Die Unsichtbarkeit der "Frauenarbeit"
Es war ruhig hier (im Blog) in den letzten Monaten, viel zu ruhig. Nicht, weil ich in dieser Zeit untätig war - das Gegenteil ist der Fall. Ich habe im Radio viel gemacht. Ich habe viel gelesen - nicht nur "Wie wir arbeiten wollen" von Sara Peschke, sondern auch das Lebensverändernde "Autokorrektur" von Katja Diehl (Rezension folgt), "Deutschland, ein kinderfeindliches Land?" von Nathalie Klüver (Rezension folgt ebenfalls - aber spoilern kann ich schon mal, dass das "?" in der Überschrift rein rhetorisch ist) und einige mehr. Ich bin wieder politisch aktiver geworden, u.a. war ich dabei beim Klimastreik am 23.09. (Reportage in Kürze online) und bei der Kidical Mass am 25.09. Auch hier folgt noch ein Audiobeitrag. Ich habe wieder Hörbücher aufgenommen. Ich habe Katja Diehl getroffen und sie interviewt. Ich habe schließlich mein Auto verkauft und gehe jetzt autofrei. Und Corona hat mich erwischt und ordentlich lahm gelegt, glücklicherweise "nur" vier Wochen, nach acht Wochen war ich wieder ganz hergestellt (mein Herz geht hier an zwei Herzensfreundinnen und ebenfalls Powermoms, die an Long Covid erkrankt sind 💗). Ich bin sogar mit dem Zug, zwei Kindern und drei Fahrrädern in den Urlaub gefahren. Dazu hätte ich fast etwas geschrieben, aber mir hat die Zeit gefehlt.
Es waren also alles andere als ruhige Zeiten.
Ein Buch, dessen Rezension ich ebenfalls noch schuldig bin, hat mich in der Zeit aber besonders bewegt. Eigentlich: Aufgeregt. "Die Erfindung der Hausfrau - Geschichte einer Entwertung", von Evke Rulffes. Das Buch liest sich etwas sperrig, meiner Meinung nach, aber die Inhalte sind so unglaublich wichtig. Es ist - wie der Titel schon sagt - die Geschichte, wie Frauenarbeit immer weiter in den Hintergrund gerückt und "verschwunden" ist. Wer kennt nicht das Video "The Mistery of the basket", in dem eine Frau versucht, ihrem Partner zu erklären, dass sie die Situation, wie sie ist, nicht länger aushält, und er ihr dann von den magischen Gegenständen in der Wohnung erzählt, die die Arbeit unsichtbar verrichten? (Das Video ist sehenswert, macht aber auch sehr mütend!) Und dieses Phänomen der unsichtbaren Frauenarbeit findet mensch überall. Sei es bei der Pflege (von Kindern, von Alten, von Angehörigen), sei es bei der Organisation der sozialen Kontakte (Beziehungspflege, an Geburtstage denken, Geschenke organisieren, Termine finden für gemeinsame Unternehmungen etc.), sei es bei der immer noch stark bei den Frauen liegende Hausarbeit.
https://www.pexels.com/@MART-PRODUCTIONDer Mental Load (immerhin setzt sich ein Begriff langsam aber sicher dafür durch), den Frauen zu einem überwältigenden Anteil tragen.
Aber ich finde, in kaum einer anderen Stelle ist die Abwertung der Frauenarbeit so sichtbar wie bei Alleinerziehenden. Lasst mich einen Moment lang ausholen.
