Die Klügere gibt ab


Es gibt so Dinge, die werden so extrem gehyped, und wenn man sie sich kauft oder anschaut, dann versteht mensch echt nicht, woher die ganze Begeisterung kommt. Und dann gibt es das Buch von Michèle Liussi und Katharina Spangler, "Die Klügere gibt ab". 
Als meine Cousine kürzlich hier war hatte sie den Titel gelesen als "Die Klügere gibt nach", worauf ich sofort empört erwidert habe, dass mir ein solches Buch nicht ins Haus kommen würde. "Die Klügere gibt ab" ist nicht nur in der Überschrift eine charmante und witzige Verdrehung dessen, was man gewohnt ist. Während "Die Klügere gibt nach" eine perfide Art ist, dass sich jemand besser fühlen soll, der sich eben nicht durchgesetzt hat, ist "Die Klügere gibt ab" das genaue Gegenteil davon. Es geht darum, sich selbst besser kennen und einschätzen zu können, und aus der eigenen vermeintlichen Schwäche eine Stärke zu machen. Aber eins nach dem anderen.
Eine Besonderheit des Buches ist, dass es sich an Frauen richtet ganz oft das gegnerische Femininum verwendet. Ein Hoch dafür. Eine weitere Besonderheit ist, dass es nicht nur Theorie bringt, sondern auch konkrete Übungen, für die frau Stift und Papier braucht, gesondert gekennzeichnete Elternzitate, eine Visualisierungsübung, die sich über das ganze Buch zieht, und eine ganze Reihe von (wirklich hilfreichen!) Formulierungshilfen.
Ich hatte ein bisschen Sorge, dass es belehrend und voller guter Ratschläge daherkommt, wie die meisten Bücher dieser Kategorie "Selbsthilfebücher für frischgebackene Mütter/Eltern", und einer seine Weisheit überstülpen möchte. Auf solche Bücher reagiere ich nämlich extrem empfindlich und pampig. Doch das Gegenteil war der Fall. Das ist ein so einfühlsames wie an der Realität orientiertes Buch. Und das ist keine Kleinigkeit.
Zuallererst gibt es eine Einordnung darin, warum Muttersein so anstrengend und heutzutage ganz besonders anstrengend ist. Ich fühlte mich verstanden, und das dort beschriebene deckt sich auch mit meinen Erfahrungen mit dem Powermoms. Wir sind ganz oft ganz am Ende, wenigstens sind wir dabei nicht alleine, weil wir einen sehr offenen Austausch darüber pflegen. Aber wenn eine Mutter in stereotypisch idealen Verhältnissen die Last nicht erträgt, und abgeschnitten ist von der realen Erfahrung anderer, kann diese Aufklärung bereits eine enorme Entlastung bringen. 
Das ist aber erst der Anfang. 
Danach folgen eine ganze Reihe von ganz pragmatischen und realitätsnahen Werkzeugen, mit denen das Stressniveau reduziert werden kann. Einiges davon klingt etwas abgedroschen - ernähre dich gesund und bewege dich, schlaf genug blabla - aber der Unterschied ist, dass diese Empfehlungen an der Realität von Müttern angelehnt sind. Wie kann ich das machen, wo doch schon die Kraft, die Energie, die Zeit für nichts reicht?! Darüber schweigen sich die meisten Quellen aus. Und das gelingt letztlich nur, in dem sich die Mutter auf den ersten Platz der Prioritätenliste hebt.

Die Achtsamkeit und die Selbstfürsorge der Mutter, sich selbst gegenüber, ist der rote Faden des Buches. Und das ist der Unterschied zu anderen Empfehlungen, die frau so oft liest. Es ist eine Haltung, die sich ändern muss. Die Autorinnen helfen aber auch dabei, diese neue Haltung umzusetzen. Sie zeigen, wie frau Verantwortung delegieren kann, wie frau mental load teilt, und wie frau sich ein Dorf aufbaut. Wie frau um Hilfe bitten, Hilfe annehmen und ungefragte Hilfe auch ablehnen kann. Sie geben auch Tipps für Angehörige, wie Hilfsangebote gestaltet werden sollten. Ehrlich, das sollte Common Sense sein. Das ganze Buch sollte Common Sense sein!

Außerdem geht es darum, mit eigenen falschen Vorstellungen aufzuräumen, die nur behindern und nichts nutzen. 
Die Autorinnen gehen auf verschiedene Gefühle ein, die Schuld, die Wut, und wie frau diese nutzen kann, um sich selbst abzugrenzen und zufriedener zu werden. Inklusive Notfallhilfe.
In den Kapiteln zur geteilten Verantwortung war es schon schwierig, mich meiner eigenen Situation bewusst zu werden. Ich bin Migrantin, habe also nur sehr wenig Familie vor Ort, die zudem selbst durch ihre eigene Familienkonstellation mehr als ausreichend beschäftigt sind. Ich bin alleinerziehend, und auch die Familie meines Ex Mannes wohnt nicht hier. Ich habe keinen Partner, mit dem ich die Aufgaben, die Sorgen, die Verantwortung teilen könnte. Glücklicherweise ist es eins von den wenigen Büchern, in denen Alleinerziehende tatsächlich sichtbar sind. In dem Kapitel über die Partnerschaft gibt es einen Disclaimer, dass dieses Kapitel sich eben nur an Mütter richtet, die einen Partner oder eine Partnerin haben. Und es gibt weiterführende und an die Situation alleinerziehender angepasste Tipps und Strategien in einem anderen Kapitel. Das ist in der Tat beachtlich.
Und wenn alle Tipps des Buches nicht mehr ausreichen, um eine Zufriedenheit wiederherzustellen, dann gibt es auch ein sehr ernst gemeintes Kapitel zum Thema psychische Krisen, Depression, Erschöpfung, und welche Anlaufstellen es dafür gibt. Die Autorinnen plädieren dafür, sich selbst ernst zu nehmen, und auch bei Ärzt:innen die Belastungen nicht herunterzuspielen.

Nach der Lektüre des Buches bin ich ehrlicherweise ziemlich geflashed. Ich möchte es allen meinen Powermoms zur Verfügung stellen, ich möchte es jeder schwangeren Frau zur Geburt des ersten Kindes schenken. Da steht so vieles so wertvolles drinnen, wovon ich persönlich vor einigen Jahren so extrem profitiert hätte. So habe ich mir meinen eigenen Weg geschlagen, und bin in etwa dort angekommen, wo die Autorinnen es beschreiben. Mich selbst, meinen Körper und meinen Schlaf priorisieren, dafür sorgen, dass ich ausreichend Energie regenerieren kann, ein großes stabiles, sehr offenes und hilfsbereites Netzwerk, ein Muster an Selbstorganisation. Dieses Buch ist gewissermaßen eine Wanderkarte im Gestrüpp der neuen Empfindungen und Gefühle bei der Geburt eines Kindes. Ich wünschte, das hätte es schon früher gegeben, und ich wünsche, dass es viele Mütter erreichen kann. 

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