Orientierungslos


In der letzten Woche war ich in Estland. Ich hatte schon gelesen und gehört, dass Estland das digitalste Land Europa ist (weshalb ich auch dorthin ging, um etwas zu lernen, was ich für meinen Job hier anwenden kann), konnte mir aber darunter recht wenig vorstellen. Überhaupt konnte ich mir unter “Estland” nicht wirklich etwas vorstellen, obwohl ich im Vorfeld noch einiges gelesen hatte. 
Es war mir zum Beispiel nicht richtig bewusst, wie geografisch weit es im Norden liegt (59°N, also glatte 10° nördlicher als Nürnberg und auf einer Höhe mit Stockholm und Oslo) und was es konkret bedeutet. Das bedeutet ungefähr 10°C Temperatur weniger als hier, gleichzeitig blüht dort gerade alles, was hier schon längst verblüht ist und sie haben um diese Jahreszeit schon 1:27 Stunden mehr Sonnenlicht als wir. Und Überraschung: Die Sonne knallt richtig runter, deutlich mehr als erwartet (hätte ich vorher drauf kommen können, hätte ich darüber nachgedacht). Auch war mir nicht bewusst, wie Deutsch Tallinns Vergangenheit ist (früher hieß die Stadt Rewal) und dass Helsinki nur 2 Stunden mit der Fähre entfernt ist. Dass Helsinki sehr weit im Norden ist, war mir immerhin klar.

Tallinn hat nur etwas mehr als 400.000 Einwohner:innen, überhaupt hat das Land, so groß wie Niedersachen, lediglich 1,4 Millionen Einwohner:innen (Niedersachsen hat auf der gleichen Fläche 8 Mio). 
Tallinn ist Weltkulturerbe, die Innenstadt ist wunderschön. Überall innerhalb der alten Stadtmauer sind kleine Gässchen, alte Häuser, Museum reiht sich an Museum an. Ein Traum. Große Teile der Innenstadt sind komplett autofrei, überhaupt ist der Verkehr in Tallinn eine bemerkenswerte Sache. Für Tallinner:innen ist der öffentliche Nahverkehr kostenlos, Tourist:innen oder Menschen von außerhalb zahlen für eine fünftägige Flatrate gerade einmal 11 €. Je länger der gebuchte Zeitraum, desto weniger zahlt man proportional pro Tag. Der öffentliche Nahverkehr ist dermaßen gut aufgebaut, dass es keinen Sinn macht, Auto zu fahren. Dementsprechend sind die meisten Autos, die unterwegs sind, Taxen, Uber und Bolt. Überhaupt ist die ganze Stadt voll mit Bolt und anderen Marken von Elektro-Scootern und -Rädern, die in aller Regel sehr ordentlich in ihren vorgesehenen Bereichen parken. Auch gibt es Leihräder (mit und ohne Motor) und das Citybike, mit dem mensch nach der Registrierung 24/7 Fahrräder mittels QR-Code ausleihen kann. Was ich auch nicht wusste ist, dass Bolt wie übrigens auch Wise und Skype "Estonian unicorns" sind, also start ups, die mehr als 1 Mrd US Dollar wert sind. Das sind 1 unicorn auf 140.000 Einwohner:innen, in UK sind es 49 auf 68 Mio, also Faktor 10! 
Estland hat saubere Luft nach WHO-Standard und liegt direkt am Meer. Was will mensch mehr!
Und die Digitalisierung erst! Alle Behördenvorgänge in Estland, alle bis auf ein einziges (Scheidungen, was dieses Jahr noch digitalisiert werden soll) können direkt vom Rechner aus erledigt werden. Es gibt außer für die Scheidung keinen einzigen Grund, zu einer Behörde zu gehen. Der dortige digitale Personalausweis, zusammen mit einem Kartenleser direkt am Rechner (oder wer keinen hat: mit einem faltbaren USB-Stick, der den Ausweis einlesen kann), ermöglicht eine sichere Authentisierung und damit Zugriff auf sämtliche Behördenvorgänge. Übrigens funktioniert das mit meinem deutschen Personalausweis (ich habe schon länger die digitale Funktion aktiviert) auch: Ich konnte mich direkt in deren Behörden einloggen, obwohl sie noch nie etwas von mir gewusst haben, war ich direkt so Teil des dortigen Systems. 
Die Digitalisierung dort hat schon in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts begonnen, als sie einen Großteil der immerhin sehr kleinen Bevölkerung gezielt geschult haben, um mit digitaler Technologie zurechtzukommen. Ihre Systeme sind sehr ausgefeilt, und so einfach gehalten, dass es mir Schmerzen bereitet, dass wir das in Deutschland nicht in der gleichen Weise hinbekommen - obwohl sie genauso der europäischen Datenschutzverordnung unterstellt sind wie wir auch. 
Sämtliche Systeme der öffentlichen Verwaltung sind Open source, das heißt, dass jeder in den Code reingucken kann. Damit sind diese Systeme extrem sicher und auch extrem demokratisch, denn jeder kann die Codes auch weiterentwickeln. Sogar die Wahlen funktionieren online, und obwohl ich ein großer Fan bin von Andreas Eschbachs “König von Deutschland”, muss ich zugeben, dass das estnische System funktionieren könnte. Nicht zuletzt deshalb, weil die online-Wahlen über mehrere Tage gehen und eine Stimme mehrfach überschrieben werden kann. Das heißt, wenn eine Person unter Druck ihre Stimme abgegeben hat in einer bestimmten Weise, könnte sie jederzeit hinterher diese Stimme überschreiben. Sie könnte auch in ein Wahllokal gehen und damit würden sämtliche digital abgegebene Stimmen überschrieben. Das ist so ausgefeilt, so einfach und gleichzeitig so klug.
Mit Sicherheit ist in Estland nicht alles Gold, was glänzt, aber der vermittelte Eindruck, die Antworten auf die Fragen, die Menschen, die diese Fragen beantworteten (und teilweise auch ihr Unverständnis ob der gestellten Fragen), das alles machte einen Eindruck von Star Trek auf Erden. Nur ohne die Raumschiffe. Und ohne Sterne und Außerirdische, aber die Idee einer gleichberechtigten und innovativen Gesellschaft, die gleichermaßen Mensch und Nachhaltigkeit priorisiert, die ist fast science-fiction-mäßig.

