Das richtige Maß Teil II
Als ich meinen letzten Artikel veröffentlicht hatte, bekam ich eine Rückmeldung, die eigentlich eine Frage war: Worum geht es dir eigentlich? “Der Text ist gut, aber er fühlt sich an wie eine Einführung, als müsste danach noch etwas kommen. Ein Beispiel, eine Geschichte, etwas, was das ganze konkretisiert”.
Darüber habe ich nachgedacht, warum habe ich diesen Text geschrieben und warum habe ich ihn gerade jetzt veröffentlicht.
Der Hintergrund ist tatsächlich die Diskussion um die gespaltene Gesellschaft, um den immer roher werdenden Umgang miteinander, mit den unterschiedlichen Erwartungen und Bedürfnissen.
Wir alle wachsen mit einer bestimmten Vorstellung auf, wie das Leben zu sein hat - das hatte ich im letzten Artikel mit den Linealen verglichen. Im Moment passieren aber sehr viele Veränderungen, sehr sehr schnell, zu schnell, viele Menschen kommen gar nicht mit. Der Klimawandel ist real. Die Klimakatastrophe ist da. Wir dachten, wir hätten deutlich mehr Zeit, um das Klima einzufangen, aber die Zeit läuft uns davon. Wir müssten deutlich schneller deutlich stringenter reagieren, um noch etwas ausrichten zu können. Der demografische Wandel ist da, der Fachkräftemangel ist da, die Zuwanderung ist da und auch wenn wir auf diese dringend angewiesen sind, fehlt uns die Zeit, zu akkommodieren.
In der Lernpsychologie von Jean Piaget gibt es die Begriffe der Assimilation und der Akkommodation. Assimilation bedeutet, dass etwas in ein schon vorhandenes Schema hineinpasst, das Schema also nicht verändert werden muss. Akkommodation bedeutet dagegen, dass das vorhandene Schema angepasst werden muss. Wir müssten also unsere Lineale neu schreiben, damit es auf die aktuellen Gegebenheiten wieder zutrifft. Die Zeit fehlt aber, die Veränderungen sind zu viele, zu schnell, eine Krise folgt der nächsten und deswegen ist die Zeit nicht vorhanden, zu akkommodieren.
Wir haben keine Zeit, unsere Denkstrukturen anzupassen und versuchen deshalb alles in die vorhandenen Denkstrukturen hineinzupressen, wir assimilieren. Wenn im rechten Diskurs von "Assimilation" die Rede ist, dann bedeutet das genau das: Menschen sollen sich hier einfügen, ohne irgend etwas zu verändern. Wenn sie schon hier sind, dann dürfen sie trotzdem nichts anfassen, schon gar nicht Privilegien und altbewährte Wahrheiten!
Dass das nicht gut geht, zeigt uns die aktuelle Realität in der Welt.
Viele von uns hatten schon länger das Gefühl, etwas tun zu wollen, etwas tun zu müssen. Die Frage war nur: was. Noch eine Unterschriftensammlung, noch eine Petition unterschreiben, bis zu den Wahlen ist es noch so lange hin. Was macht mensch in der Zeit, wenn man so viele Dinge sieht, so viel Veränderungsbedarf, so viel Protest, auch so viel Leid. Was tue ich da?
Jetzt scheint sich eine Antwort zu finden: wir laufen nicht einfach leise mit, sondern wir werden sichtbar, wir werden laut. Und das passiert jetzt.
Unter dem Schlagwort "wehrhafte Demokratie" erheben sich momentan in ganz Deutschland zahlreiche Demonstrationen und Kundgebungen von Menschen, die protestieren wollen gegen den Rechtsruck in der Politik (u.a. auch eine in Hamburg, die gestern vorzeitig abgebrochen werden musste, weil so viele Menschen da waren, dass die Sicherheit nicht mehr gewährleistet werden konnte). Das ist eine unmittelbare Reaktion auf das Treffen von Potsdam, aber darunter befinden sich auch viele, die schon länger das Gefühl haben, etwas tun zu müssen. Plakate mit “nie wieder ist jetzt” oder "jetzt können wir herausfinden, was wir anstelle unserer Großeltern getan hätten", zeigen eine eindeutige Parallele zu den Geschehnissen vor 100 Jahren.
So gestern auch am Erlanger Hugenottenplatz. Als ich dorthin geradelt bin und an zahlreichen zu Fuß gehenden und radelnden vorbeigefahren bin, habe ich eine bange Unruhe in mir bemerkt: Wer geht und fährt alles auf die Demo? Wie viele Leute werden da sein?
Am Ende ist es immer auch eine Frage von: Sind wir hier erwünscht? Will man uns hier haben? Mich?
Wenn keine:r meiner Kolleg:innen mit auf die Demo geht (ich war gestern in einer zehnköpfigen Arbeitsgruppe die einzige mit einem Migrationshintergrund), was heißt das in Bezug auf mich? Auf meine Familie, auf meine Freund:innen?
Bei mir vergisst es sich leicht, dass ich im Ausland geboren und aufgewachsen bin, weil ich so deutsch aussehe, so akzentfrei spreche, so gut integriert bin. Ich habe auch den deutschen Pass, aber das ist keine Garantie, wenn man sich die Remigrationspläne anschaut, die in Potsdam besprochen wurden. Das Ziel ist eine homogene deutsche Gesellschaft, wer gehört da überhaupt dazu?
Der Postillon hat einen Test "Sind Sie deutsch genug?" veröffentlicht. Wer bleibt hier übrig, wenn diese Remigrationspläne umgesetzt würden? Auch wenn es sich dabei “nur um Satire” handelt, ich bin über die zweite Frage nicht hinausgekommen und selbst mit Lügen nicht über die dritte.
Ich verstehe, dass die Situation schwer ist. Ich verstehe, dass die Veränderungen so schnell passieren, dass wir gar nicht in der Lage sind, zu akkommodieren, unsere Lineale anzupassen. Und ich verstehe, dass es absolut notwendig ist, diese Veränderungen in unser Wertesystem aufzunehmen, wenn wir eine gemeinsame Zukunft haben wollen.
Als ich am Hugenottenplatz angekommen war, hätte ich weinen können. Vor schierer Erleichterung. Der Platz war zu klein für die Menschenmenge, die dort zusammenkam. Dies war eine klare Nachricht: “Wir wollen das nicht. Wir wollen nicht, dass sich 1933 wiederholt. Wir wollen ein diverses, buntes, vielfältiges Deutschland. Wir wissen auch nicht, wie das geht, aber wir wollen es lernen. Ihr, (also wir, Migrantinnen und Migranten, Geflüchtete, Menschen mit einem anderen kulturellen Hintergrund), ihr seid hier erwünscht. Ihr seid ein Teil von diesem Land. Ihr bereichert unsere Kultur”.
Hugenottenplatz in Erlangen, 19.01.2024. Circa 4.000 Menschen demonstrieren für ein buntes und vielfältiges Deutschland
DAS ist für mich das richtige Maß.
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