Decompress
To decompress.
Etwas ent- oder dekomprimieren. Wenn ihr den Begriff in eure Lieblingssuchmaschine eingebt, dann kommen hauptsächlich Ergebnisse von Software, die komprimierte Dateien wieder entkomprimiert.
Darum geht es aber in diesem Text eher nicht.
Ich mag den Begriff sehr gerne, denn er beinhaltet, dass etwas, das unter Druck stand, nicht mehr unter Druck steht und deswegen mehr Platz einnehmen kann.
Ihr erinnert euch vielleicht an so technische Museen oder Physik-Experimente in der Schule, wo ein halb gefüllter Luftballon in eine Vakuumkammer gesteckt wurde. Sobald die Luft abgepumpt wurde, wurde der Luftballon immer größer, bis hin zu dem Punkt, dass er platzen könnte. Andere Gegenstände, die ebenfalls mit Luft gefüllt waren, haben nicht ganz so intensiv in der Vakuumkammer reagiert. Sie waren Formbeständiger.
Jetzt stellen wir uns statt einer Vakuumkammer eine Druckkammer vor und stecken unseren imaginären Luftballon dort hinein. Statt größer würde er kleiner, je nach Druck auch sehr viel kleiner werden. Der Druck von Außen wirkt sich so aus, dass für den Inhalt von Innen nicht mehr so viel Platz zur Verfügung steht. Wenn ich einen Holzwürfel in die Druckkammer gebe, wird er signifikant anders reagieren als ein Basketball, ein Tennisball, ein Golfball oder eben ein Luftballon. Wie sehr sich ein Gegenstand unter Druck verändert, ist nicht nur eine Frage, dessen, wie groß der Druck ist, sondern auch womit der Gegenstand gefühlt ist und aus welchem Material er besteht. Ganz klar ist aber, dass ein Gegenstand unter Druck Kräften ausgesetzt ist, die er unter normalen Druck nicht ausgesetzt wäre und sich häufig darunter verformt.
Decompress ist also ganz wörtlich der Vorgang, mit dem der Druck weggenommen wird, der vorher da war.
Nun gibt es viele Situationen, in denen der Druck ja durchaus hilfreich ist. Zum Beispiel um Sachen kleiner und kompakter zu machen, um sie leichter zu verstauen. Viele kennen diese Vakuumsäcke, mit denen man mit Hilfe eines Staubsaugers aus großen Dingen wie Kissen oder Decken die Luft wegnehmen kann, wodurch sie nur noch einen Bruchteil des Platzes brauchen.
So auch Menschen.
Menschen verhalten sich unter Druck anders, als wenn sie keinen Druck empfinden.
Ein gewisser Druck ist natürlich erwünscht, damit die Gesellschaft gut zusammen funktionieren kann. Wenn jeder Mensch sehr viele Ecken und Kanten hat, wird es kompliziert, also scheint es effektiver und effizienter, wenn alle einen Teil ihrer Ecken und Kanten abgeben, um ein bisschen konformer zu werden und mit anderen besser zusammenzupassen.
Wenn wir uns die Gesellschaft als ein Regal vorstellen, dann ist viereckig das richtige Format, ein bisschen Marge für Veränderung ist immer, aber ja nicht so viel, sonst passt der Mensch ja nicht mehr in sein Fach oder in seine Schublade.
Wenn jemand von Natur aus eher würfelförmig ist, ist es vermutlich einfacher, sich auf das Regalformat anzupassen, als wenn jemand von sich aus eher die Form eines Kugelfisches hat. Will heißen: unterschiedlichen Menschen fällt es unterschiedlich schwer, sich auf die gesellschaftlichen Vorgaben einzulassen. Manche Menschen fügen sich natürlicherweise sehr gut ein, andere ecken eher an. Und je stärker sich ein Mensch verformt, um dazu zu gehören, desto mehr profitiert er von dem “decompressen”.
Natürlich haben wir in den letzten Jahren sehr viel darin investiert, neue, andere, bessere Regale zu bauen. Nicht mehr so viereckig, sondern eher unterschiedlicher, flexibler. Wie bei diesen Regalen, wo die Bretter höher oder tiefer eingestellt werden. Tiefere oder flachere Regale in unterschiedlichen Formaten, besser für mehrere Arten von Menschen. Unterschiedliche Vorlieben, unterschiedliche Eigenschaften, unterschiedliche Lebenserfahrungen.
So versuchen wir auch Inklusion in unserem Leben leichter zu machen. Verglichen mit den 1980er Jahren, hat sich der Begriff der Normalität doch deutlich gewandelt. Ist bunter geworden, neurodiverser, weniger cis und heteronormativ sowie inklusiver in Bezug auf alle Arten von “Behinderung”. Weniger auf nur eine Art von Leistung ausgelegt.
Trotzdem: die vorgesehenen Regale und Schubladen passen nicht für jeden gleichermaßen gut. Das sehen wir z.B. daran, dass Familienangebote in aller Regel von zwei Eltern Familien ausgehen und deshalb Alleinerziehende in aller Regel für ihre Kinder so viel zahlen wie für einen Erwachsenen. Sei es bei Vereinen, Versicherungen, Urlauben: Bei “Familie” werden in erster Linie Zwei-Eltern-Familien bedacht.
Die meisten Dinge sind nach wie vor auf die “1,80m-cis-hetero-weiß-männlich”-Norm ausgelegt und manche Menschen passen da besser rein als andere - nämlich überwiegend 1,80m-cis-hetero-weiße-männliche Personen. Je mehr sich ein Mensch verstellen muss, um in diese Form zu passen, desto anstrengender wird es - und desto wichtiger wird das gelegentliche Decompressen. Es werden unglaubliche Mengen an Energie dafür verbraucht, Dinge, die für einen nicht gemacht sind, trotzdem zu verwenden. Die meisten Menschen, die gut in diese Form passen, bemerken es nicht. Erst wenn der Linkshänder versucht, die Rechtshänder-Schere zu verwenden, merkt er, dass etwas nicht stimmt. Natürlich kann er sie schon nehmen, aber mit einem deutlich höheren Aufwand.
Häufig heißt es, Inklusion sei zu kostspielig, das können wir uns nicht leisten. Dabei profitieren in aller Regel auch “nicht-behinderte” Personen von den Änderungen, die für “Behinderte” gemacht werden. Dort, wo Rampen für Rollstuhlfahrer:innen angebracht werden, profitieren auch Personen mit Kinder- oder Einkaufswägen, Rollern, Laufrädern oder Rollatoren. Dort, wo in den Bussen mündlich die nächsten Haltestellen angesagt werden, profitieren nicht nur blinde Personen, sondern auch Analphabet:innen, Personen, die sich in der Gegend nicht auskennen oder auch Personen, die möglicherweise abgelenkt aus dem Fenster schauen.
Diversität ist ein ganz ausschlaggebendes Kriterium, die ganze Welt allen mehr gerecht zu machen. Solange die Entscheidungen immer nur durch die gleichen Gruppen von homogen denkenden Menschen getroffen werden, die weitestgehend ähnliche Erfahrungen teilen, nach dem Standard 1,80m-cis-hetero-weiß-männlicher Mensch, werden andere Bedürfnisse weder gesehen noch berücksichtigt. Und diese sind so wichtig und so notwendig, damit sich niemand mehr so verstellen muss, dass das gelegentliche Decompressen das einzige ist, was einen vor der völligen Erschöpfung und Selbstaufgabe rettet.
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