Warum also “orientierungslos” als Überschrift? 

Meine Heimatstadt Porto Alegre erlebt gerade die schlimmsten Überschwemmungen ihrer Geschichte. Es hat in 4 Tagen 800 mm geregnet, also so viel wie sonst in 5-7 Monaten im Einzugsgebiet der Großregion Porto Alegre (einen sehr guten Vortrag, leider auf Portugiesisch, gibt es von Prof. Rualdo Menegat, Geologe, - ab 09:30). 5 Mio Menschen sind betroffen, Tausende und Abertausende haben ihre Häuser und alles was darin war verloren. Das ist so, als würde halb Bayern unter Wasser stehen. Die Wasserversorgung ist zusammengebrochen, Porto Alegre (1,8 Mio Einwohner:innen) wurde teilevakuiert, was sehr zäh ging, denn der Flughafen ist bis Monatsende geschlossen (stell dir vor, der Münchner Flughafen macht für einen Monat dicht!) und alle Straßen aus der Stadt heraus bis auf eine waren unter Wasser. Meiner Familie geht es gut, danke der Nachfrage, teilweise haben enge Freund:innen und ihre Familien alles verloren. Die Solidarität ist unvorstellbar, Bundes- und Landesregierung arbeiten eng zusammen, der Katastrophenschutz, die Armee, Polizei und Feuerwehr sind rund um die Uhr im Einsatz. 
Es ist eine Verkettung von sehr unglücklichen klimatischen Ereignissen, die zu dieser Katastrophe in diesem Ausmaß geführt haben. Es besteht keinerlei Zweifel daran, dass diese Katastrophe ohne den Klimawandel nicht passiert wäre - die letzten 11 Monate waren durchgehende Wetterrekorde für ihre jeweiligen Monate in der Geschichte der Wetteraufzeichnung (das heißt der letzte April war der wärmste der Geschichte, der letzte März war der wärmste der Geschichte, der letzte Februar… für 11 Monate in Folge). Die veränderten Wetterbedingungen, die erhöhten Temperaturen und die damit einhergehenden größeren Wassermassen in der Atmosphäre haben zusammengewirkt, um mehrere Millionen Menschen unter Wasser zu setzen. Und machen wir uns nicht vor: Wir, Europa, die so genannten entwickelten Länder, wir verursachen das. Unser Konsum, unsere Ressourcenhunger, ja, auch unser Urlaubsverhalten und unsere Flüge und unsere völlige Unfähigkeit, von dem motorisierten Individualverkehr Abstand zu nehmen, dass alles trägt dazu bei, dass meine Heimatstadt nie wieder so sein wird wie vorher. Das Wasser hat eine Kerbe in der Stadt geschlagen, und die Angst vor einer erneuten solchen Katastrophe ist real, wie auch die Wahrscheinlichkeit real ist, dass so etwas nicht zum letzten Mal passiert ist. 

