Du musst nicht alles glauben…
… Was deine Gedanken dir sagen.
Unsere Gedanken und innere Stimmen begleiten uns ein Leben lang. Bei manchen Menschen sind sie leise, bei anderen sind sie lauter. Bei einigen reden sie nur wenig, bei anderen kommentieren sie alles, was um sie herum passiert. Mich erstaunt eher die Vorstellung, dass manche Menschen nicht eine innere Stimme haben, die pausenlos arbeitet. Meine ist sehr präsent und ziemlich laut. Also habe ich im Laufe der Jahre einige Dinge über sie gelernt.
Das allerwichtigste: Ich muss nicht alles glauben, was ich denke.
Manche Gedanken sind einfach nur Gedanken, Gedankenspiele, sinnloses Gebrabbel eines unbeschäftigten Gehirns. Erklärungsversuche, nicht alle von ihnen erfolgreich.
Wenn ich eine Situation interpretiere, dann erstelle ich eine Version der Realität, bilde aber nicht notwendigerweise die reale Realität wieder. Und das zu verstehen war für mich sehr wichtig: Was ich denke, ist nicht die Realität, sondern eine mögliche Version davon. Ich kann mich dazu entscheiden, diesen Gedanken zu glauben, oder auch nicht.
Eine Möglichkeit, das auszuprobieren ist, den Gedanken einfach umzudrehen und schauen, ob dann etwas völlig abstruses oder doch etwas vielleicht annehmbares dabei herauskommt.
Ein Beispiel: Ich könnte glauben, dass alleinerziehend zu sein bedeutet, gescheitert zu sein. Dass mindestens eine Beziehung gescheitert ist, dass Frau nicht in der Lage war, “den Mann zu halten”, und kann ganz viel andere abwertende Haltungen einnehmen, die von diesen Gedanken ausgehen.
Das könnte ich glauben.
Ich könnte aber auch das genaue Gegenteil glauben: Dass Alleinerziehende Powerfrauen sind (ja, die allerallermeisten Alleinerziehende sind Frauen!), die Dinge stemmen, die eigentlich nicht zu stemmen sind, die Kräfte entwickeln, von denen sie nicht wussten, dass sie sie haben, und dass sie über sich selbst hinauswachsen, jeden Tag aufs neue.
Das interessante dabei ist: Es ist willkürlich, welche Richtung ich einschlage, welchen Gedanken ich glaube. Ich werde für egal welchen Gedankenstrang auch Beweise finden. Das hängt mit unserer selektiven Wahrnehmung zusammen, die uns das besonders gut wahrnehmen lässt, was zu dem passt, woran wir glauben. Das und natürlich die Algorithmen der Social Media Plattformen, in denen wir uns bewegen, die uns immer ähnliche Dinge zeigen, zu denen wir schon einmal Nähe oder Gefallen gezeigt haben. Das heißt: Wir bauen uns die Welt auf, wir nehmen sie so wahr, wie wir glauben, dass sie ist. Aber wie wir glauben, dass sie ist, das können wir ein Stück weit selbst entscheiden.
Häufig sind wir gewohnt, unseren Gedanken einfach zu vertrauen, schließlich sind sie schon sehr lange da und wir haben eine gewisse Tendenz, sie für bare Münze zu nehmen. Aber in bestimmten Situationen kann es notwendig sein, sich die Gedanken noch mal im Detail anzuschauen und dann zu überlegen, ob man sie so glauben will oder ob vielleicht das Gegenteil genauso glaubwürdig wäre. Und glaubwürdig heißt literally würdig, geglaubt zu werden. Manchmal ist es überraschend, dass das Gegenteil dessen, was wir glauben, genauso glaubwürdig ist.
Diese Übung kann ich nur empfehlen.
