Regretting motherhood
Einige hatten keine eigene Entscheidung dazu treffen können, ein Kind zu bekommen - zum Beispiel die Frau, die in einer gewalttätigen Beziehung gefangen war und sich den Wünschen ihres Ex-Partners gebeugt hatte. Andere hatten sich einem gesellschaftlich vermittelten Bild hingegeben, das sie nicht (ausreichend) hinterfragt hatten oder zu dem es gar keine Alternativen gab. Frauen haben Mütter zu sein, in einigen Gesellschaften ist dieser Druck geradezu erstickend. Als hätte Frau keine Daseinsberechtigung, außer in der Aufzucht von Nachwuchs. Und dann gibt es auch die Frauen, die sich Kinder gewünscht haben - und keine Ahnung hatten, wie tief diese Entscheidung ihr Leben verändern würde.
Und ich sage ganz explizit: ihr Leben. Das der Mutter. Das Leben von Vätern verändert sich - in der Regel - nicht in der gleichen gravierenden Weise.
Was allen Müttern gemeinsam ist, die es bereuen, Mütter geworden zu sein?
Dass sie ihre Kinder lieben, und sich eine Welt ohne sie nicht vorstellen können. Dass sie dankbar sind, dass diese Kinder existieren.
Was den meisten Müttern gemeinsam ist, die es bereuen, Mütter geworden zu sein?
Dass sie sich alleine gelassen fühlen. Dass sie untergehen ob der Verantwortung für eines oder mehrere Kinder. Dass die Väter auffallend abwesend sind. Dass ganz oft das Bereuen damit einhergeht, dass sie chronisch krank sind/wurden, dass finanzielle Nöte ihr Leben prägen.
Diese Frauen bereuen es nicht, ihre Kinder in die Welt gesetzt zu haben, sondern sie bereuen es, Mütter geworden zu sein.
Mutter sein ist vermeintlich so viel mehr, als Kinder zu bekommen.
Es sind so viele und so überladene Stereotypen in der Mutterfigur vereint, dass frau ganz oft daran scheitern muss. Und kein Mensch scheitert gerne, und schon gar nicht an der gesellschaftlich definierten wichtigsten Aufgabe, die Frau überhaupt haben kann. Egal, was eine Mutter macht: es wird immer jemand geben, der das verurteilt.
Mutter gibt Kind zu früh in die Betreuung, dann macht sie das Kind kaputt, weil Fremdbetreuung ja bäh ist. Gibt sie es zu spät in die Betreuung, dann ist sie eine Helikoptermama, die klammert und das Wohl des Kindes nicht berücksichtigt.
Frau hört ja auf, ein Mensch zu sein, wenn sie Kinder bekommt. Ab der Sekunde, in der sie schwanger wird, hat sie keine Kontrolle über und kein Recht mehr auf ihren Körper. Sie wird zum Gegenstand, zur Bedürfnisbefriedigerin anderer. Sie hört auf zu existieren, und hat voller Freude all ihre Existenz, ihre Wünsche, ihre Bedürfnisse, ihren Seelenfrieden hinten anzustellen. Und wenn eine Frau leidet, weil sie an diesen unerfüllbaren Stereotypen scheitert, dann heißt es noch so oft "hättest du dir das halt vorher überlegt". Als wüsste mensch schon vorher, was es bedeutet, Elter zu werden.
Und was wirklich gemein ist ist, dass diese Erwartungen in Bezug auf Männer und Frauen so verdammt unterschiedlich sind. Weil es Frauen ja "angeboren ist, Mütter sein zu wollen". Die ganze Care-Arbeit stillschweigend und voller Genuss wahrzunehmen. Weil frau das ja aus Liebe macht muss es weder gesehen noch vergütet werden. Ist ja alles in der Frau so angelegt, qua Biologie, qua DNA. Männern aber nicht. Männer müssen sich anstrengen, um gute Väter zu sein. Ihnen ist das nicht angeboren, und liegt ihnen nicht so im Blut.
Männer verzichten im Durchschnitt auf so viel weniger als Frauen. Nicht nur karrieremäßig, auch auf Hobbies, Freundschaften, (Dienst-)Reisen! Sie haben ja einen Anspruch drauf, weil sie ja Männer sind, und Männer sind halt so!
Frauen verdienen im Laufe ihrer Erwerbsarbeit gerade einmal die Hälfte von dem, was Männer verdienen. Das muss man sich auf der Zunge einmal zergehen lassen. Weil Frauen ja kein Wert auf Geld legen, auf die Macht, die damit einher geht? Nein. Weil von Frauen - und insbesondere von Müttern! - ein Verzicht verlangt wird, der von Männern schlicht nicht erwartet wird.
Und mich kotzt das dermaßen an, weil auch Frauen haben Bedürfnisse und Wünsche, und nicht jede Frau sieht ihre Erfüllung darin, Kinder groß zu ziehen. Natürlich sind sie süß, und natürlich machen sie auch Freude, aber eben nicht nur. Sie machen auch extrem viel Arbeit, und wenn diese Arbeit nicht auf genug Schultern verteilt werden kann (und von Fall zu Fall kann es unterschiedlich sein, wie viele "genug" sind), dann verausgabt sich mensch - in der Regel: Frau! - in einer Form, dass kein Glück und keine Zufriedenheit mehr möglich sind.
Regretting motherhood sind nicht einzelne Frauen, die kein Bock auf ihre Kinder haben. Regretting motherhood ist eine lautstarke Kritik an dem unfairen und unerreichbaren Mutterideal. An einem System, was Frauen systematisch vernachlässigt. Das von Müttern Dinge verlangt, die von keinem sonstigen Menschen verlangt werden. Das erwartet, dass sie aufhört zu existieren, und alleine das ganze Dorf ersetzt, was es braucht, um ein Kind groß zu ziehen.
Und gerade die Mütter, die das alleine durchziehen, Alleinerziehende, unsere Powermoms, gerade die leiden oft an den überhöhten Idealen. Fühlen sich nicht genug. Haben Angst, ihre Kinder verpassen was, bekommen von ihnen nicht genug. Ich habe einen Tipp für euch: Stellt euch einfach vor, ihr wäred Väter und würdet das leisten, was ihr tut. Die Welt würde vor euch niederknien vor Bewunderung. Das ist das, was euch zusteht. Und nichts weniger.

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