Veränderung Teil IV
Als ich kürzlich die Statistik von meinem Blog überprüft habe (einer der Gründe, weshalb ich einen Blog schreibe ist, damit ich Daten bekomme, die ich dann auswerten kann), war ich zuerst von einem Fehler ausgegangen. Da waren zwei Artikel mit gleichem Namen. "Veränderung". Also nicht “Veränderung” und “Veränderung 2", sondern schlicht “Veränderung”.
Ich war überrascht, denn als ich den letzten Artikel verfasst habe, kam er mir sehr spontan vor. Nicht geplant. Wenn ich Artikel mit Fortsetzung mache, dann häufig, weil sie geplant sind, oder weil nachdem der erste Teil veröffentlicht ist, ein zweiter Teil notwendig erscheint.
Nicht so diesmal.
Diesmal habe ich sehr spontan einen Artikel “Veränderung” genannt, ohne mir bewusst zu sein, dass meine letzten drei Artikel “orientierungslos”, “Veränderung Teil II” und “Veränderung” hießen.
Das machte mir also sehr bewusst, dass das Thema Veränderung für mich gerade nicht nur eine sehr präsente und dominante Rolle nimmt, sondern auch, dass sie sich von so unterschiedlichen Seiten präsentiert, dass ich sie teilweise selbst nicht miteinander in Verbindung bringe.
Am gleichen Tag, als mir das bewusst geworden ist, wurde mir auch bewusst, dass das der Tag war, an dem ich vor 20 Jahren geheiratet hatte. Der 19 Mai. Natürlich feiere ich den Tag schon lange nicht mehr, die Trennung ist inzwischen auch schon fast zehn Jahre alt, aber jedes Jahr wird mir aufs neue bewusst, wie sich die Jahreszeiten weiter nach vorne verschieben. Nie werde ich die Fahrt zu dem Schloss, an dem ich geheiratet habe, mitten durch unzählige Rapsfelder in voller Blüte vergessen.
Inzwischen ist der Raps - gerade in diesem Jahr ist mir das sehr aufgefallen - am 19. Mai schon komplett abgeblüht. 20 Jahre, und wir haben eine Verschiebung von ungefähr vier Wochen zum Beginn des Frühlings und des Sommers.
Und selbst auf die Gefahr hin, dass ich meinen Blog umbenennen muss von “Powermoms” zu “Veränderungsphilosophie”, musste ich weiter über die Veränderung nachdenken.
Sie wird uns so oft nicht bewusst. Sie passiert nebenher, oft in so kleinen Schritten, oft so langsam, dass wir sie nicht wahrnehmen. Wir nehmen die Veränderung dann wahr, wenn wir aus irgendwelchen Gründen das Vorher und das Nachher miteinander vergleichen.
In aller Regel sehe ich es nicht, dass mein Kind wächst. Er ist ja ständig da, ich sehe ihn ständig, die Veränderungen sind nur minimal. Es sei denn natürlich, er macht einen Entwicklungsschub durch, und dann werden von literally einem Tag auf den anderen Dinge möglich, die es vorher nicht gab. Z.B. als er lernte, Fahrrad zu fahren. Wir hatten es ganz oft versucht und irgendwann aufgegeben. Er war noch zu klein und zu jung und es war einfach noch nicht an der richtigen Zeit. Das Fahrrad kam in den Schuppen und das Thema wurde fallen gelassen. Ungefähr einen Monat später kam er zu mir und sagte “Mama gib mir das Fahrrad, jetzt kann ich Fahrrad fahren”. Sagte es, stieg auf und fuhr. Ich war völlig von der Rolle, denn das Fahrrad stand einen Monat unangesehen und unberührt im Schuppen, wieso kann denn jetzt das Kind plötzlich Fahrradfahren? Er erklärte mir, dass er das in seinem Kopf verstanden hatte, wie das geht und deswegen könne er das jetzt. Ähnlich war es, als er plötzlich anfing, Englisch zu sprechen, auf einmal. Auf einmal war da ein Kind, das zu Hause lieber Englisch sprechen wollte als deutsch.
