Einzigartigkeit

Einzigartigkeitsrechner am Flughafen Amsterdam


Vor 2 Jahren, kurz bevor Corona begann, bin ich mit meinem Sohn und einer befreundeten Familie in den Urlaub geflogen. Der Flug führte über den Flughafen Amsterdam, wo wir einige Stunden Aufenthalt hatten. Wie das mit Kindern so ist, sind wir durch den Flughafen geschlendert und dort auf die Außenstelle des Wissenschaftsmuseums NEMO gestoßen (unbedingt sehenswert, wie ich finde!). Und völlig unerwartet traf ich dort auf etwas, was mich schon immer interessiert und gereizt hat: ein Einzigartigkeitsrechner. 
Es war natürlich eine viel einfachere Version als die, die mir immer vorgeschwebt hatte: Es wurden Eigenschaften eingeben wie Augen- und Haarfarbe (blaugrau und dunkelblond), ob Grübchen vorhanden (ja) und ob die Ohrläppchen angewachsen sind (nein), ob die Zunge zu einem U geformt werden kann (nein), ob die rechte oder die linke Hand dominant ist (rechts) und so weiter. Und aufgrund von diesen wenigen, körperlichen Eigenschaften wurde berechnet, wie einzigartig jemand ist. Also wie oft diese Konstellation in der Gesamtbevölkerung vorkommt oder auch nur bei den Personen, die diesen Test dort ebenfalls absolviert haben. Ich hatte - aufgrund von 9 Eigenschaften - einen Wert von 0,0191% in der Gesamtbevölkerung. Also nur noch knapp 1,5 Millionen Menschen mit den gleichen Eigenschaften wie ich. Bei 9 Eigenschaften! Auf der ganzen Welt!!
Würde z.B. meine Körpergröße mit eingerechnet, fiele dieser Wert rapide ab. Und wir wären immer noch nur bei den körperlichen Eigenschaften.

Was mich an dieser Überlegung so begeistert ist, dass so oft gesagt wird, jeder Mensch sei einzigartig. Aber für eine Datenfetischistin wie mich (auch keine ganz "normale" Eigenschaft) sind harte Daten doch noch mal eine andere Währung. Eine, auf die ich mich leichter verlassen kann. Ich bin - statistisch gesehen - völlig einzigartig. Und so ist jede:r andere auch.
Wobei ich betonen möchte, dass es nicht um eine Bewertung der Eigenschaften geht. Es geht um ihre reine Existenz. Blaue Augen sind nicht besser als braune Augen sind nicht besser als grüne Augen, sie haben sich schlicht unterschiedlich entwickelt aufgrund von unterschiedlichen Umweltbedingungen und haben in diesen unterschiedlichen Umweltbedingungen vermutlich einen evolutionären Vorteil erbracht. In Zeiten von Sonnenbrillen und künstlichem Licht wird dieser evolutionäre Vorteil immer weniger bedeutend, und spielt heutzutage vermutlich kaum noch eine Rolle bei der Weitergabe der Gene. Die Diversität ist dennoch vorhanden. Und so verhält es sich mit allen anderen Eigenschaften auch. Ich kann vielleicht ein Grübchen oder Sommersprossen schön finden, und es ändert nichts daran, ob ich sie habe oder nicht. Ich ärgere mich vielleicht darüber, dass ich meine Zunge nicht zu einem U Formen kann, was aber keinerlei praktische Relevanz hat. Es geht also bei all diesen Eigenschaften nicht um besser oder schlechter, nicht um eine Bewertung, sondern um die Berücksichtigung ihrer Existenz.

