Prioritäten

 



Ich war vielleicht 12 Jahre alt, als ich zum ersten Mal dieses Wort hörte: Prioritäten, priorisieren. Wir waren zu Besuch bei Freunden von meinen Eltern und ich war alleine mit dieser älteren Freundin im Garten, ich glaube wir haben etwas gepflückt, und dabei erklärte sie mir dieses Wort. Mehr Kontext weiß ich nicht, und es ist auch nicht relevant, das könnte damals leicht unsere letzte Begegnung gewesen sein.
Ich konnte zu diesem Zeitpunkt mit diesem Konzept nicht wirklich etwas anfangen und konnte damals nicht wissen, dass das im Erwachsenenalter eines meiner zentralsten Begriffe überhaupt werden würde. Dies führe ich darauf zurück, dass ich als Zwölfjährige das Konzept von “Endlichkeit” nicht wirklich hatte. Dass Ressourcen endlich sind, dass Energie endlich ist. Das würde ich erst viele, viele Jahre später erfahren. Ohne einen Begriff der Endlichkeit ist auch keine Priorisierung nötig. Wenn ich unendliche Ressourcen habe, wenn mehr als genug für alle da ist, dann muss ich nicht priorisieren. Dann kann sich jeder einfach so viel nehmen, wie er oder sie möchte und alle sind zufrieden.
Wenn die Ressourcen aber nicht unendlich sind, und mensch gerne mehr haben oder machen würde, als mensch Ressourcen dafür hat, dann fängt die Priorisierung an. Und wie ich im Laufe der Jahre festgestellt habe: Erwachsen sein bedeutet es, ständig zu priorisieren. Weil nichts jemals reicht. Die Zeit reicht nicht, die Energie reicht nicht, der Platz reicht nicht, die Ressourcen reichen nicht.
Endliche Ressourcen müssen immer priorisiert werden.
Wir erinnern uns daran, als die Corona-Pandemie einschlug und der Gedanke hinter “Flatten the curve” (also dass alle Zuhause bleiben und Maske tragen sollen, um andere nicht anzustecken) war, dass unser medizinisches System nicht in sich zusammenbricht. Das war ein neues Konzept, denn bis dahin waren wir der (irrsinnigen) Annahme gefolgt, dass unser Krankenhaussystem unendlich ist. Beim darüber nachdenken wird klar, dass dies nicht der Fall sein kann, weil alle Ressourcen endlich sind, aber dass auch unser medizinisches System Grenzen haben könnte, war für viele von uns, in Deutschland lebend, ein unbekannter Gedanke. Also mussten wir plötzlich priorisieren. Es wurden Triage-Richtlinien überlegt, die dann aussagten, wer im Zweifelsfall behandelt werden kann - und wer nicht. Schreckliche Vorstellung, die wir vllt. aus amerikanischen Serien kennen - aber doch nicht aus der deutschen Realität.
Wenn die Ressourcen endlich sind, beginnt die Priorisierung. Und diese tut oft weh. Die Erkenntnis, dass Dinge nicht unendlich sind, tut weh, und das Priorisieren und Entscheiden, was (oder wer!) wirklich wichtig ist und wer nicht, das tut auch weh.
Seit der Corona-Pandemie, also seitdem unser Gesundheitssystem gezeigt hat, dass es Grenzen hat, ist dies zu einem recht gängigen Gedanken geworden: Das System ist nicht unendlich. Applaus reicht nicht für die Anerkennung und Wertschätzung, die das dortige Personal verdient. Viele sind ausgestiegen und das System zeigt seine Schwächen immer mehr. Es gab Zeiten, da kam kein Krankenwagen, wenn mensch einen gebraucht hat. Oder mensch musste mehrere Stunden warten, bis in einem Notfall eine Erstversorgung möglich war. Wir haben uns teilweise nicht getraut, Fahrrad zu fahren, weil bei einem Unfall unklar war, ob eine schnelle und gute Versorgung gewährleistet werden kann. Auch jetzt ist es so, dass in ländlichen Gebieten die Unterversorgung eklatant ist. Auch Krankenhäuser können sich nicht mehr um die Patientinnen und Patienten in der Form kümmern, wie wir es verwöhnterweise früher gewohnt waren.
