Die Frau im Spiegel
Stell dir vor, kaum haben wir uns daran gewöhnt, nur noch gefilterte Gesichter überall und plötzlich... Laufen wir plötzlich zufällig an einem Spiegel vorbei, der diese Feature nicht hat. Dann ist ja die Konfrontation mit der Realität ja wohl umso härter.
So ähnlich ist es auch bei Bildern: im Spiegel bin ich ja gewohnt, mich nur aus dem Winkel anzuschauen, der mir am besten gefällt, aber wenn ich mich auf Bildern sehe... Schock. So sehen mich Menschen?
Aktuell poppt eine bestimmte Diskussion überall in meinem Umfeld auf. Wie sehr ist mensch, wie sehr bin ich, wie sehr bist du, auf die Reaktion des Außens angewiesen? Wie sehr brauche ich einen Spiegel im Außen, einen Spiegel mit Feature im Außen, oder wie sehr kann ich mich selbst am besten einschätzen?
Brauche ich jemand anderes, der mir erzählt, wer ich bin? Brauche ich eine bestimmte Narrative, mit der ich mich identifizieren kann - oder auch muss? Brauche ich bestimmte role models, also Menschen, zu denen ich aufschaue oder die etwas vormachen, was ich danach machen kann?
Theoretisch weiß ich die Antwort drauf. Theoretisch ist mir völlig klar, dass ein Teil des Erwachsen werdens darin besteht, sich selbst zu finden. Schicht und Schicht von Erziehung und gesellschaftlichen Erwartungen abzustellen und zu sich selbst zu finden. Das ist ja ein Prozess, der irgendwie ziemlich früh anfängt und scheinbar gar nicht mehr aufhört.
In der Theorie weiß ich das.
Aber wie ist es in der Praxis?
Bei einigen Sachen habe ich ein echt gutes Standing. Ich habe das Gefühl, ich kann etwas gut. Ich habe ein Stück weit internalisiert, was ich an positiven Rückmeldungen über die Zeit gesammelt habe. Die positiven Rückmeldungen sind Teil von meinem Selbstbild geworden und diese kann ich immer wieder abrufen, wenn ich sie brauche.
An anderen Stellen habe ich das nicht. Ich tendiere dazu, zu glauben, dass ich so bin wie alle anderen und das alle anderen so sind wie ich, also gehe ich davon aus, dass auch andere diese Stellen haben. Blinde Flecken. Unsicherheiten, Stellen, wo wir selbst nicht der Maßstab sein können. Wo wir uns nach Außen orientieren, Halt suchen, Beispiele suchen, Geschichten und Narrativen suchen, irgendetwas, was eine Richtung angibt. Mehr als das, ich glaube (fürchte?), dass unsere Generation und gerade die noch jüngeren als wir sehr sehr dringend nach diesen Sicherheiten suchen. Weil ganz viele Sicherheiten verloren gegangen sind - zum Glück! Ich möchte bitte nicht durch gesellschaftliche Rollen und Erwartungen an den Herd gefesselt ununterbrochen Kinder kriegen müssen, gleichzeitig überfordert und unterfordert, während mein (cis-weiß-hetero-mittelalter) Ehemann draußen die Welt gestaltet und rettet. Ich möchte bitte auch draußen sein und auch die Welt gestalten können. Ich möchte auch Rechte haben und möchte, dass alle Menschen Rechte haben. Aber das erfordert eben, dass wir nicht alles so machen wie immer, sondern dass wir neue Wege suchen, neue Antworten.
Und wenn ich mir die sehr einfachen Antworten anschaue, die bestimmte Parteien laut in die Masse hineinrufen, und wie viel Zulauf sie dafür bekommen, dann wird mir auch ein bisschen bange.
Wir müssen das Außen neu erfinden und gleichzeitig fehlt uns der Halt im Außen. Wir müssten noch viel mehr Sicherheiten im Inneren haben, um sie auf das Außen zu projizieren. Oder etwa nicht? Ist das auch wieder nur eine neue Narrative?
Ja, es ist und bleibt eine Gratwanderung, die Frau im Spiegel und der Spiegel in der Frau. Was suche ich im Außen, was kann ich im Inneren finden.
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