Gatekeeping? Oder einfach Erfahrung?
Vielfach ist von maternal gatekeeping ("mütterliche Pförtnerin") die Rede. Damit ist gemeint, dass die Mutter den Vater daran hindert, mit dem Kind eine Beziehung aufzubauen bzw. mit dem Kind so umzugehen, wie er es für richtig hält (dieses Phänomen wird bei gleichgeschlechtlichen Paaren scheinbar nicht beobachtet, alle Artikel, die ich kenne, beziehen sich ausnahmslos auf Vater-Mutter-Kind Konstellationen). Diese Narrative findet sich besonders oft auf Väter(-lobby-)seiten und -foren, z.B. https://www.fatherhood.gov/research-and-resources/maternal-gatekeeping-mothers-beliefs-and-behaviors-inhibit-greater-father.
Es ist eine Sichtweise, für die mensch zahlreiche Beobachtungen machen kann. Mütter, die Vätern Anweisungen geben. Väter, die so lange untätig sind, bis sie eine konkrete Aufgabe bekommen. Mütter, die Väter ausschimpfen, wenn sie etwas nicht so tun, wie sie es gerne hätte.
Je mehr Zeit Mütter allein mit ihren Kindern verbringen/allein gelassen werden, desto stärker optimieren sie ihre Abläufe - naheliegender Weise, denn kein Mensch geht gerne auf die Suche nach Milchpulver, wenn das Kind schon ausgehungert ist und nach Leibeskräften schreit. Mütter - denn in der Regel sind es die Mütter - sind nicht umsonst gut organisiert. Das ist reine Überlebenskunst. Je seltener und je später Väter ihre Kinder vollverantwortlich übernehmen, desto mehr sind die Machtkämpfe um die richtige Umgangsweise vorprogrammiert.
Das ganze basiert auf einem Ungleichgewicht, das von Patricia Cammarata AKA dasnuf auch im deutschen Sprachraum bekannt wurde als mental load. Darüber werde ich mit Sicherheit noch sehr viel schreiben, nur nicht heute. Deswegen nur die Brotkrümel: Wer trägt Verantwortung für das Kind. Nicht nur faktisch (im Sinne von darauf achten, dass es nicht in den Swimmingpool rein fällt und ertrinkt), sondern auch gedanklich: Wer packt Handtücher und Windeln ein, Badehosen, Snacks und Getränke, Klamotten zum Umziehen, kühlere zum Spielen nachmittags und wärmere wenn das Kind abends auskühlt, wer denkt an die Eintrittskarten und die Zeitbuchung (Corona sei Dank), wer benachrichtigt vllt noch Freunde, damit das Kind Spielgefährt:innen vor Ort hat. Wer fühlt sich für das Kind verantwortlich, für das Wohl des Kindes verantwortlich.
Bei dem gemeinsamen Freibadbesuch ist es oft so (ich bemühe Mal ein paar Klischees, um einen Punkt heraus zu stellen, bitte seht es mir nach!), dass die Mutter die komplette gedankliche Last trägt (die unsichtbare Arbeit), der Vater packt seine Badehose ein und die Sachen ins Auto und wird im Freibad dafür gelobt, wenn er sich fünf Minuten mit dem Nachwuchs im Wasser beschäftigt. Das, was die Mutter die gesamte Zeit leistet, ist unsichtbar und wird voraus gesetzt.
In der Narrative von der Mutter als Gatekeeper, die den Vater ausgrenzt, wird häufig dieses "winzige Detail" vergessen: Wer trägt an Ende die Konsequenzen eines Handelns. Wer bleibt Zuhause, wenn das unterkühlte Kind krank wird? Wer pflegt es, wenn es bei zu heftigen Spielen verletzt wird? Wer tröstet es, wenn sein Lieblingsplüschtier vergessen wurde? Wer muss mit dem völlig unausgeglichenen und ausgehungerten Kind zurecht kommen, wenn nicht genug zu Essen dabei war?
Wenn die Mutter von beiden Eltern (von der Gesellschaft sowieso) als die Verantwortliche gesehen wird, dann festigt sich diese Position der Mutter als "Chef" (die alles bedenken muss und auch die Ansagen macht) und des Vaters als "Angestellten" (der nur ausführt, aber nichts selbst beiträgt). Das kann doch keine:r wollen. Oder? Oder??!?
Doch, das können viele wollen, und wer das so möchte, soll das bitte so machen. Gerne bewusst und gesehen, statt automatisch und unsichtbar.
Wer jedoch lauthals gegen das Gatekeeping protestiert, der möge bitte Verantwortung auf voller Linie übernehmen. Und zwar so früh wie möglich, und zwar auch schon während die Familie "intakt" ist, also vor einer Trennung.
Ein Papa-Tag in der Woche (warum eigentlich nur einer und nicht 3,5??) heißt nicht, dass Mama die Klamotten und die Windeln und die Snacks einpackt, und Papa geht dann mit dem Kind zwei Stunden auf den Spielplatz. Ein Papa-Tag heißt dann bitte, dass der Vater auch die mentale Last trägt, an alles zu denken und die Verantwortung dafür zu übernehmen, woran er nicht gedacht hat. Lösungen zu finden, wie auch immer diese dann ausfallen mögen. Denn aus dieser Erfahrung wächst das Vertrauen von beiden Eltern in das "parenting" des jeweils anderen.
Was das für Alleinerziehende heißt, ist nochmal ein ganz anderes Kapitel. Denn dort wird die Rhetorik des maternal Gatekeepings oft auch schlicht von Vätern benutzt, die vor der Trennung keinerlei Bestrebungen hatten, die volle Verantwortung auch nur stundenweise zu übernehmen, und sich plötzlich ein Wechselmodell erkämpfen wollen.
Natürlich müssen Mütter lernen, damit umzugehen, dass Väter Dinge anders tun als sie. Anfangs, wenn das Kind auf die Welt kommt, hat keine:r einen Wissensvorsprung. Das ist die Zeit, um dem "Gatekeeping" zuvor zu kommen. Hier eine ausgewogene Zeitaufteilung zwischen den Eltern kann Wunder bewirken. Warum nicht ein Wechselmodell innerhalb der Zwei-Eltern-Familie, in dem die Eltern sich in der Vollverantwortung abwechseln können? Dann bleibt sicher das Gatekeeping erspart - und vllt sogar auch die Trennung.
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