In diesen Zeiten, wo der Fachkräftemangel anfängt durchzuschlagen, wo dieser abstrakte Begriff auf einmal Realität wird, da wird auch das Priorisieren zur Realität. An allen Ecken und Enden fehlt es. An Kinderbetreuung, an Altenbetreuung, an Pflegeplätzen, an Handwerkerinnen und ITler. Überall endliche Ressourcen, wo wir nur hinschauen. War das schon immer so und nur wir haben es nicht gemerkt? Ist das echt oder "nur" ein Effekt des Erwachsenwerdens?
Für alleinerziehende Eltern (überwiegend Mütter, nach wie vor) ist das nichts Neues. Priorisieren ist unser Kerngeschäft, unser zweiter Vorname, wir sind Meisterinnen darin. Weil nie von irgendwas genug da ist.
Energie, Ressourcen, Platz, Zeit.
Wenn ich davon ausgehe, dass die fossilen Energieträger unendlich sind, dann brauche ich sie nicht zu sparen. Dann kann ich SUVs fahren und bei offenem Fenster heizen. Dann müssen wir nicht priorisieren zwischen chemischen Anwendungen, die dringend auf fossile Energieträger angewiesen sind oder dem motorisierten Individualverkehr. Wenn ich davon ausgehe, dass das Wasser unendlich ist, dann brauche ich mir auch keine Gedanken darüber zu machen, wie viel Wasser ich aus dem Grundwasser entziehe. Dann brauche ich mir auch keine Gedanken darüber machen, ob ich lieber Felder bewässern oder Swimmingpools füllen oder Trinkwasser haben will. Wenn ich ein voll unterkellertes Haus habe und Platz unendlich erscheint, dann muss ich auch nicht ausmisten. Dann kann ich alles einfach dort aufbewahren bis in alle Ewigkeiten. Bei der Zeit kommen wir Erwachsene gar nicht mehr darum, zu glauben, dass sie unendlich ist. Sie ist sowas von endlich und reicht nie aus. Zwischen Arbeit, Schlaf, Selbstversorgung und Selbstcare, Sport und Hobbys geht mehr Zeit vorbei, als welche zur Verfügung steht. Dabei sind weitere Care-Aufgaben wie Kinder oder Eltern oder Ehrenämter etc. gar nicht mitgedacht.
Sobald wir Kinder haben, verschiebt sich die komplette Prioritätenkette. Viele Dinge, die wir für völlig unverzichtbar halten, werden plötzlich zweitrangig. Fünftrangig. Zwanzigstrangig.
Dinge, die vorher völlig irrelevant erschienen, sind auf einmal essentiell. Dinge, die vorher essentiell erschienen, werden plötzlich völlig irrelevant. Ressourcen, die vorher unendlich schienen, plötzlich unfassbar endlich und kostbar. Zeit, Platz, Energie. Unser Leben wird komplett auf den Kopf gestellt - und so werden auch unsere Prioritäten plötzlich ganz anders. Prioritäten können und müssen sich verschieben, weil sie auch maßgeblich von den äußeren Umständen abhängen.
Solange Ressourcen unendlich sind, brauche ich keine Priorisierung, sobald aber Ressourcen endlich werden oder als endlich erkannt werden, muss mensch sich für sich, aber auch als Gesellschaft, Gedanken machen: Was sind meine und unsere Ziele? Wo will ich und wo wollen wir hin, kurzfristig, langfristig? Worauf kann ich, können wir verzichten? Worauf kann ich, können wir schmerzlos verzichten, was schmerzt mich oder uns, loszulassen? Worauf kann ich, können wir nicht verzichten, ohne dass es meine eigene oder unsere Persönlichkeit als Land, als Kultur zersetzt?
Aber wie kann ich für den Moment herausfinden, was gerade jetzt wichtig ist?
Am wichtigsten - und das wird niemand hören wollen, für den Zeit eh schon extrem knapp ist - ist die Selbstreflexion. Denn die braucht Zeit. Dafür gibt es keine richtigen und schon gar keine vorgefertigten Antworten. Jeder Mensch muss für sich herausfinden, was er oder sie möchtet. Was ihm oder ihr persönlich wichtig ist. Und dann kommt der Vergleich mit der Realität. Mit der echten, nicht mit der, die wir gerne hätten. Und idealerweise zieht jeder dann daraus die Schlüsse, was wirklich wichtig ist und ob das, was am wichtigsten ist, auch die Zeit und Ressourcen bekommen, die sie verdienen.
Weißt du schon, wohin die Reise für dich geht?
Lass mir gerne einen Kommentar da, wenn du mit diesen Fragen für dich schon weiter gekommen bist.

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