Das sind Veränderungen, die einen anspringen, weil sie so abrupt sind.
Aber andere Veränderungen vollziehen sich im Laufe der Zeit. Der Tage, der Monate, der Jahre, der Jahrzehnte.
Weil ich mich so alt gefühlt habe, 20 Jahre und viele Leben nach dem Tag, an dem ich geheiratet hatte, habe ich das mit meiner Familie geteilt. Ich fühle mich noch nicht so, als hätte ich schon vor 20 Jahren heiraten dürfen, obwohl ich das altersmäßig natürlich schon durfte und konnte und es auch getan habe. Dann fingen wir an, uns gegenseitig an Dinge zu erinnern, die gar nicht möglich erscheinen: Mein kleiner Bruder ist über 40, wie abstrus ist das bitte. Natürlich habe ich viel Kontakt zu ihm, wir sind uns nah, unsere Kinder sind sehr nah, natürlich weiß ich, dass er über 40 ist. Ich kann es auch ausrechnen. In meinem Kopf ist er aber lange Zeit nicht über die 24, 25 gealtert. Weil es schlicht unvorstellbar ist, dass ein kleiner Bruder so alt sein kann.
Dann ging es weiter mit Babys die wir kannten, die plötzlich erwachsen sind. Das ist noch schräger, denn diese sind nicht nur minimal jünger als ich, wie mein Bruder, sondern ich habe sie schon als Erwachsene als Babys getragen. Sie waren also klein, als ich schon erwachsen war.
Das schockiert ein Stück weit, ist aber mit die einzige Möglichkeit, den Zeitverlauf zu messen. Zeit ohne Veränderung scheint nicht zu vergehen. Oder langsamer zu vergehen, oder vielmehr schneller, weil das Gehirn nicht so viel an Wegmarken aufnimmt und dadurch keine Erinnerungen gebildet werden, mit denen wir den Gang der Zeit messen.
Aber was ist mit den Veränderungen in und mit einem selbst? Spürt man diese Veränderung? Sieht man diese Veränderung?
Ein paar Dinge sind recht offensichtlich, z.B. die radikale Frisuränderung, nach einer großen Lebensveränderung. Ich kenne viele Frauen, denen es so geht wie mir, mit der Trennung und/oder der Scheidung geht ein radikaler Frisurwechsel einher. Von ganz kurz auf wachsenlassen oder Farbänderung, komplett neuen Schnitt, und so weiter.
Das sind gewissermaßen Wegmarken von meiner Erwachsenenzeit. Außerdem habe ich große Gewichtsschwankungen, die ein Stück weit die Zeit mit markieren, weil ich mich aufgrund des jeweiligen Gewichts erinnere, in welcher Situation oder Lebensphase ich gerade war.
Ansonsten kann mensch natürlich auch seine Garderobe etwas anpassen, um einen Wechsel, eine Veränderung im Inneren auch im Äußeren anzudeuten: bunter oder weniger bunt, länger, kürzer, enger oder weiter, verspielter, seriöser, wie auch immer.
Aber im Äußeren sieht mensch nicht, was im Inneren ist.
Es sei denn, der Mensch fühlt sich mit einer Veränderung so weit wohl oder angekommen, dass es Zeit wird, sie nach Außen zu tragen.
Eine Veränderung, die ich mir sehr bewusst gemacht habe, ist die Phase nach der Trennung.
Anfangs habe ich so sehr darunter gelitten, alleinerziehend zu sein. Allein dieses Stigma: “alleinerziehend”, das hört sich so nach “gescheitert” an. Dachte ich.
