Veränderung
Jede Veränderung braucht Energie, braucht Ressourcen, um sich daran anzupassen - außer vllt einer Gehaltserhöhung. Auch wenn eine Veränderung sehr willkommen ist, müssen sich Dinge auch im Inneren verändern. Einige Veränderungen sind leichter zu bewältigen, andere weniger. Einige Menschen gehen leichter mit Veränderung um als andere. Dies kann ganz viele Gründe haben und wird häufig auch unterschätzt.
Fangen wir mit den leichten Veränderungen an. In der Annahme, dass eine Veränderung grundsätzlich leicht sein kann. Sie kann leicht sein, wenn sie klein ist, also nur wenige Lebensbereiche berührt, aber auch wenn sie ein Ergebnis bringt, was gewünscht ist. Auch eine lang vorbereitete Veränderung, auf die mensch Zeit hatte, sich anzupassen, kann leichter fallen. Umgekehrt können Veränderungen umso schwerwiegender sein, wenn sie sehr komplex sind, wenn sie mehrere Lebensbereiche berühren, wenn sie plötzlich kommen, wenn sie Unsicherheit oder gar ein negatives Ergebnis mit sich bringen.
Stellen wir uns vor, eine neue Software wird in unserem Arbeitskontext eingeführt. Je nachdem, ob ich mich mit Technik gut auskenne, ob ich gar damit eine bestimmte Affinität habe, eine Neugierde, ob ich mit der vorigen Lösung nicht zufrieden war, dies sind alles Aspekte, die es beeinflussen werden, wie ich diese Veränderung erlebe. Begrüße ich sie, freue ich mich auf sie, bin ich eher ängstlich, fühle ich mich vielleicht überrollt. Hatte ich die Möglichkeit, mich auf diese neue Lösung einzulassen, konnte ich mich einarbeiten, wurde mein Feedback sogar abgefragt, um ein bestmögliches Erlebnis für mich und andere Nutzenden zu schaffen? Dies alles kann mir ein Gefühl von Kontrolle und Aktivität (statt Ausgeliefertsein und Passivität) geben, wodurch ich mich stärker, präsenter, souveräner fühle. Dadurch kann ich besser auf meine geistigen Ressourcen zugreifen, ich bin weniger fahrig, arbeite konzentrierter und werde mit Sicherheit dadurch bessere Ergebnisse erzielen.
Umgekehrt verhält es sich natürlich, wenn ich eine neue Lösung nicht möchte, keinen Leidensdruck habe, mich an die alte Lösung gewöhnt habe, keinerlei Grund sehe, überhaupt eine Änderung herbeizuführen, und mich vielleicht auch noch ängstlich und scheu gegenüber neue Technologien verhalte. Dadurch steigt mein Stressniveau und notwendigerweise nehmen dann die kognitiven Fähigkeiten ab, wodurch ich unkonzentrierter werde, teilweise sehr offensichtliche Dinge übersehe und insgesamt ein sehr schlechtes Ergebnis (und Erlebnis!) erziele.
Es ist beides, was an dieser Stelle zusammen spielt: Die Veränderung an sich, ihre Eigenschaften, und gleichzeitig auch die Eigenschaften der Menschen, die diese Veränderung durchlaufen. Da reden wir von Persönlichkeitsfaktoren, aber auch von vorhergehenden Erfahrungen, um ein Gefühl dafür zu haben, wie diese Dinge zusammen spielen.
Bin ich ein veränderungsfreudiger Mensch und steht eine kleine, planbare, übersichtliche Veränderung an, ist es eine komplett andere Situation als eine solche, wenn ich generell mehr auf Zuverlässigkeit und Stabilität ausgerichtet bin und sehr plötzlich eine sehr große Veränderung mit mir geschieht, ohne dass ich darauf Einfluss hätte.
Auf einer Grafik mit zwei Achsen, Neugierde und Offenheit auf der x-Achse und Größe der Veränderung auf der Y-Achse, habe ich links unten, nah bei der 0-0 meine Komfortzone. Je weiter weg ich von diesem Bereich bin, desto unbequemer wird es.
Sei es, weil ich Veränderungen gegenüber nicht offen bin, und mich selbst kleine Veränderungen schon aus der Bahn bringen, aber auch, wenn ich grundsätzlich schon Veränderungen mag, aber nicht, wenn sie zu groß und zu plötzlich sind. Der Katastrophenfall ist natürlich der, wo ein Mensch, der keine Veränderungen mag, mit einer besonders intensiven solchen umgehen muss.