Solo-Mutter sein ist in vielerlei Hinsicht richtig saublöd. Frau ist unfassbar oft auf sich allein gestellt. Vom Morgens aufwachen, Kind/er fertig machen für Kita/Kiga/Schule bis abends zur Einschlafbegleitung. Es ist einfach kein zweiter Erwachsener da, der "mal kurz" was übernehmen könnte. Nicht mal das Essen machen, nicht die Wäsche waschen, nicht den Haushalt, nicht die Zweifel und Sorgen, nicht die Finanzen, nicht das kranke Kind, nichts für die Entlastung, wenn die Mutter selbst einmal krank ist. Völlig egal, wie fertig frau ist, es führt einfach kein Weg dran vorbei. Es ist einfach kein anderer da. Über die Erschöpfung der Alleinerziehenden habe ich schon oft geschrieben (nicht zuletzt zu Weihnachten, zum Muttertag, bei der Rezension von "Die Klügere gibt ab", oder weil ich die Schnauze so voll hatte). Diese Verantwortung ist so unbeschreiblich anstrengend, gerade weil frau oft keinerlei Reserven oder Backup hat.
Wir kennen das von vielen Stellen, an denen es gerade ziemlich brennt: Die Medizin brennt (mensch wartet Wochen oder Monate auf Termine, weil die Ressourcen endlich und extrem unterdimensioniert sind), die Pflege brennt (weshalb viele Krankenpfleger:innen auf Anschlag gehen und viele Betten in Krankenhäusern nicht belegt werden können), die Altenpflege brennt (habt ihr schon mal versucht, einen Platz in einem Pflegeheim zu bekommen? Wartezeiten von Monaten oder gar über einem Jahr sind keine Ausnahme!). Und diese zwei Aspekte - die Unsichtbarkeit der Care-Arbeit und die Geringschätzung von alleinerziehenden Müttern - sind eben nicht disconnected. Sie hängen unmittelbar miteinander zusammen. Pflege von Menschen ist "Frauenarbeit" (heißt: sie wird Frauen zugeschrieben. Unbezahlt oder höchstens sehr schlecht bezahlt, weil Frauen machen das ja aus Liebe!). Und diese wurde (wie von Evke Rulffes schön beschrieben) ins Private und ins Unsichtbare verlegt. Sie fragt sich "Wie konnte es bloß dazu kommen, dass eine Arbeit (die Haus- und Care-Arbeit) mit einem Geschlecht und dem Familienstand (weiblich und in Partnerschaft/Mutter) verknüpft ist - und diese Arbeit dann auch noch gar nicht als Arbeit angesehen wird, weil sie nicht bezahlt wird? Und wie konnte sich dieses für viele Frauen lange Zeit alternativlose Konzept für viele Frauen lange Zeit so völlig selbstverständlich und bis ins 20 Jahrhundert hinein unhinterfragt halten?" - und ich frage mich das auch.
Alleinerziehende sind Heldinnen. Alleinerziehende Väter sind natürlich auch Helden - nur gibt es diese deutlich seltener und dafür bekommen sie völlig überdimensioniert Aufmerksamkeit und Respekt aus der Gesellschaft entgegen gebracht. Nein, ich muss relativieren: Was sie an Respekt bekommen ist völlig verdient. Was eine unfassbare Unverschämtheit ist ist, dass die Frauen - die 90% der Alleinerziehenden darstellen - eben diese nicht bekommen. Sie werden abgewertet. Für genau die gleiche Arbeit, für die Männer hoch gelobt werden.
Man spricht Frauen ab, dass ihre Care-Arbeit ARBEIT ist. "Frauen machen das gerne, das liegt an ihren Genen" scheint eine gängige Meinung zu sein - wenigstens unter Männern. Das mag sogar sein, dass sie es gerne machen - dadurch ist es aber erstmal nicht weniger Arbeit.
Solange der Begriff "Alleinerziehende" (auf Mütter bezogen, versteht sich!) negativ konnotiert ist wissen wir, dass die gesellschaftliche Wertschätzung der überwiegend von Frauen erledigte Care-Arbeit weit weit weg von ihrem eigentlichen Wert liegt. Lasst euch nichts einreden, ihr Powermoms. Das, was ihr leistet, was wir alle leisten, ist unendlich viel Wert. Und wenn uns die Gesellschaft das schon nicht so spiegelt, lass es uns wenigstens gegenseitig spiegeln.
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