Im Laufe der Jahre habe ich begriffen, dass das Gegenteil der Fall ist. Ganz am Anfang, aber daran können sich nur noch die wenigen erinnern, die schon damals Bestandteil der Gruppe waren, hieß unsere Gruppe auch “Alleinerziehendenetzwerk”. Als eine davon mir bewusst machte, dass das ein so negativ konnotierter Begriff sei, habe ich die Gruppe in “Powermoms” umbenannt. Völlig zurecht, wie ich inzwischen finde, denn Frauen, und in der Regel sind es Frauen, die ihre Kinder alleine großziehen oder noch viel schlimmer die Kinder alleine erziehen aber die ständige Zustimmung der Väter benötigen, weil diese rechtlich zu ganz viel Mitsprache ermächtigt werden, ohne die Arbeit, die damit einhergeht, leisten zu müssen, das sind in meiner sich stetig verstärkenden Meinung absolute Heldinnen.
In so einer Situation wird es schwierig, nachzuvollziehen, ob die Änderung nur in einem selbst stattgefunden hat, oder auch im Äußeren.
Ist die Gesellschaft insgesamt netter zu Alleinerziehenden geworden? Ist der Begriff nicht mehr so negativ konnotiert wie noch vor wenigen Jahren?
Das kann ich nicht sagen, denn mein Verständnis von einem “Makel” hat sich zu einem Verständnis von Stärke und ja, schiere Übermenschlichkeit verändert.
Ich habe den Bezug zur Realität verloren, ein Stück weit, weil ich einen Begriff, der Teil von meinem Leben ist, wie vielleicht von nicht vielen, für mich selbst neu definiert habe. Ich habe mir den Begriff angeeignet und mit einer neuen, aktualisierten Bedeutung versehen.
So eine Veränderung kann ich nur beobachten, wenn ich den Anfangspunkt und den (vorläufigen) Endpunkt kenne und miteinander vergleiche.
Dass ich mich ein Stück weit in eine Bubble befinde, ist mir bewusst und schadet an der Stelle auch nicht. Alleinerziehende für Heldinnen zu halten schadet niemandem (höchstens vielleicht dem Patriarchat), Alleinerziehende stattdessen für Versagerinnen zu halten schadet ganz vielen Menschen. Alleinerziehenden, einerseits, und auch andererseits Menschen, die aus Angst vor dieser Stigmatisierung, in Beziehungen bleiben, die nicht gut für sie sind.
Einige Veränderungen sind klein, und andere sind so groß, dass sie daran rütteln an dem, wer oder was wir sind. Wie wir uns sehen, wie wir darauf aufbauend mit anderen in Beziehung gehen, wie unsere eigene Identität aufgebaut ist und ich stelle fest, aber da kann ich vielleicht auch nicht den Durchschnitt der Bevölkerung besonders gut darstellen, dass dies keineswegs so unflexibel und in Stein gemeißelt ist wie ich das während des Psychologiestudiums verstanden zu haben glaubte.
Nur weil ich einen Berg nicht dabei aktiv beobachten kann, wie er kleiner wird, erodiert, sich zersetzt und seine Form verändert, weil die Zeiträume, die mir zur Verfügung stehen, dafür absolut nicht ausreichen, heißt es nicht, dass er sich nicht verändert. Klimatische Veränderung sollten wir auch nicht während einer einzigen Lebenszeit beobachten können und tun dies nur, weil diese Veränderung so unglaublich schnell vor sich geht.
Große Veränderungen in kurzer Zeit sind sichtbar, aber die kleinen Veränderungen, die pausenlos passieren, die sehen wir nicht. Aber sie sind da und manchmal brauchen sie einfach eine gewisse Zeit, bis sie als Gesamtpaket auftauchen.
Ich bin mir sicher, dass auch beim Fahrradfahren von meinem Sohn die Veränderungen nicht so abrupt im Inneren passiert ist, wie es mir im Außen vorkam. Manche Dinge brauchen einfach Ihre Zeit und kommen dann raus, wenn sie soweit sind.
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