Das richtige Maß


Stell dir vor, du wirst eingeschult. Es ist dein erster Tag in der Schule, du machst voller Aufregung und Freude deinen Schulranzen auf und in deinem Federmäppchen findest du unter vielen anderen spannenden Dingen... ein Lineal. Dort sind kleinere und größere Striche und aufsteigende Zahlen. Alles sehr klar, absolut eindeutig. Deine Schulkameradinnen und Schulkameraden haben ebenfalls Lineale dabei. 
Im Laufe der nächsten Wochen und Monate verwendet ihr immer wieder eure Lineale, und niemand kommt auf die Idee, diese in Frage zu stellen. Sie sind einfach immer da.

Im Laufe der Zeit, je älter ihr werdet, desto öfter stellt ihr fest, dass ihr mit Verwendung des Lineals zu unterschiedlichen Ergebnissen kommt: Der eine rechnet 2,0, bei der anderen ist das Ergebnis 1,8, bei einem nächsten 2,2. Die Unterschiede sind noch klein, aber spürbar. Im Laufe der Zeit werden diese Unterschiede jedoch immer größer, die Kommunikation wird schwieriger, denn die Rechnung stimmt, nur das Ergebnis stimmt nicht. Darauf, dass die Lineale einfach unterschiedlich sind, darauf kommt niemand, schließlich lernen wir sehr früh, dass Lineale immer korrekt sind.

Natürlich geht es mir nicht wirklich um Lineale, denn bei einem Lineal wäre die Frage ja schnell geklärt: Maßeinheiten sind objektiv, festgelegt, eben messbar. 
[Nerdtalk: Zu 100% stimmt das nicht, denn der Meter wurde schon einmal “umdefiniert”: im 18. Jahrhundert war ein Meter 1/10.000.000 der gemessenen Strecke zwischen Nordpol und Äquator, 1983 wurde er definiert als die Strecke, die das Licht im Vakuum während der Dauer von 1/299 792 458 Sekunde zurücklegt. Auch die Sekunde ist in dieser Rechnung genau definiert, nämlich als ein “bestimmtes ganzzahliges Vielfaches der Periode einer Mikrowelle, die mit einem ausgewählten Niveauübergang im Caesium­atom in Resonanz ist” mit einer Präzision von 10^−16.
Auf andere mehr oder minder sinnvolle Maßeinheiten wie Yard (= 0,9144 m), Fuß (= 0,3048 m), Zoll (= 0,0254 m) und Bananen gehe ich an dieser Stelle nicht gesondert ein - Nerdtalk Ende].

Die Lineale stehen in diesem Bild für das eigene oder das übernommene Wertesystem. Das Prinzip bleibt das gleiche.
Menschen haben Lineale dabei und je länger sie dieses Lineal verwenden und brauchbare, nützliche oder erwartbare Ergebnisse bekommen, desto vertrauter und glaubwürdiger ist dieses Lineal.
Das Lineal besagt unter anderem, wie wir zu sein haben. Wie wir auszusehen haben, was zulässig ist und was nicht. Wie groß wir als Frau oder als Mann zu sein haben, wie schwer wir sein dürfen, um noch für kompetent oder schön gehalten zu werden, wie intelligent, wie laut, wie dominant oder bescheiden oder besorgt und so weiter. 
In einer Gesellschaft wie der Deutschen sind Frauen durchschnittlich 166,2 Zentimeter groß, haben im Schnitt 1,46 Kinder, je nachdem ob sie einen Migrationshintergrund haben oder nicht auch mehr oder weniger, werden zu 35,15% geschieden, sind zu 20,9% von Altersarmut betroffen. 
In jeder Eigenschaft finden wir uns mehr oder weniger in der Normalverteilung wieder. Zum Thema Einzigartigkeit hatte ich schon mal einen Artikel verfasst. Je besser wir in die Normalverteilung passen, desto leichter fällt es uns, diese Norm, dieses Lineal auch anzunehmen bzw. gar nicht erst zu hinterfragen. Umgekehrt heißt es auch: Je gefestigter wir sind, desto leichter fällt es uns zu akzeptieren, mit welchen Eigenschaften wir uns eben nicht innerhalb der Normalverteilung aufhalten. 

Was aber, wenn das Lineal in einer Zeit geprägt wurde, die mit den Herausforderungen der heutigen Zeit fast nichts mehr gemeinsam hat? Was, wenn es von mir erwartet, 2,1 Kinder zu haben (ich aber keine haben will oder kann), ein Auto zu fahren (ich aber lieber Fahrrad fahre), in den Urlaub zu fliegen (ich aber lieber in der Ostsee segeln gehe), Fleisch zu essen und so weiter und so fort?
Wir alle wachsen mit den Werten auf, die für unsere Eltern und die Generationen vor ihnen in irgendeiner Form funktioniert haben. Mal besser, mal schlechter, mal Demokratie fördernd, mal Demokratie zersetzend, mal zu einer Generation von traumatisierten Kindern, mal zu einer Generation, die mehr geschützt wurde. Das heißt noch lange nicht, dass das früher gegossene und geprägte Lineal heute noch passt. Aber weil es so selbstverständlich ist, so tief verankert in unseren Glaubenssätzen, so präsent seit den ersten Erinnerungen in der frühesten Kindheit, kommen wir zu oft nicht auf die Idee, das aufgedruckte Maß zu hinterfragen.
Stell dir vor, 20, 30, 40 Jahre später hast du noch einmal das Lineal in der Hand, das du damals hattest, als du eingeschult wurdest. Schau noch mal genau drauf. Hast du es all die Jahre mit dir herumgetragen, weil du es weiterhin für die Wahrheit hältst? Oder weil du nie daran gedacht hast, dass du das richtige Maß auch für dich finden könntest?

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