Die Segel und der Wind

Foto: privat

Ich liege in meinem Bett und draußen geht der Wind. Ich höre ihn durch das offene Fenster, nicht nur das Rauschen der Blätter in den Bäumen, deren Bild ich auch im Spiegel sehe, sondern auch das kontinuierliche Peitschen eines Stahlseiles am Kran der Baustelle vor meinem Fenster. Wenn ich die Augen zumache, dann ist das Geräusch zum Verwechseln ähnlich mit dem Klatschen der Leinen am Mast eines Segelboots. Es ist die gleiche Geräuschkulisse, wie wenn ich am Weiher sitze, auf dem Steg, hinter mir der Segelverein, vor mir das Wasser. Wind geht und alles ist in Bewegung.  
“Du kannst den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen”. Diesen Satz findet man bei mir in der Wohnung an vielen Ecken, wenn man gut genug hinschaut, meist in Verbindung mit einem Segelboot. Ich liebe Segeln. Nicht zuletzt deshalb, weil es so ähnlich ist wie das Leben. Mensch ist einerseits ausgeliefert - dem Wind, dem Charakter des Bootes, der Natur - und gleichzeitig so in Kontrolle. Ich kann den Wind lesen, ich verstehe ihn, ich verstehe das Boot, ich weiß, was ich zu tun habe - ein Stück weit sogar schon automatisiert. Ich muss nicht mehr denken, was ich tun muss, damit das Boot in die eine oder in die andere Richtung fährt, schneller oder langsamer wird, wendet oder halst. Das hat mein Körper schon gelernt, schon automatisiert. Natürlich ging das nicht von Anfang an so, sondern der Anfang war sehr hart. Ich habe den Wind nicht verstanden, ich habe das Boot nicht verstanden, ich habe die Segel nicht verstanden, ich habe nicht gewusst, was mir das Boot sagen will, wenn es in der einen oder anderen Form agiert oder reagiert. Es war mehr oder weniger ein kontinuierlicher Versuch und Irrtum, aber dank der Lehrer, die mir zur Seite standen, der Freunde, die mich unterstützt haben, war es eine Reise, die es wert war und ist. Segeln lernen ist eine Erfahrung, die wertvoll ist, weil sich nichts vergleicht mit dem Gefühl, auf einer kleinen Schale auf dem Wasser zu sein und trotzdem nicht verloren und trotzdem nicht ohnmächtig. Diese unbändige Energie, die der Wind ist, zähmen und nutzen zu können. Streich das Zähmen, es fühlt sich nur zahmer an, weil wir uns ihm fügen, statt zu widersetzen. Mensch lernt schnell, sich dem Wind nicht zu widersetzen - wozu auch.

“Leinen los” hat beim Segeln zwei so gegensätzliche wie eigentlich im Grundsatz ähnliche Bedeutungen. “Leinen los” ist zum einen das Kommando, wenn das Boot vom Steg ablegt, wenn alles vorbereitet ist (oder auch nicht), wenn die Zeit zum Segeln gekommen ist. “Leinen los” hat etwas Verheißungsvolles, der Beginn eines Abenteuers, ein Moment der Anspannung, der aber gleichzeitig geprägt ist von dem Wunsch, unterwegs zu sein. In Bewegung zu sein. Das zu erleben, was dort eben zu erleben ist. 
Die zweite Bedeutung ist anders dramatisch. 
Wenn der Wind zu stark ist, wenn der Steuermensch das Boot nicht mehr kontrollieren kann im Sturm, zumindest auf Jollen gilt das, ob das auch auf großen Segelbooten gilt hoffe ich, niemals auszuprobieren, dann kann das Kommando “Leinen los” erschallen. Alle Crewmitglieder lassen ihre Leinen los. Leinen los heißt, dass die Segeln frei flattern können und der Druck des Windes dadurch verschwindet. Das Boot hat eine natürliche Tendenz, mit dem Bug (der Vorderseite) in den Wind zu drehen. Es beruhigt sich dadurch selbst, stabilisiert sich. “Leinen los” heißt es, den Versuch aufzugeben, etwas zu kontrollieren. “Leinen los” ist in diesem Kontext kein Kommando, das mensch gerne gibt oder gerne empfängt. Es hat etwas von Aufgeben, von Machtlosigkeit, von Kontrolllosigkeit. Es ist ein Eingeständnis, dass die eigenen Fähigkeiten nicht ausreichen, um mit den Gegebenheiten sinnvoll umzugehen. Es ist das Eingeständnis, dass es besser ist, nichts zu tun, als es noch weiter zu versuchen. Es ist ein Loslassen, von der ganz schweren Art. 
Ich musste noch nicht oft dieses Kommando anwenden, und jedes Mal war es die richtige Entscheidung. Es hat schlimmeres abgewendet. Es gab einem die Zeit, sich neu zu sortieren, sich zu orientieren, sich zu organisieren und dann besser entscheiden zu können. Wo kommt der Wind her, wie stark ist er, welche Segel habe ich offen, brauche ich sie überhaupt alle, wie ist die Gewichtsverteilung, es gibt so viele Fragen, die sich in diesem Moment stellen. Und mit den Antworten auf diese Fragen kommt auch eine gewisse Sicherheit zurück.
So gerne ich über das Segeln rede, so sehr geht es de facto nicht um das Segeln. Es geht um das Leben, was beim Segeln ganz oft der Fall ist. 

Wenn der Wind so stark geht wie heute, wenn die Bäume nicht nur ein bisschen wackeln, wenn das Stahlseil mit Kraft und wiederholt gegen den Kran schlägt, dann frage ich mich: Wie geht es dir? Wo bist du gerade? Was tust du gerade? Sitzt du gerade am Steg, bringst du dein Boot gerade ins Wasser? Hast du alles im Griff, führt dich der Wind dorthin, wo du hin möchtest? Kannst du die Energie nutzen, die im Wind gespeichert ist, um dorthin zu kommen, wo du sein möchtest? Oder versuchst du gerade verzweifelt, dein Boot im Sturm unter Kontrolle zu bringen? Kämpfst du mit letzter Kraft gegen etwas, was du nicht besiegen kannst? Fühlt es sich wie Aufgeben an, wenn du alle Leinen los lässt?

“Leinen los” kann der Beginn eines großen Abenteuers sein oder aber das Eingeständnis einer großen Niederlage. In beiden Fällen kann aber das Boot nicht segeln, ohne dass dieses Kommando fällt.

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