Radikale Akzeptanz

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Bei meinem letzten Blogpost ging es um den Wind und die Segel. Es ging darum, dass wir den Wind nicht ändern können, aber immerhin Kontrolle darüber haben, wie wir unsere Segel setzen. Bei diesem Vergleich wird erkennbar, dass wir keinen sofortigen Einfluss auf die Welt haben, auf die Dinge, die einem zustoßen. Wenn überhaupt, haben wir die Möglichkeit, unsere eigenen Segel, unsere eigene Reaktion so auszurichten, dass sie das System stabilisiert, statt weiter zu gefährden.

Wenn der Wind von Nordost kommt, dann kommt er von Nordost. Dann kann ich mühevoll gegen den Wind kreuzen, aber ich kann nicht so tun, als würde er von Südost kommen. Wenn ich so tue, als würde er von einer anderen Richtung kommen, als er es tut, kann ich nur mich selbst und mein Boot gefährden. Dann wird die Fahrt zu einem kontinuierlichen Kampf, weil ich das nicht annehme, was offensichtlich ist. Die Realität ist, wie sie ist

In der Psychologie gibt es das Konzept der radikalen Akzeptanz (s. z.B. https://www.m-huebler.de/radikale-akzeptanz/). Es ist so einleuchtend wie schwer umzusetzen: Ich nehme die Welt so wie sie ist und versuche darauf aufbauend die bestmögliche Reaktion für mich zu finden. 

Natürlich wird es umso schwieriger, je fester meine Vorstellung ist, was sein sollte. Das, was ich meine, wie es sein sollte, kann die Realität so weit überlagern, dass ich meine Segel danach ausrichte. Nach dem imaginären Wind. Nicht nach dem realen. Aber stell dir vor: Der Wind ist, wie er ist. Nicht, wie ich ihn gerne hätte. 

Das ist der erste Schritt der radikalen Akzeptanz. Die Realität so anzunehmen, wie sie ist. Ich lebe das Leben, was ich lebe, in dem Körper, was ich habe, mit dem Kind, was ich bekommen habe, mit dem Job, den ich habe, in der Wohnung, in der ich lebe, mit den Gegenständen, die darin sind, mich begleiten die Personen, die es nun mal tun und die so sind, wie sie sind, in der Welt, die existiert, in einer Gesellschaft, die so geprägt ist, wie sie nunmal ist. 

Das ist die Realität. 

Ich kann diese Realität genauso wenig ändern wie ich meinen Körper ändern kann. 

Wir bekommen alle ein Los in der großen Lotterie des Lebens und das sollten wir nicht mit anderen vergleichen. Wenn ich mich mit anderen vergleiche, dann bin ich dem Untergang geweiht, weil andere Menschen einfach ganz andere Voraussetzungen haben als ich. Vielleicht funktioniert ihr Stoffwechsel anders und sie sind von Natur aus schlank und haben keine Vorstellung, was es bedeutet, ständig gegen seinen eigenen Körper zu kämpfen. Vielleicht sind sie in einer glücklichen Ehe, und ziehen ihre Kinder als  Gemeinschaftsprojekt groß. Vielleicht haben sie Eltern in der Nähe, die das Familienleben freundlich, aber unaufdringlich, unterstützen. Klar, das ist ein Bild von der Margarinenwerbung, und wir alle wissen, dass das Leben nicht wirklich so ist. Aber wir sollten nicht vergessen, dass die Margarinenwerbung Dank Instagram und Co inzwischen ein dauerhafter Begleiter unserer Leben ist. Fast nichts davon ist wahr, wenn wir genauer darüber nachdenken. Dort wird eine Perfektion suggeriert, die es nur genau dort gibt. Vor der Kamera.

Und dennoch: die Lose sind nicht gerecht verteilt. Es geht nicht darum, wer was verdient hat oder nicht verdient hat. Krebs sucht sich seine Patientinnen nicht danach aus, ob sie gute oder schlechte Menschen sind. Krankheiten im allgemeinen, ein Immunsystem, das den eigenen Körper boykottiert. Das sucht sich kein Mensch aus und vielleicht können wir (und sollten wir!) der Medizin einen (sehr großen!) Vorwurf daraus machen, dass gerade Krankheiten, die Frauen betreffen, sehr viel unerforschter sind als Krankheiten, die überwiegend Männer betreffen.  

Und dennoch können wir nicht negieren, dass das die Realität ist. Die Realität ist, dass ich zum Arzt gehe und nicht ernst genommen werde, weil ich eine mittelalte Frau bin, für die die einzige verfügbare Diagnose nun mal Hysterie ist. Ich übertreibe, aber ihr seht den Punkt. 

Worauf ich hinaus will, ist: die Realität ist. Ich kann sie langfristig versuchen zu ändern, in sehr kleinen Schritten, aber nur, wenn ich sie erstmal so annehme, wie sie ist. 

Die radikale Akzeptanz ist eine lebenslange Übung, meiner Erfahrung nach es ist nichts, was jemand kennenlernt und dann gleich umsetzen kann, sondern was eine kontinuierliche und intensive Auseinandersetzung braucht und ein ganz bewusstes darauf Einlassen und sich vergegenwärtigen, was gerade ist. Das Ziel ist, dass ich nicht mehr gegen den Wind kämpfe, sondern mit dem Wind mitgehe. Das kann ich aber nur, wenn ich den realen Wind wahrnehme. 

Ich muss es aber auch nicht auf einmal schaffen, denn das wäre gar nicht machbar. Solange ich es nicht schaffe, die Realität so anzunehmen, wie sie ist, schaffe ich es vielleicht wenigstens, anzunehmen, dass ich die Realität gerade nicht annehmen kann. Vielleicht schaffe ich es anzunehmen, dass ich frustriert bin, verärgert, traurig, wütend, weil das Leben nicht so ist, wie ich es gerne hätte. Weil Dinge ungerecht sind, schlecht verteilt und völlig ohne Erklärung geliefert. Und wenn ich es nicht schaffe, anzunehmen, dass ich frustriert bin, dann schaffe ich es vielleicht wenigstens, anzunehmen, dass ich es nicht schaffe, anzunehmen, dass ich frustriert bin. Es gibt immer eine Ebene, auf der das möglich sein wird, auch wenn es nicht immer die ist, die ich mir wünschen würde. 


Im Übrigen kann ich die beiden Filme Inside out (deutsch: “Alles steht Kopf”) sehr empfehlen. Den ersten hatte ich vor einigen Wochen auf Empfehlung meiner 11-jährigen Nichte angeschaut, für den zweiten Teil waren wir letzte Woche im Kino. Da werden die Emotionen als eigene Charaktere im Kopf eines wachsenden Mädchens dargestellt. Es ist so unterhaltsam wie psychologisch gut fundiert, nicht alles, natürlich ist da auch ein Aspekt von Unterhaltung und Unschärfe drinnen, aber im Großen und Ganzen. Und ich bin gespannt, ob ihr die gleiche Lehre aus dem Film zieht wie ich, die sich mit diesem Artikel zum großen Teil deckt.

Das, was ist, ist.


Falls du mehr zum Thema radikale Akzeptanz lernen möchtest und Übungen dazu suchst, fand ich diese Seite ziemlich gut: https://gedankenwelt.de/uebung-zur-radikalen-akzeptanz-nimm-realitaeten-an-die-du-nicht-veraendern-kannst/ 

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