Die magische Zahl
Ich behaupte von mir, dass ich ganz gut mit Zahlen, Mengen, Proportionen umgehen kann. Zum einen, weil man das als Psychologin so lernt, zum anderen, weil ich mich mit Zahlen generell ganz gut schlage. Mir wird auch ein Stück weit ein Daten-Fetischismus nachgesagt, weil ich gerne einfach mit Zahlen spiele.
Die Bedeutung der meisten Zahlen ist davon abhängig, was sie angeben und in welchem Kontext. 10 Cent ist nicht sonderlich viel. Zehn Kinder ist ganz schön viel. Zumindest in einer Familie. In einer Schulklasse dagegen wenig. Zahlen machen erst dann Sinn, wenn man sie im Kontext verstanden hat. So ist eine Zahl nicht immer per se, von sich aus verständlich.
Viele Zahlen haben in verschiedenen Kulturen auch eine besondere Bedeutung. Im christlichen Glauben die 3 (heilige Dreifaltigkeit, heilige drei Könige…), in einigen Kulturen die 7. In westlichen Kulturen stellt die 13 oft die Unglückszahl dar - so sehr, dass in den USA ein Großteil der Gebäude kein 13. Stockwerk hat (bzw. so tut als ob). Andere Zahlen haben eine inhärente besondere Schönheit, wie der goldene Schnitt (als ich zuerst davon gehört habe, habe ich viele Tage darüber gegrübelt - hier verlinke ich nur den Wikipedia Artikel, weil wenn ich versuche, das Thema zu erklären, werde ich wieder im rabbit hole verschwinden) und die Fibonacci-Reihe (übrigens ein toller Zeitvertrieb oder Einschlafhilfe).
(Soviel zum Zahlen- und Datenfetischismus)
Worauf ich hinaus will, wenn ich euch nicht schon längst verloren habe, ist, dass manche Zahlen erst Sinn ergeben, wenn man sie erfahren hat, zum Beispiel die Fibonacci-Reihe in der Sonnenblume.
Eine Zahl, die in besonderem Maß erfahren werden muss, um verstanden zu werden, ist die Pareto-Zahl.
Ihr kennt das Prinzip? 20% des Aufwandes für 80% der Ergebnisse, 80% des Aufwandes für 20% der Ergebnisse? Wenn das nicht magisch ist, dann weiß ich nicht, was ist!
(Spannenderweise stammt dieses Prinzip ursprünglich aus der Vermögensaufteilung ab, nach der die 20% Reichsten 80% des Vermögens besitzen - oder vielmehr besaßen, inzwischen sind 80% des Vermögens in der Hand der 10% Reichsten, aber das ist nochmal ein ganz anderes Kapitel).
Sehr vereinfacht besagt es, dass ein Großteil der Ergebnisse mit verhältnismäßig wenig Aufwand erzielt wird, und die restlichen Ergebnisse unverhältnismäßig mehr Aufwand verlangen.
Ich gebe dafür einmal ein Beispiel: Sagen wir mal, mein Mail-Postfach ist überfüllt. Ich kann jetzt einfach meinen Posteingang durchgehen, zum Beispiel von Alt nach Neu, und Mail für Mail löschen, bis ich wieder ausreichend Platz geschaffen habe. Oder ich sortiere meine Mails nach Größe und arbeite mich von der größten zur kleinsten vor, und da werde ich nach verhältnismäßig wenig Aufwand schon sehr viel mehr Platz geschaffen haben, als wenn ich systematisch nach Datum vorgehe.
Warum ist das so? Weil ich ein klares Ziel vorher definiert habe und mich nach den sogenannten "Vital fews" (die essentiellen wenigen) umgeschaut habe, statt Zeit und Energie auf die "trivial many" (die unerheblichen viele) zu verschwenden.
Es gibt Dinge, die kann mensch mit extrem wenig Aufwand erreichen, solange man sich nicht auf ein perfektes Ergebnis versteift. Es ist wie ein Gummiband, das gezogen wird. Anfangs geht das ganz leicht, aber je länger das Band wird, desto größer wird der Widerstand. Am Ende muss ich unverhältnismäßig mehr Kraft rein stecken als zu Beginn.
Wer sich dafür mehr interessiert, hier gibt es einen Artikel von projectsmart, der das ganz gut darstellt und ein sehr anschauliches Bild zeigt.
Als ich verstanden habe, was Pareto mir eigentlich sagen will, hat es eine große Auswirkung auf meine Handlungsart bewirkt. Anstatt eine Sache auf 100% zu bringen, kann ich fünf Sachen auf 80% bringen. Indem ich auf perfekte Ergebnisse verzichte, kann ich meine Leistung gewissermaßen verfünffachen. Der Witz dabei ist: den Ergebnissen sieht man in aller Regel nicht an, ob sie auf 80% oder auf 100% gebracht wurden. Weil die meisten “Empfänger:innen” der Arbeit nicht tief genug in der Materie stecken.
Sagen wir Mal, ich habe 5 Aufgaben zu erledigen. Jede davon braucht 10 Stunden, um sie auf 100% zu bringen. Das heißt nicht, dass ich pro Stunde 10% einer Aufgabe erledige. Das heißt vielmehr, dass ich in den ersten 2 Stunden die Aufgabe praktisch fertig habe und dann weitere 8 Stunden an dem Ergebnis verschlimmbessere. Das muss man sich Mal geben: stattdessen könnte ich in 10 Stunden auch alle 5 Aufgaben auf ein gutes Ergebnis bringen.
Als ich damit angefangen habe, hatte ich ständig schlechtes Gewissen: eine Aufgabe nicht auf 100% zu bringen fühlte sich an, als würde ich nur halbe Sachen machen - was so gar nicht mein Stil ist. Aber beim genaueren drüber nachdenken… wenn 80% eine “halbe Sache” ist, dann ist “eine ganze Sache” ja 160% - was nur zeigt, dass die Erwartung schon völlig schräg ist.
Das ist also mein “Geheimnis”, wieso ich “so viel mache”. Ich habe den Anspruch an Perfektion aufgegeben*. Ich erlaube es mir, Fehler zu machen. Ich finde es nicht toll, Fehler zu machen, und inzwischen habe ich verstanden, dass es die Mühe nicht wert ist, sie zu vermeiden. Sie passieren trotzdem, nur habe ich nicht ganz so viel Energie darin versenkt, zu versuchen, sie zu vermeiden.
Am Ende ist es alles eine Frage der Ressourcen (so wird auch Mal mein Buch heißen, ich sag's euch!).
Eine große Herausforderung ist dabei für mich, nicht wirklich fünf Aufgaben in die Zeit packen, die für eine vorgesehen ist. Sondern dran zu denken, dass ich auch nur ein Mensch bin, der ab und zu auch noch seine Ressourcen bilanzieren und nicht jedem neugierigen Gedanken hinterher traben muss…
Vllt helfen euch diese Überlegungen auch ein bisschen dabei, die Ressourcen gut zu bilanzieren. Wo lohnt es sich, Arbeit, Energie, Ressourcen hinein zu stecken? Und wo zieht man gerade an einem sehr langen, zähen Gummiband?
* Wichtiger Hinweis: Perfektionismus hat nichts damit zu tun, zukünftige Katastrophen vorherzusagen und abzuwenden, wie Patricia Cammarata alias dasnuf sehr anschaulich dargestellt hat.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen