Die Gedanken sind frei…
Was würdest du tun, wenn du frei von Zwängen wärst? Wenn du kein Geld verdienen müsstest, nicht auf Kinder aufpassen oder keine sonstigen Care Arbeiten, dir keine Gedanken machen müsstest über Kinderbetreuung, Krankheit, Klimakatastrophe, Krieg, nichts. Was würdest du tun, wenn du völlig frei wärst?
Diese Frage sollte mensch sich eigentlich nicht stellen. Schon gar nicht um die Zeit um Silvester herum, schon gar nicht um die Zeit der guten Vorsätze und wichtigen Lebensentscheidungen. Überhaupt sollte mensch keine relevanten Lebensentscheidungen treffen, wenn emotionale Zeiten sind. Auch Geburtstage und andere emotionale Tage sind für nachhaltige Entscheidungen nicht sinnvoll.
Grundsätzlich habe ich mir angewöhnt, alles, was mir durch den Kopf geht, erst einmal in Quarantäne zu setzen. 14 Tage denke ich nicht darüber nach, und wenn es danach noch relevant ist, dann befasse ich mich wieder damit. Durch diese “Gedankenquarantäne” sind schon ganz viele voreilige Entscheidungen verschoben, verdrängt oder eben auch vergessen worden. Deswegen besitze ich keinen Hund, keine Katzen, keine Kaninchen, keine Nagetiere. Nicht, weil ich nicht darüber nachgedacht hätte, sondern weil die Gedanken alle die Quarantäne nicht überstanden haben. Deswegen wohne ich nicht in einem Haus im Grünen, sondern in einer Wohnung in der Stadt. Deswegen bin ich nicht ausgewandert (also schon, aber nicht aus Deutschland), deswegen habe ich lange gebraucht, um kein Auto mehr zu haben und lange gebraucht, um wieder eins zu kaufen. Die Gedankenquarantäne schützt mich davor, jeder meiner tausenden Ideen nachzugehen, die ständig in meinem Kopf umherhüpfen. Dinge, die mir heute extrem wichtig, dringend, geboten erscheinen, können morgen schon wieder völlig irrelevant sein.
Ich würde mich nicht als sprunghaft bezeichnen, sehe aber eine Tendenz, mit großem Enthusiasmus auf viele Dinge einzugehen, die in meinem Kopf passieren. Ich habe viele Hobbys, und ich hatte viele Hobbys - einige halten länger, andere kürzer, einige bereichern mich nachhaltig, andere gehen genauso schnell, wie sie gekommen sind. Das alles ist Teil von mir.
Doch die Frage bleibt: was würde ich tun, wenn ich komplett frei von Zwängen wäre.
Ich glaube, die älteste Antwort darauf wäre: Ich wäre Schriftstellerin. Ich habe schon als Zehnjährige über Geschichten nachgedacht, die ich zu gerne auch veröffentlicht hätte, wenn mein Umfeld dafür offen gewesen wäre. Das habe ich als Erwachsene nicht verfolgt, weil ich weiß, dass die wenigsten Menschen vom Bücherschreiben leben können. Selbst mein Großvater, der dutzende Bücher geschrieben und veröffentlicht hat, lebte nicht hauptsächlich davon. Um Bestsellerautorin sein zu wollen, dafür sind meine Statistikkenntnisse zu gut: kaum jemand kommt dahin.
Natürlich könnte ich immer noch voller Optimismus (oder Naivität?) alles hinschmeißen und ein Buch schreiben. Oder mehrere. Ideen dafür hätte ich mehr als genug. Aber ich habe eben auch - vor allem finanzielle - Verpflichtungen, die es mir nicht erlauben zu sagen, “jetzt mache ich alles neu. Jetzt kündige ich meinen Job (den ich übrigens sehr mag!) und schreibe Bücher”.
So oft lesen oder sehen wir die Geschichten von erfolgreichen Menschen, die vorher viel und oft gescheitert sind und lediglich durch ihre Ausdauer am Ende doch erfolgreich werden. Doch auch da wieder: Statistikkenntnisse und eine gute Portion Realitätssinn sagen, dass wir nur die Geschichten von den Personen hören, die es am Ende doch geschafft haben. Alle die, die immer wieder gescheitert sind und am Ende ihren alten Alltag weitergeführt haben, weil die Welt so ist wie sie ist und die Verpflichtungen so sind wie sie sind, diese Geschichten werden eher selten erzählt. Ich bin mir aber verhältnismäßig sicher, dass das die häufigere Variante ist.
Was also machen mit der Frage, die immer wieder kommt: Was würdest du tun, wenn du völlig frei von Zwängen wärst?
In der Realität, wie sie ist?
Ganz ehrlich?
Ich glaube, ich würde nicht so viel anders tun, als ich es jetzt tue. Ich würde meinen Drang zum Schreiben mit meinem Tagebuch und meinen Blogs decken (auch wenn ich vllt stillschweigend immer hoffe, dass mich jemand dabei entdeckt und anfragt, ob ich nicht Lust hätte, einen Bestseller zu schreiben!). Ich würde weiterhin Bücher lesen, die mich interessieren, und sie im Blog oder über Audio rezensieren, mehr, wenn ich mehr Zeit habe, weniger, wenn andere Dinge gerade höher priorisiert sind. Ich würde mich weiterhin über Naturwissenschaften und Technik informieren, weil ich Freude daran habe. Ich würde versuchen, meinen Job so zu gestalten, dass ich meine Stärken dort bestmöglich ausleben kann. Und ich würde mich damit zufrieden geben, dass mein Leben ziemlich gut so ist, wie es ist. “Komfortzone”, sagen viele dazu, und viel zu oft ist das negativ konnotiert, weil sie davon ausgehen, dass die Komfortzone möglichst oft verlassen werden muss, damit sich der Mensch entwickelt. Katja Berlin prägte den Begriff der “Selbstokayisierung” (statt der “Selbstoptimierung”) und hinter diesem Begriff stehe ich sehr.
Klar, ab und zu ist die Frage schon mal erlaubt, ob mensch seinen Traum lebt, oder ob mensch mit seinem Leben seinen Traum tagtäglich beerdigt. Aber vielleicht muss mensch das nicht gerade an Weihnachten oder Silvester machen, sondern den Traum irgendwie so weit präsent, aber im Hintergrund halten, dass er ab und zu einmal an die Tür klopft, höflich fragt, ob noch alles passt oder ob es an der Zeit ist, alles auf den Kopf zu stellen, und dann auch bereit ist, wieder in den Hintergrund zu gehen, wenn es jetzt nicht seine Zeit ist.
Am wichtigsten ist wohl, dass mensch mit sich selbst nett umgeht. Dass mensch sich nicht mit Vorwürfen überhäuft, wenn irgendjemand (die anderen oder man selbst) meint, dass mensch Dinge anders tun müsste, als mensch sie getan hat. Heißt am Ende: vielleicht kann mensch sich nicht frei machen von allen Zwängen. Aber vielleicht immerhin von denen, die einen von Innen heraus bedrängen.
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