Veränderung Teil II

Bild mit Microsoft Copilot erstellt

Letzte Woche erschien mein Blogartikel einen Tag zu spät. Meine Selbstverpflichtung war und ist es, dass ich jeden Samstag einen Blogartikel veröffentliche, allein schon, um zu sehen, wie ich damit zurecht komme, regelmäßig zu schreiben, unter Druck zu stehen, schreiben zu "müssen". Für den Fall, dass ich doch noch eine Karriere als Schriftstellerin eingehen sollte und um dann schon zu wissen, wie es ist, wenn mir die Ideen ausgehen und ich nicht mehr weiß, worüber ich schreiben sollte. Ist schon einmal passiert, habt ihr es gemerkt?
Jedenfalls, wer mich kennt, weiß, dass ich eine gewisse Rigidität entwickeln kann in Bezug auf Selbstverpflichtungen. Und was es dann in diesem Zusammenhang bedeutet, wenn ich einem Artikel erst am Sonntag veröffentliche und nicht schon am Samstag. 
Jetzt hängt das nicht damit zusammen, dass ich den Artikel nicht am Samstag schon fertig gehabt hätte. Ich hatte ihn. Ich hatte das Bild noch nicht, aber der Artikel stand. Aber ich habe ihn nicht veröffentlicht, weil er mir irgendwie noch unfertig erschien. Irgendwas hat noch gefehlt. 
In der Nacht von Samstag auf Sonntag hatte ich dann die Eingebung, worauf ich noch nicht eingegangen war. Und weil ich wusste, dass das nicht nur ein kleiner Nachsatz wird, sondern ein vollständig neuer Artikel, habe ich ihn so veröffentlicht, wie er war. Auf einmal war er nicht mehr unvollständig, er war eine Einleitung zu einer anderen wichtigen Frage. Wobei Frage es nicht notwendigerweise trifft, eine andere wichtige Überlegung. 

Vor einigen Jahren habe ich ein Buch von Bärbel Wardetzki gelesen, das ich sehr empfehlen kann: Mich kränkt so schnell keiner! Wie wir lernen, nicht alles persönlich zu nehmen. Es ist ein Arbeitsbuch, voller Aufgaben und sehr vielen Anregungen. Weil ich das Buch damals auch mit Kuli ausgefüllt habe, ist es jetzt noch ein Zusatztagebuch aus dem Jahr 2016. 
Ein Satz hat sich mir damals eingebrannt, über den ich unzählige Stunden seitdem nachgedacht habe: "Ich kann mich nicht verändern. Ich kann nur zu der werden, die ich schon bin". 
Diese Widersprüchlichkeit hat mich damals schon extrem gefesselt. 
Ein Mensch verändert sich nicht. Er wird höchstens zu dem, was er schon vorher war. So, als würde er Schicht um Schicht seine Erziehung, seine kulturelle Prägung und verschiedene gesellschaftliche Erwartungen nach und nach abziehen und dann zu dem zu werden, der er schon immer war. 
Das Kapitel heißt "Veränderung ist möglich" und das letzte Unterkapitel nennt sich dann "Das Paradox der Veränderung. Veränderung heißt nicht, anders zu werden als Sie sind". 
"Solange man sie will, kann sie nicht geschehen. Es genügt, bewusst zu erleben, wie ich bin und wer ich bin. Die Veränderung geschieht von selber." zitiert sie Klaus und Heidi Eidenschink. Und: "Veränderung geschieht, wenn jemand wird, was er ist, nicht wenn er versucht, etwas zu werden, das er nicht ist. Veränderung ergibt sich nicht aus einem Versuch des Individuums oder andere Personen seine Veränderung zu erzwingen, aber sie findet statt, wenn man sich die Zeit nimmt und die Mühe macht zu sein, was man ist; und das heißt, sich voll und ganz auf sein gegenwärtiges Sein einzulassen", führt sie den Gedanken mit Arnold Beisser fort. Nicht zufällig alles Gestalttherapeut:innen, also solche, die auch nach der Maxime arbeiten, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile.
Und sie fasst zusammen, "Anders zu werden, als Sie sind, können Sie gar nicht, denn Sie sind nun einmal die Person, die Sie sind. Was Sie allerdings tun können ist, diese Person vollständig zu werden, so zu sein, wie Sie sind. Und das ist das Wesentliche an der Veränderung".

Wie kann ich mich denn verändern, wenn ich mich nicht verändere??! 
Ein hirnschmelzendes Paradox.

Vielleicht hilft es, das Problem anders zu umschreiben: Solange ich das in mir verneine, verdränge, nicht ernst nehme, was mir mein Gegenüber zeigt, solange ich sein Problem nicht an mir erkenne, kann ich nichts ändern. Wenn ich mich erkenne als das, was ich bin, in meiner Ganzheit, mit meinen Stärken und Schwächen, mit den Reaktionen, die ich in anderen auslöse, wenn ich dazu stehe, wenn ich mich selbst "owne", dann verändere ich mich. Ich verändere mich, indem ich mich nicht verändere, sondern wahrnehme. Indem ich dazu stehe, wer und was ich bin. Indem ich verstehe, dass bestimmte Dinge, die ich tue, andere de facto verletzen, auch wenn ich es nicht tue. Nicht absichtlich tue. Indem ich mich mit den Augen des anderen sehe und erkenne, dass ein Problem, das ich nicht sehe, trotzdem ein Problem sein kann. Rigidität, zu viel oder zu wenig, Flexibilität, zu viel oder zu wenig, Distanz, zu viel oder zu wenig, Nähe, zu viel oder zu wenig, Prioritäten, Vertrauen, Respekt, ach die Liste ist unendlich. 
Indem ich dem anderen sage "stell dich nicht so an!", lasse ich ihn allein mit "seinem" Problem. Indem ich erkenne, wer ich bin und wie ich agiere und wie das, was ich tue, für den anderen relevant ist, da liegt eine Möglichkeit. Da liegt eine Veränderung. Die nicht daraus besteht, dass ich mich ändere, sondern daraus, dass ich zu mir stehe. Dass ich mich nicht ändere, sondern zu dem werde, der ich bin.

Ich könnte es auch so vergleichen: Was meinst du, wie es einem Regenwurm geht, der nicht mehr versucht, einen Kokon zu bauen, um sich in einen Schmetterling zu verwandeln? Ich bin mir ziemlich sicher, dass er als Regenwurm deutlich zufriedener und entspannter wird, einfach nur weil er sich eingesteht, dass er ein Regenwurm ist. Dadurch wird er nicht zum Schmetterling (also er verändert sich nicht), aber er wird zum zufriedenen Regenwurm und verändert sich dadurch doch.

Puh, das mit dem Regenwurm war zwar ein gutes Beispiel, finde ich, aber ein hübsches Bild dafür zu finden wird sehr herausfordernd.
[Deswegen sind es am Ende auch Matroshkas geworden. Die schälen sich gewissermaßen auch, verändern sich und sind doch immer die gleiche...]

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