Wenn jetzt noch sozioökonomische Aspekte dazu kommen, dann wird natürlich die Gruppe der Personen mit gleichen Eigenschaften wie ich immer kleiner. Alleinerziehende sind "nur" 19%, das heißt, dass andere Familienformen über 80% ausmachen. (Was mich immer wieder erstaunt, wenn ich mich in meinem Umfeld umschaue, und da sind wirklich erstaunlich viele stabile, dauerhafte Beziehungen mit Kindern.)
Ich habe das Gefühl, dass meine Lebensform die Norm ist, weil sie das für mich ist, aber das trifft keineswegs auf andere Menschen zu.
Im Vergleich mit der Erwerbsarbeit: 2016 arbeiteten 74 % der Mütter in Deutschland, sie kehren nach der Kinderpause immer früher in den Beruf zurück und arbeiten auch immer mehr Stunden. Wer Lust hat kann sich auch die kompletten Daten bei Eurostat ansehen, aber auf dem Handy ist es wirklich kein Spaß. Vollzeit berufstätige Mütter mit minderjährigen Kindern sind aber eher die Ausnahme als die Regel.

Und dann könnten auch noch die ganzen psychischen Eigenschaften dazu kommen, von denen ich möglicherweise in der einen oder anderen nicht gerade im Mittelwert liege, und dann ist völlig klar: So wie ich ist keine. Naheliegender Weise. Je mehr Eigenschaften in Betracht gezogen werden, desto einzigartiger werde ich. Und zwar nicht nur ich, sondern jeder Mensch. Rein statistisch gesehen, es ist fast unmöglich, dass zwei Menschen sich auch nur annähern. Bei eineiigen Zwillingen, die bei den gleichen Eltern aufgewachsen sind, ist die Chance noch verhältnismäßig hoch, dass sie sowohl genetisch als auch von ihren Erfahrungen her sehr nah beieinander liegen. Und auch dort wird es Unterschiede geben, die einen jeden einzigartig machen.

Eigentlich ist es naheliegend, und trotzdem war für mich diese Berechnung am Flughafen in Amsterdam lebensverändernd (ich und meine Daten), denn diese Einzigartigkeit, die jede und jeder von uns hat, bringt auch eine Verantwortung mit sich. Nur ich habe meine Geschichte erlebt. Kein anderer. Einige kennen sie vielleicht aus der Nähe, wie meine Geschwister, einige vielleicht von weiter weg, wie meine Freundinnen, und einige nur von hörensagen. Vielen ist ganz viel von meiner Geschichte gar nicht bekannt, wie könnte es auch anders sein. Das meiste der Geschichte ist ja das, was sich in dem Kopf abspielt, und noch nichtmals mein Tagebuch weiß dort alles. Und selbst wenn jemand mein komplettes Tagebuch durchlesen würde (viel Spaß dabei, es sind mehrere tausend Seiten), dann wäre er trotzdem nicht dabei gewesen und wüsste trotzdem nicht, wie es ist, Ich zu sein.
Kein Mensch weiß wie es ist, ich zu sein. 

Die Kehrseite von der Einzigartigkeit ist, dass mensch an vielen Stellen mit seiner Erfahrung eben allein ist: Als ich mit Anfang 20 meine Zelte abgebrochen und um die halbe Welt gezogen bin, war ich (erstmal) mit dieser Erfahrung allein (kurze Zeit später zogen zwei meiner Geschwister im ähnlichen Alter ebenfalls ins Ausland). Als ich nach dem Mutterschutz und Urlaub wieder in den Beruf zurück gegangen bin, kannte ich hier keine Frau, von der ich mir hätte abschauen können, wie es ist, ein wenige Monate altes Baby abzugeben und zu arbeiten - in meinem Ursprungsland ist es dagegen Gang und Gäbe, nur hatte ich dort kaum noch Kontakte, und die Infrastruktur dort ist ganz anders dafür ausgelegt als hier. Ich hatte kaum Role models. Auch als mein Kind noch unter einjährig war, und ich Vollzeit arbeitete, keine Role models weit und breit. Später, nach der Trennung, offiziell als alleinerziehend, immer noch Vollzeit, keine Role models. Heutzutage kenne ich einige wenige Frauen, die bei Kindern im Alter von meinem als Alleinerziehende in Deutschland Vollzeit arbeiten. Wie gesagt, es geht nicht um eine Bewertung, sondern um eine gemeinsame Erfahrung, die geteilt und besprochen werden kann.

