. 
Jede:r von uns hat alle Antreiber, nur unterschiedlich ausgeprägt (und auch von der Tagesform abhängig). Es gibt Tests, mit denen mensch seine Ausprägung der inneren Antreiber ermitteln kann (z.B. von der Transaktions-Analyse, wo sie her kommen). Die Auswertung ist in allen Testvarianten, die ich kenne, sehr ähnlich: Es gibt förderliche Antreiber (solche mit einer niedrigen Punktzahl, 10-29 Punkte), möglicherweise (Leistungs-) beeinträchtigende Antreiber (30-39 Punkte) und gesundheitsgefährdende Antreiber (alles, was über 40 liegt). Wenn mensch einen Antreiber über 40 hat, dann ist das schon bedenklich. Und besonders eingeprägt hat sich diese Antreiber-Theorie, weil bei meiner Fortbildung damals eine Person mehrere Werte über 40 hatte - und die entsprechenden psychischen Probleme dazu. 
Mein Hauptantreiber ist "sei schnell!". Die eine oder andere Person in meinem Umfeld mag das schon beobachtet haben. Ich kriege wahnsinnig viel weg. Ich kann nur Vollzeit arbeiten als Alleinerziehende mit einem kleinen Kind und dann noch Ehrenämter häufen, weil ich so schnell bin, scheinbar niemals still stehe. Ich habe das Handy ständig in der Hand, und meistens mache ich damit auch irgendwas. Ich diktiere Artikel für die Vereinszeitung, während ich koche, ich diktiere Posts für den Blog, während ich Wäsche zusammen lege, und in der Arbeite mache ich immer 4 Dinge gleichzeitig. Wenn ich nicht gestresst bin. Wenn ich gestresst bin, dann mache ich 12 Dinge gleichzeitig. Während ich Wäsche lege. 
Die Gefahr ist nämlich, dass der Antreiber immer stärker wird, je gestresster ich bin. Und das habe ich schon beobachtet: Je schneller ich bin, desto schneller muss ich sein. Ich bin immer schnell, aber wenn ich gestresst bin, bin ich krass schnell. Ungesund schnell. Für die anderen, aber auch für mich. Ich rede im rasenden Tempo, und mein Kopf überschlägt sich schier vor lauter Gedanken. Meine Mails werden immer kürzer und prägnanter (bis zur Grenze der Unhöflichkeit), ich vergesse, auch wichtigen Menschen zu fragen, wie es ihnen geht. Ich muss Zeugs weg kriegen! Ich kriege diesen Tunnelblick, schaffe noch mehr Zeugs weg, werde aber dabei nicht glücklicher, sondern immer gestresster. 
Deswegen muss ich mit der Geschwindigkeit aufpassen. Ich muss aufpassen, dass ich mich vor lauter Geschwindigkeit nicht selbst überschlage. 
Ich würde Wetten abschließen, dass jede alleinerziehende Mutter, und vermutlich auch etliche Müttern - und vllt. sogar Väter - in Zwei-Eltern-Familien, mindestens einen Wert über 40 haben. Vermutlich sogar mehrere. Weil wir ständig am Limit gehen. Weil es eigentlich nicht schaffbar ist, ein Kind (oder mehrere Kinder!) allein zu betreuen, allein zu begleiten. Weil es nicht schaffbar ist, nebenher noch zu arbeiten, einen Haushalt zu schmeißen, und auf sich selbst aufzupassen. Von Freunschafts- und Beziehungspflege ganz zu schweigen. Es geht nicht. Aber wir versuchen es. Jeden Tag aufs Neue, obwohl wir wissen, dass es nicht geht. Weil es alternativlos ist. Weil wir keine Option haben, das Kind ist ja da, und all die anderen Aufgaben auch. 
Geht es nicht? 
Naja, wenigstens nicht automatisch. Mit viel Aufwand geht es, wenigstens ein bisschen. Anfangs tut es aber etwas weh. 
Es gibt Gegen-Sätze zu den Antreibern. 
Statt "Sei perfekt!" zum Beispiel "Ich darf Fehler machen", oder "Ich darf auch was nicht wissen". Eine der größten Herausforderungen war es mal, absichtlich einen Fehler einzubauen. Ich weiß gar nicht mehr, was es war, aber ich habe absichtlich etwas falsch gemacht und unfassbar darunter gelitten. Bei der Mail an meinen Chef einen falschen Link geschickt oder so. Und siehe da: Nichts passiert. Die Welt geht nicht unter! JEDER:M passieren mal Fehler. 
Statt "Beeil Dich!" sage ich mir "Dafür ist jetzt Zeit" oder "Die zwei Minuten habe ich immer". 
Statt "Streng Dich an!" sage ich mir "Es ist okay, etwas nicht zu schaffen" oder "Auch du (also ich) musst nicht alles können". 
Statt "Sei gefällig!" (auch ein gefährlicher Antreiber für mich) denke ich mir "Ich bin wie ich bin" (hat ein bisschen was von "Friss oder stirb"). 
Und statt "Sei stark!" sage ich mir "Es ist okay, um Hilfe zu bitten oder Hilfe anzunehmen". Oder "Wenn Menschen wissen, wie es Dir geht, können sie leichter auf Dich Rücksicht nehmen". 

Und so komme ich zu dem heutigen Foto. Entstanden auf dem Rückweg von der Schule, wohin ich meinen Sohn mit dem Fahrrad begleite, noch vor der Arbeit. Die Minute zum Fotos machen habe ich immer (ok, realistischerweise fast immer). Weil wenn ich mir die Minute nicht gebe, dann stimmt etwas grundsätzlich nicht.
Und Dir, zum Dank, dass Du Dir von Deiner kostbaren Zeit einige Minuten abgezwackt hast, um diesen Artikel zu lesen, noch weitere Bilder, die mich heute morgen erfreut haben.
 








Wer noch etwas zu den inneren Antreibern erfahren will, kann gerne auf den Seiten der Transaktionsanalyse oder z.B. bei der Resilienz-Akademie nachlesen.

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