Und dann sitze ich da und frage mich, wie kann das eigentlich sein? Wie kann es sein, dass wir das Brot und den Käse und das Messer und alles in der Hand haben*, um diese Probleme zu lösen, es aber nicht tun? Wie kann es sein, dass ein Land, ein Kontinent, eine ganze Zivilisation so überaltert, nicht in echten Jahren, sondern in Gedanken, dass es keinen Schritt weiter in die Zukunft denkt, dass es keinen Gedanken daran verschwendet, was gerade diese Autofahrt, was gerade dieser Flug, für mein Kind, für mein Enkelkind, für die Generationen nach mir bewirken kann und wird? Und da zähle ich mich durchaus mit ein, auch ich bin nach Tallinn geflogen, und wenn ich mir anschaue, mit welcher Selbstverständlichkeit so viele Menschen so viel fliegen, dann denke ich mir “das kann ja gar nicht funktionieren!”. Fliegen, bauen, konsumieren, Stahl herstellen, Fleisch essen, motorisierter Individualverkehr. Das kann ja gar nicht funktionieren. Wir verbrauchen viel zu viel! Und es wird immer schlimmer werden und es wird weiterhin nicht uns treffen, sondern die Ärmsten, weshalb die Konsequenzen unseres Tuns nicht sichtbar sind. Und wir alle wissen, was passiert, wenn wir die Konsequenzen unseres Handelns nicht sehen: Wir machen einfach weiter. In diesem Zug kann ich das Buch empfehlen, was ich in den letzten Tagen ebenfalls auf Empfehlung verschlungen habe: Blue skies, von TC Boyle. Es liegt mir schwer im Magen (vielleicht hätte ich es nicht so schnell verschlingen sollen), denn es macht einem so präsent, wohin wir gerade steuern. Was wir gerade mit unserer Welt machen. Wer mehr Fakten und mehr Bezug zu Deutschland möchte, empfehle ich das Buch Deutschland 2050. Da geht es um die ganz konkreten Auswirkungen des Klimawandels für und in Deutschland in 25 Jahren. 25 Jahre, das ist ein überschaubarer Zeitraum, da werde ich aller Voraussicht nach noch da sein, mein Kind wird erwachsen sein. Womit wird er es zu tun haben? Wie wird unsere Welt dann aussehen? 

Es ist schwer, unter diesem Gewicht nicht aufzugeben. Hoffnungslos zu werden. Die Flinte ins Korn zu werfen. Was kann schon eine einzelne bewirken? Welchen Unterschied macht es schon, ob ich fliege, Fleisch esse, mit dem Auto zum Bäcker fahre? 
Es macht einen Unterschied. Denn jede:r von uns ist ein:e einzelne:r, aber zusammen sind wir viele. 
Es ist nicht alles verloren, solange wir nicht aufgegeben haben und solange wir wählen gehen. Oder wie mein Kumpel Heiner sagt… “Es gibt nicht auf jede Frage eine Antwort. Oder sie ist 42”

* Möglicherweise ist das ein brasilianisches Sprichwort, was übersetzt nicht ganz so bekannt ist, aber die Bedeutung ist klar: wir haben alles, was wir brauchen, in der Hand.

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