Im Übrigen gibt es noch eine Reihe von anderen Meditationstechniken, die ich auch sehr empfehlen kann. Mit dem Hinweis, dass Meditation idealerweise dann eingeübt wird, wenn sie nicht gebraucht wird, damit sie verfügbar ist, wenn sie gebraucht wird. Unter Stress ist es nämlich sehr viel schwieriger, auf solche Werkzeuge zuzugreifen, weshalb es gut ist, sie in unstressigen Zeiten einzuüben. Ja, ich weiß, unstressige Zeiten gibt es im Leben voll Alleinerziehenden nur selten. Ein Versuch war es wert.
Hier meine Lieblingstechniken:
Gedanken einfach ziehen lassen. Das Bild ist das, dass ich in einer Höhle hinter einem Wasserfall sitze. Ich sehe das Wasser, wie es fällt. Die Gedanken sind dieses Wasser. Manchmal bin ich zu nah am Rand und werde von dem Wasser mitgerissen. Das passiert ein, zwei, 100, 1000 mal. Die Übung ist, sich dessen bewusst zu werden und sich wieder in die Höhle hinter dem Wasserfall zu setzen, und die Gedanken nur zu beobachten, aber nicht mit ihnen mitzugehen.
Eine andere ganz ähnliche Technik ist es, an der Autobahn zu sitzen und sich die Gedanken als Autos vorzustellen. Jedes Auto ist ein Gedanke. Es können weniger Autos sein, oder viele, sie können schnell fahren oder langsam, sie können gelegentlich sogar Unfälle bauen. Die Übung besteht darin, sie einfach fahren zu lassen. Sie zu beobachten, sie vielleicht zu beschreiben, aber nicht in die Autos einzusteigen. Jedes Mal wenn man eingestiegen ist, oder sich bewusst wird, dass man eingestiegen ist, wieder aussteigen, sich an den Rand der Autobahn zu setzen und die Autos bzw. Gedanken wieder zu beobachten.
Noch eine ähnliche Technik: sich die Gedanken als Luftballons vorzustellen. Wenn ein Gedanke kommt, dann kriegt er einen Luftballon umgestülpt und fliegt davon. Sobald der nächste Gedanke da ist, kriegt er ebenfalls einen Luftballon umgestülpt und fliegt davon. Die Gedanken können auch mit Wolken gleichgesetzt werden, die am Himmel vorbeiziehen.
Eine Steigerung davon ist, die Gedanken mit emotionalen Labels zu versehen. Es kommt ein Gedanke, ich schaue mir an, schaue welche emotionale Energie er hat, beschreibe diese Emotionen, und lasse den Gedanken wieder los. Sobald der nächste Gedanke da ist, mache ich das gleiche. Das funktioniert ganz gut für mich, wenn es um eben emotionale Gedanken geht.
Wenn es eher praktische Gedanken sind, eine ewig lange To-Do-Liste, die scheinbar überwältigend ist, dann hilft es mir eher, die Gedanken in kleinen imaginären Ablagefächern zu sortieren. Dieser Gedanke gehört zum Thema Schule. Dieser Gedanke gehört zum Thema Haushalt. Dieser Gedanke gehört zum Thema Arbeit. Einfach die Gedanken beobachten und ihnen eine Qualität, einen Ort zuzuweisen.
Egal welche Meditationstechnik einem am meisten zusagt, das gemeinsame an ihnen allen ist, etwas Abstand von den Gedanken zu bekommen. Die Vorstellung wirklich zu verankern, dass Gedanken nicht automatisch wahr sind, nur weil wir sie denken. Sie sind ein Fokus von unserer Aufmerksamkeit, sie können wahr sein oder auch nicht, sie können die Welt beschreiben oder eine ganz eigene Sicht der Welt darstellen. Zu wissen, dass sie nicht automatisch wahr sind, nur weil wir sie denken, und dass wir ihnen nicht glauben müssen, nur weil sie da sind, ermöglicht ganz andere Spiel- und Denkräume. Es gibt einem etwas Freiheit in einer Welt voller Zwänge.
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