Selbst gute Veränderungen fordern aber ihren Tribut. Wenn ich von einer Wohnung umziehe, in der ich lange gewohnt habe, in eine andere Wohnung oder in ein größeres Haus, ist das grundsätzlich eine gute Veränderung. Aber mein Gehirn muss trotzdem alles neu lernen. Die Wege sind neu, die Räume sind neu, die Plätze, in denen die Sachen sind, alles ist neu. Dort, wo ich vorher in meiner Küche einfach blind Teller, Geschirr und Gläser aus den Schränken geholt habe, stehe ich wieder da und muss mühselig neue Prozesse automatisieren.
Das Automatisieren ist an sich eine sehr kluge Sache, weil sie kognitive Ressourcen spart: Alles, was ich automatisiert habe, darüber muss ich nicht nachdenken. Vermutlich kennt jeder von uns, dass man versehentlich nach Hause gefahren ist, obwohl man eigentlich woanders hin wollte, weil dies eben ein automatischer Prozess ist. So ist auch die Verwendung von gewohnter Software. So ist auch der Aufbau einer gewohnten Umgebung, so sind auch die Beziehungen, die wir pflegen, die Abläufe, die wir standardmäßig durchführen, die Art, wie wir Dinge tun.
Häufig - und das tun einige Menschen mehr als anderen - automatisieren wir ziemlich viel, um Ressourcen für andere Dinge freizuschaufeln. Sobald ein automatisierter Vorgang nicht mehr funktioniert, müssen wieder aktiv kognitive Ressourcen dafür umverteilt werden, damit Dinge wieder funktionieren. Und das ist etwas, was Menschen meiner Erfahrung nach ziemlich oft übersehen oder auch unterschätzen: Wie viel Ressourcen das Gehirn ungesehen braucht, um mit Veränderungen umzugehen.
Es heißt, dass der Umzug in eine neue Wohnung ähnlich schwierig zu verarbeiten ist wie der Tod einer nahestehenden Person. Emotional, weil wir viele Dinge wieder in die Hand nehmen, weil wir Sachen aussortieren, die schon eine Weile mit uns sind, oder weil wir wenigstens neu entscheiden müssen, ob ein bestimmter Gegenstand weiterhin einen Platz in unserem Leben haben soll oder nicht und wenn ja, wo. Organisatorisch, weil eben alles einen neuen Platz hat und wir das zu Beginn noch nicht automatisiert haben. Auch, weil sich viele Wege ändern, es sind nicht mehr die gleichen Ampeln, der gleiche Supermarkt um die Ecke, die gleiche Apotheke, ganz viele Sicherheiten gehen verloren. Und selbst wenn wir in unserer modernen Gesellschaft trotzdem sicher sein können, dass der nächste Supermarkt trotzdem da sein wird und dass er mit Sicherheit auch die Artikel führen wird, die wir zum Überleben brauchen, ist es dennoch ein Verlust an gewohnten, an Dingen, die ohne kognitive Ressourcen einfach funktionieren.
Warum schreibe ich das nun alles? Naja, wie so oft, um für Verständnis und Geduld für uns selbst zu werben. Kinder sind nämlich Meister:innen der überraschenden Veränderung. Sie ändern ihre Gewohnheiten ohne jegliche Ankündigung, sie machen Entwicklungsschübe durch, nach denen hinterher nichts mehr so ist wie vorher. An einem Tag wollen sie noch an der Hand gehalten in den Kindergarten begleitet werden, am nächsten Tag sind wir peinlich und sollen ja weg bleiben. An einem Tag können sie kaum Fahrradfahren, am nächsten springen sie mit dem Fahrrad irgendwelche Stufen runter. Das ist toll, Kinder sollen sich ja entwickeln. Nur das arme arme Gehirn der Eltern, das muss jeden Tag neu lernen, mit diesem sich ständig verändernden Menschen umzugehen. Das ist gut, weil das Gehirn dadurch flexibler bleibt, als es ohne die Kinder bleiben würde, und es kostet gleichzeitig sehr viel Kraft.
In diesem Sinne: “einfach Mal” (eigentlich hatte ich mir geschworen “einfach nur” und “einfach Mal” komplett aus meinem Wortschatz zu streichen, aber da ist es ja, immer und immer wieder) das Loslassen üben, die nächste Gelegenheit nutzen, wenn der Nachwuchs beim Vater ist, die Beine hochlegen, so tun, als hätten wir auf der ganzen Welt nichts besseres und wichtigeres zu tun, als uns selbst über den Kopf zu streichen und uns auf die Schulter zu klopfen: Gut gemacht. Und das auch wirklich glauben, denn unser Gehirn leistet tagtäglich mehr, als wir ihm üblicherweise anrechnen.
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