Erwartungsmanagement
Es ist, wie es ist.
Dieser Satz prangte auf einer Postkarte im Behandlungszimmer meines Psychotherapeuten (Original Postkarte kaufen - nein, ich bekomme dafür kein Geld, ich finde einfach die Postkarte toll und habe lange nach ihr gesucht).
Bei jeder Gedankenpause wanderten meine Augen dorthin, auch weil es die einzigen sichtbaren Buchstaben waren, die meine Augen immer automatisch suchen.
Es ist, wie es ist.
Dem kann man nicht widersprechen. Aber einiges hinzufügen.
Die Realität "einfach" anzunehmen, wie sie ist, ist eine der größten Aufgaben im Leben, daran glaube ich. Ganz viel des Leids, was wir empfinden - wenn nicht gar alles davon -, kommt daher, dass wir mit der Realität hadern. Dass wir versuchen, die Realität zu beugen, mit ihr zu verhandeln. Das können wir aber nicht. Die Realität ist, wie sie ist. Wir können sie teilweise verändern, ja, aber selten mit der Geschwindigkeit und mit der Intensität, wie wir (und mit wir meine ich ganz speziell mich) es uns wünschen würden. Die Realität besteht schließlich nicht nur aus meiner Realität, sondern aus der Realität von weiteren 8 Milliarden Menschen und diese Realität verträgt durchaus Widersprüche.
Die meisten Menschen handeln ja im Sinne von etwas, woran sie glauben.
Einige Menschen glauben, dass unser demokratisches System grundverkehrt ist (zum Beispiel weil sie meinen, dass die anderen Menschen alle zu dumm sind), sie glauben und wollen ein anderes System und tun alles in ihrer Macht stehende dafür, dass sich das System ändert. Dass ein neues System kommt, das in ihrem Weltbild besser geeignet ist. Sie stoßen auf Widerstand, denn doch viele Menschen halten das demokratische System zwar nicht für perfekt, aber dann doch für das beste System, was wir bis jetzt gefunden haben.
Oder nehmen wir als Beispiel einmal Frauenrechte. Ich glaube ganz tief daran, dass Frauen, Männer und alle anderen Geschlechtsidentitäten das gleiche Existenzrecht haben, weil dieses in der Menschenwürde basiert, die bekanntermaßen unantastbar ist. Dass in unserer Gesellschaft aufgrund unserer Prägung unterschiedliche Gruppen unterschiedliche Rechte und Privilegien haben, ist in meinem Weltbild schlicht falsch. Ich möchte, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben. Und dafür kämpfe ich auch, indem ich Aufklärungsarbeit leiste, indem ich die Finger in die Wunde lege, indem ich auch aufstehe und Widerspruch einlege, dort wo ich Unrecht sehe. Im kleinen Rahmen, in meinem Arbeitsumfeld z.B.
Andere Menschen haben sich noch nie Gedanken dazu gemacht oder haben sich Gedanken dazu gemacht und finden das System ganz gut so, wie es ist, haben noch nie etwas von mental load gehört oder vertreten die Haltung, dass Frauen die Pflege von Kindern und Angehörigen einfach angeboren ist. Oder dass manche Menschen mehr Wert sind als andere. Sie glauben daran, also wollen sie, dass die Realität daran ausgerichtet ist. Sie wehren sich dagegen, dass andere Menschen es anders sehen.
Es sind keine parallelen Realitäten, es geht um die gleiche Realität, aber um unterschiedliche Wahrnehmungen.
Eine Wahrnehmung der Realität ist noch nicht die Realität selbst. Es ist meine Erfahrung davon. Je nachdem, welche Erfahrung ich in einer Realität mache, habe ich ein Empfinden, ein Verständnis, glaube ich an bestimmte Dinge oder nicht.
Einige Dinge kann man ändern, einige Dinge kann man nicht, und die Weisheit, diese auseinanderzuhalten, gehört zu dem Gelassenheitsgebet von Reinhold Niebuhr:
“Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.”