Überhaupt, das Vollzeit arbeiten. Oft wird mir gesagt, ich sollte doch meine Arbeitszeit reduzieren. Und ständig fühle ich mich in Erklärungs- und Rechtfertigungsnot, warum ich meine Arbeitszeiten nicht reduziere. Natürlich nervt mich mein Job manchmal, wessen Job tut das nie, und gleichzeitig ist es für mich eine große Quelle von Struktur, Anerkennung, das Gefühl etwas zu können und es gut zu tun, natürlich auch von finanzieller Sicherheit, mein Job ist mir also wichtig. Vielleicht unerwartet wichtig, vielleicht unangemessen (aus wessen Sicht?) wichtig. Vielleicht werde ich auch irgendwann zu einer anderen Einschätzung kommen, nur noch 30 Stunden arbeiten und mich wundern, dass meine Lebensqualität so zugenommen hat. Aber ganz ehrlich kann ich mir das nicht so richtig vorstellen, denn neben der Vollzeitstelle und der alleinerziehenden Tätigkeit bin ich auch noch ehrenamtlich aktiv, in der Schule als Klassenelternsprecherin, als Pressewartin in meinem Verein. Ich blogge und ich erstelle digitale Inhalte. Was ich sagen will: Kein (anderer) Mensch auf der ganzen Welt ist Ich, und kein Mensch auf der ganzen Welt kann beurteilen, wie sich etwas für mich anfühlt. Und umgekehrt kann ich das für keinen anderen Menschen auf der ganzen Welt leisten. Und wenn ich es noch so sehr versuche, immer noch bin ich Ich, und nicht der andere.

Und darin besteht meines Erachtens eine der größten Herausforderungen: Ich zu sein, mir selbst treu zu sein, und gleichzeitig die Gemeinsamkeiten mit allen anderen zu suchen und zu finden.
Als vollständiger Mensch bin ich natürlich einzigartig, aber in jeden anderen Aspekt von mir bin ich gleich wie viele anderen auch. In der Einzelheit sind meine Herausforderungen vielleicht andere als die von anderen Alleinerziehenden, aber an einer Erschöpfungsdepression oder wenigstens an einer sehr grundlegenden Erschöpfung leiden wir wohl alle. Alle die, die Vollzeit arbeiten, haben ähnliche Probleme mit der Vereinbarkeit zu den Betreuungszeiten in Kitas und Schulen.  Auch bei den zwei-Eltern-Familien findet sich kaum eine, wo beide Eltern Vollzeit erwerbstätig sein können (das geht wohl nur, wenn die Care-Arbeit wirklich gleichmäßig aufgeteilt ist - und dann sind oft beide in Teilzeit erwerbstätig). Dort ist vielleicht eher die Lösung, dass die Frau in Teilzeit arbeitet und der Mann das Gros des Geldes nach Hause bringt, was aber auch darauf hindeutet, dass eine echte Vereinbarkeit eben nicht möglich ist. Bei Alleinerziehenden ist diese Aufgabenteilung eben nicht möglich, Care und Erwerbsarbeit hängen nur an einem Erwachsenen.

Ich sehe es als großes Glück, dass viele von meinen (alleinerziehenden) Freundinnen gleichaltrige Kinder haben, die mit meinem zusammen eingeschult wurden. Überhaupt, dieses Netzwerk, dass mich schon seit vielen Jahren im Leben begleitet, und in dem so viele Fragestellungen, so vielfältige Lebensentwürfe besprochen und geteilt werden konnten. Am Ende geht es dann doch darum, wie viel jede:r von sich selbst offenbart, von der eigenen Einzigartigkeit (die auch bedeuten kann, von der Norm abzuweichen, gewissermaßen eine "Schwäche" zu vertreten, nicht "normal" zu sein), um die Verknüpfungspunkte, die Anschlusspunkte an die Einzigartigkeit von anderen Menschen zu finden. Und denn noch zu wissen, du bist Du, und ich bin Ich, nur ich kenne mein Leben, und nur du kennst deins. Und sich mit dem Respekt und der Anerkennung zu begegnen, die ein jeder von uns verdient.
Eine:n jede:n von uns als einzigartig zu begreifen heißt (für mich) gleichzeitig unendlich dankbar zu sein sowohl für unsere Gemeinsamkeiten, als auch für unsere Unterschiede.

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