Das Rezept gegen die Unsichtbarkeit

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Das Schreiben fällt im Moment schwer, weil so viele Gedanken zu so vielen Themen gleichzeitig einen Platz beanspruchen, dass es fast unmöglich ist, einen einzigen davon zu Ende zu denken. Ganz zu schweigen davon, einige Gedanken sinnvoll aneinanderzureihen, dass sie auch für andere einen Sinn ergeben. Und dann auch noch Gedanken zu finden, die nicht nur aus Dunkelheit, Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit bestehen. Als wäre die Corona-Pandemie, die Einschränkungen, die Isolationen und Quarantänen, die Schulausfälle, die Ausfällen von sonstigen Betreuungsmöglichkeiten, die Sorge um die vielen bereits in Anspruch genommenen Kind-krank-Tage, die Symptome von Covid, die einfach nicht wieder weg gehen, nicht ausreichend, nein. Darauf kommt noch ein Krieg, der uns zwar nicht direkt betrifft - im Sinne von es sind nicht unsere Städte die zerbombt werden -, aber die Angst, es könnten unsere Städte sein, die betrifft uns wohl. Außerdem sind viele von uns ehrenamtlich engagiert, und versuchen das Leid, dass wir so intensiv mitfühlen, von denen, die fliehen müssen und ihr ganzes bisheriges Leben zurücklassen, um genau nur ihr eigenes Leben und das ihrer Kinder zu retten, etwas zu erleichtern. Ich kenne kaum jemand, der derzeit keine Schränke durchwühlt und Spielsachen, Klamotten, Matratzen, Bettwäsche, Handtücher, Essen, Hygieneartikel für andere Familien organisiert, die es noch schlechter haben als wir. Die Corona-Pandemie mag vielleicht verglichen mit dem Krieg wie ein Luxusproblem erscheinen, aber die Erschöpfung, die sich über die Jahre aufgebaut hat, hat rein gar nichts von einem Luxusproblem. Auch da geht es ums nackte Überleben. Was mache ich mit dem Kind, wenn ich Covid habe, wenn die Symptome nicht weggehen. Wir alle Powermoms sind die gefährdetste Gruppe für Long-Covid. Es ist bekannt, dass eine Überlastung nach bzw. während der Covid Erkrankung eines der hauptfaktoren ist für Long-Covid, das außerdem Frauen auch noch deutlich häufiger betrifft. Und wenn mensch sich eine Gruppe anschauen möchte, die sich vor Überlastung nicht schützen kann, dann ist es die Gruppe der Alleinerziehenden. Diese Frauen, die tagtäglich für ihre Kinder verantwortlich sind und keine Möglichkeit haben, mal eben zu sagen "übernimmt du mal". "Ich bin so erschöpft, mach du mal". "Ich brauche mal eine Pause, kümmer du dich bitte". Es ist mir klar, dass viele Frauen in "intakten" Familien erst einmal darum bitten müssen, und an die richten sich zahlreiche sehr gute und lesenswerte Bücher wie "Die klügere gibt ab" oder "Raus aus der mental load Falle". Aber alle diese Bücher haben gemeinsam, dass da jemand ist, an den mensch abgeben kann. Aber nach zwei Jahren Pandemie ist da kaum noch jemand. Auch wenn die Schulen momentan nicht geschlossen werden, die hohen Inzidenzen an den Schulen verursachen doch sehr viel mentalen Aufwand, die Kinderbetreuung sicherzustellen. Und ich rede gar nicht erst davon, die bürokratischen Hürden zu überwinden, damit die von der Politik beschlossenen Kind-krank-Tage dann auch angerechnet werden. Und dieser ständige Versuch, alles zu jonglieren, das ist extrem anstrengend. Und es betrifft nicht nur eine einzige Person, wie es der Fall wäre, wenn mensch z.B. krank wird. Es betrifft eine komplette Gesellschaft, die keine Ressourcen mehr dafür hat. Die Netze fallen aus, weil sie selbst komplett leer sind. Mensch würde ja gerne Freundinnen unter die Arme greifen, aber keine hat mehr Kraft. Keine kann mehr abgeben, weil wir doch schon leer sind. Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir weitestgehend unsichtbar sind. Es gibt "die Alleinerziehenden" immer wieder mal als Begriff, aber so Inhaltsliter. Was wir tatsächlich leisten, das ist unsichtbar. Wenn sich nicht-Eltern schon nicht vorstellen können, wie viel Arbeit es ist, ein Kind großzuziehen, dann können sich weder Eltern noch nicht-Eltern ein Bild davon machen, was es bedeutet, ein Kind allein groß zu ziehen. Oder gar mehrere. Dort, wo ein ganzes Dorf gebraucht würde, steht oft nur ein einziger Mensch. Eine einzige Frau. Eine Powermom. Die unermüdlich arbeitet und kämpft, und ihre eigene Gesundheit gefährdet, damit es ihrem Kind gut geht. Dem Kind soll es an nichts mangeln, schon gar nicht an Liebe oder gefühlter Liebe. Dann schränken wir auch noch die Fernsehzeiten ein, weil "doch jeder weiß", dass es dem Kind schaden würde, zu lange und zu viel fern zu schauen.  Bedenken aber oft nicht, dass es vielleicht die einzige Zeit ist, in der wir uns nicht um das Kind drehen müssen. Fernsehzeit ist unsere eigene Ruhezeit, und viel zu oft unsere einzige eigene Ruhezeit. Denn wenn das Kind ins Bett geht, tun viele von uns das auch. Weil die Erschöpfung einfach überwältigend ist.
Ich habe zum 8. März, zum Weltfrauentag, eine Rezension von dem Buch "untenrum frei" von Margarete Stokowski veröffentlicht, einer Autorin über die ich pausenlos schreiben könnte, weil so viel von dem, was sie schreibt, für mich so viel Sinn ergibt. Aber heute nur kurz zu ihrer Strategie der Abgrenzung: "eine Poesie des fuck you". So nennt sie es. Völlig zurecht! Es gibt große FUCK YOUs  und kleine fuck yous. Und allen gemeinsam ist, dass mensch sich von anderen Menschen und ihren (oder den eigenen) Erwartungen abgrenzt. 
Und ich glaube, dass wir unsichtbaren Powermoms viel mehr von diesen FUCK YOUs denen gegenüber verwenden sollten, die uns nicht sehen. Arbeitgeber, die sich keine Vorstellung machen, was wir leisten und wie viel wir in den letzten Jahren geleistet haben. Wie dringend wir Regeneration brauchen, wenn unsere Kinder mal versorgt sind. Wie wichtig es ist, Kind-krank-Tage und selbst-krank-Tage zu nehmen, um zu verhindern, dass aus einer kleinen Erkältung eine lebenslange Arbeitsunfähigkeit wird. Eine Lebensunfähigkeit. 
Wenn wir unseren Kindern überhaupt etwas schuldig sind, dann den Versuch, uns selbst möglichst langfristig zu erhalten. Sie können nicht so weit denken, aber wir schon. Und deswegen plädiere ich dafür, allen Erwartungen, die uns in diesem langfristigen Ziel behindern, zu überleben, ein ganz ordentliches und unüberhöhrbares FUCK YOU auszusprechen.
Allen Erwartungen, die uns belasten. Allen Menschen, die unsere Bedürfnisse übersehen, nicht wahrnehmen oder überfahren. Wir müssen keinem mehr etwas beweisen. Wir sind gut so, wie wir sind - vermutlich sogar sehr viel besser, als wir es selbst glauben. In diesem Sinne: Fuck yous üben und weiter machen.

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