Erwartungsmanagement heißt für mich an der Stelle, so nah wie möglich in Kontakt mit der Realität zu sein. Mit der Realität, wie sie wirklich ist, und nicht, wie ich sie gerne hätte. Es bedeutet, mit meinen konkreten Kräften und Ressourcen zu rechnen, und nicht mit meinen imaginären oder gewünschten Kräften und Ressourcen. Wenn ich eine anstrengende Woche vor mir habe, dann habe ich mehr davon, mir Pausen einzuplanen, weil ich eben nicht mehr 20 bin, als mir zu denken “ach, das geht schon, mit 20 habe ich das ganz oft schon gemacht”. Es bedeutet, mit meinem Kind umzugehen, so wie es ist, und nicht mit meinem imaginären oder gewünschten Kind. Ich kann noch so viel Bastelmaterial einkaufen und mich noch so oft darüber ärgern, dass mein Kind nicht gerne bastelt. Es ändert nichts daran, dass mein Kind nicht gerne bastelt. Es bedeutet auch, mit meiner Arbeit so umzugehen, wie sie nun mal ist, und nicht mit meiner imaginären oder gewünschten Arbeit. Ich bin wie ich bin, die Kolleg:innen sind, wie sie sind, die universitären Zeiträume laufen nach einem anderen Schema ab als die Zeiträume in der restlichen Welt. (Ich will damit keine Unzufriedenheit ausdrücken, sondern Beispiele veranschaulichen.)
Das ist teilweise doof oder ärgerlich oder weniger als das, wie ich meine, wie Dinge sein sollten. Aber wenn ich die Realität ignoriere, wird sie sich davon nicht ändern.
In einigen Bereichen habe ich die Möglichkeit, mich ganz langsam auszuwirken, zum Beispiel meine Gesundheit und meine Kräfte pflegen und langfristig meinen Akku wieder auf einen besseren Stand bringen. Wenn ich mir stattdessen weniger Pausen gönne, weil ich meine, dass ich das können müsste (obwohl ich das gerade nicht kann), dann betreibe ich weiter Raubbau und es wird langfristig nicht funktionieren. Ich kann den Fokus in meiner Arbeit ein bisschen anders legen, ich kann vllt andere schöne Dinge finden, die ich mit meinem Kind machen kann. Aber all dies ist nur möglich, wenn ich mit der realen Realität oder dem realen Gegenüber zu tun habe, und nicht mit dem imaginären Gegenüber, das vielleicht als Wunsch in meinem Kopf existiert.
Wenn ich nicht akzeptiere, dass die Realität so ist, wie sie ist, dann verbrauche ich nur unnötig Energie, mich darüber zu ärgern.
Erwartungsmanagement heißt, die Realität so anzunehmen, wie sie ist, und zu wissen, dass sie sich auch wieder ändert.
Dass der Spruch vollständig so heißt “Es ist wie es ist… und es wird auch wieder anders” habe ich erst erfahren, als mir mein Therapeut zur Verabschiedung diese Postkarte geschenkt hat und den Spruch auf der Rückseite vervollständigt hat.
Dieser Spruch ist für mich wegweisend in meinen Bemühungen, die Realität so zu akzeptieren, wie sie ist, mit all den Vor- und Nachteilen, die es in jedem Augenblick gibt, die aber nun mal sind.
Ich kann selbst kaum glauben, dass ich das gerade mache, aber ich habe vorhin eine ergänzte Fassung von dem Gelassenheitsgebet von Reinhold Niebuhr gefunden, die ich euch tatsächlich (etwas angepasst, das Original findet ihr hier) gerne mit auf dem Weg geben möchte:
"Gott, gib mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
Und Weisheit, um den Unterschied zwischen beidem zu erkennen.
Einen Tag nach dem anderen zu leben,
Einen Moment nach dem anderen zu genießen,
Beschwernis als einen Teil des Weges zu akzeptieren,
Diese Welt so anzunehmen, wie sie ist,
Nicht so, wie ich sie gern hätte,
Darauf zu vertrauen, dass am Ende alles richtig sein wird,
Wenn ich nach dem Grundsatz der Liebe handle,
Auf dass ich recht glücklich sein möge in diesem Leben.
Amen."
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