The clash of realities
Clash of realities.
So hieß eine Computerspielekonferenz ganz zu Beginn der Computerspiele als Teil des wissenschaftlichen Diskurses, als zwei Realitäten - die des Spiels und die des echten Lebens - aufeinander trafen. Das war eine spannende Zeit, aber um Computerspiele geht es nicht. Zumindest nicht primär. Ich habe über dieses Thema promoviert und ganz los werde ich es nie.
Es geht darum, wenn Realitäten aufeinander klatschen. Wenn die Bedürfnisse von Menschen nicht miteinander in Einklang zu bringen sind. Und dafür gehe ich tatsächlich ein bisschen in die Theorie rein, die ich im Rahmen meiner Doktorarbeit damals verwendet habe. (Mein Blog zur Dissertation ist immer noch online: monimays.blogspot.com).
Nach der Theorie von Dietrich Dörner sind die Bedürfnisse wie Tanks aufgebaut, die ständig geleert werden. Beim Essen ist es relativ leicht vorstellbar: Wir essen etwas, der Körper verstoffwechselt das, wodurch dieser Füllstand im Tank (also wie sehr das Bedürfnis befriedigt ist) kontinuierlich leckt. Irgendwann ist der Füllstand so niedrig, er unterschreitet eine bestimmte Grenze und der Körper nimmt dieses Signal als Hunger wahr. Im Laufe der Zeit wird dieses Bedürfnis immer stärker und präsenter.
Jetzt haben wir nicht nur ein Bedürfnis nach Essen, sondern zahlreiche Bedürfnisse.
Während der Diss habe ich noch mit fünf Bedürfnissen gearbeitet:
* die Selbst- und Arterhaltung,
* die Sexualität,
* die Affiliation, also das Bedürfnis, zu einer Gruppe zu gehören und im Zweifelsfall von dieser auch Unterstützung und Hilfe zu erhalten,
* die Bestimmtheit, also das Gefühl, seine Umgebung zu verstehen und vorhersagen zu können, und
* die Effizienz, also wie effizient ich mich erlebe und gleichzeitig auch, wie gut die anderen Bedürfnisse befriedigt sind.
Das war ein gutes Modell, und es gibt zahlreiche andere gute Modelle. Letztlich geht es auch nicht darum, welche Bedürfnisse es genau gibt, worüber sich die Psychologie schon seit Jahrzehnten nicht einig ist, sondern darum, was mit den Bedürfnissen passiert.
Wir können es uns so vorstellen: In dem Tank entsteht ein Unterdruck, wenn der Flüssigkeitstand tiefer wird. Wenn das Bedürfnis lange unbefriedigt bleibt, entsteht ein Handlungsdruck. Anfangs gering, also wird dieser Druck zugunsten von anderen Bedürfnissen zurückgestellt. Später wird dieser Druck immer präsenter, je leerer der besagte Tank ist oder wie dringlich das Bedürfnis. Irgendwann dominiert dieser eine Tank alle anderen Bedürfnisse: Der Mensch muss sich einfach der Befriedigung von diesen einem Bedürfnis widmen.
Ich arbeite inzwischen ganz gerne mit dem Bild einer Feder (also eine mechanische Feder, keine Vogelfeder, sonst funktioniert der Vergleich nicht mehr so gut), die desto stärker gespannt ist, je größer ein Bedürfnis ist. Eine starke Feder braucht mehr Energie, um gedehnt zu werden, und schnallt auch schneller zurück, wenn losgelassen.
Beiden Bildern ist gemeinsam: Ein sich aufbauendes Bedürfnis hat eine Energiemenge gespeichert, die dafür verwendet wird, das Bedürfnis zu erfüllen.
So weit, so theoretisch.
Manche Menschen sind Meister darin, diese Bedürfnisse (zum Beispiel Hunger) einfach auszusitzen. Dank jahrelanger Erfahrung können sie diese Alarmsignale des Körpers ignorieren oder überlagern, ein Glas Wasser trinken oder eine Zigarette rauchen und einfach nichts essen. Andere Menschen werden von dem Bedürfnis nach Essen völlig eingenommen. Es gibt Kollegen, mit denen brauche ich vor der Mittagspause keine Besprechung mehr zu machen: Sie sind so hangry, dass ein Gespräch kaum noch möglich ist. Andere wiederum habe ich noch nie essen gesehen, auch wenn ich täglich mit ihnen zu tun habe.
Menschen sind also unterschiedlich, erstens in ihren Bedürfnissen, also wie schnell sich der Tank leert oder die Feder spannt und zweitens wie präsent diese Alarmlinie ist und wie dringend das Bedürfnis befriedigt werden muss oder welche Auswirkungen das unbefriedigte Bedürfnis auf den Körper hat.
Das reguliert sich in der Regel ganz gut, wenn der Mensch alleine ist und/oder von allen Ressourcen genug da ist. Er kann seine Bedürfnisse in der Reihenfolge beachten, wie sie anfallen.
Wenn allerdings mehrere Menschen zusammen sind, wird es schon komplexer. Erwachsene Menschen können in der Regel ihre Bedürfnisse ganz gut - zumindest für eine Weile - hinten anstellen.
Ganz anders bei Kindern: Ihre Bedürfnisse sind sehr präsent (im Vergleich wäre das also ein sehr kleiner Tank oder eine sehr schmale Feder) und die Alarmlinie ist sehr ausgeprägt. Je kleiner das Kind, desto größer die Bedürfnisse, diese dulden gerade zu Beginn keinerlei Aufschub. Es dauert Monate und Jahre, bis Kinder nicht völlig daran verzweifeln, wenn eine Bezugsperson nicht sehr unmittelbar verfügbar ist. Wenn Kinder krank sind, regredieren sie ganz regelmäßig in frühere Phasen - auch in Bezug auf die Bedürfnisse.
Sagen wir, ich habe Hunger, mein Kind möchte mit mir interagieren, hat also ein Bedürfnis nach Affiliation. Eine Zeit lang kann ich meinen Hunger zur Seite schieben, aber irgendwann kann ich an nichts anderes mehr denken außer an Essen und werde richtig grantig. Inzwischen habe ich gelernt, diese Grantigkeit auch dafür zu nutzen, das, was zwischen mir und dem Essen ist, auszuräumen. Wenn ich hungrig bin, moderiere ich Besprechungen straffer und mache auch rascher ein Ende. Gegenüber dem Kind mache ich dann auch klarere Ansagen. Nein, jetzt ich. Essen.
Immer wieder klatschen zwei (oder mehr!) - oft genug auch sehr ausgeprägte, aber unterschiedliche - Bedürfnisse aufeinander. Die miteinander per Definition völlig unvereinbar sind.
In jedem System ist viel Handlungsdruck, also Energie. Treffen also zwei sehr ausgeprägte Bedürfnisse aufeinander, zwei Systeme, in denen sehr viel Energie drin ist, ist der Knall vorprogrammiert. Wobei der Knall auch nichts anderes ist, als dass sich große Energiemengen sehr schnell entladen. Und entladen müssen sie sich.
Ich streite mich super ungerne, mit meinem Kind noch viel weniger. Also muss ich entweder dafür sorgen, dass gar nicht so viel Energie ins System gerät (sowohl in seins, als auch in meins, also Bedürfnisse befriedigt werden, bevor sie Überhand nehmen) oder dass wir - vielleicht sogar gemeinsam - dafür ein anderes Ziel finden, also die Energie umlenken. Zum Beispiel durch Wut auf eine Gesellschaft, die für Familien und Kinder echt nicht gut ausgelegt ist, auf die Umstände, die einfach Kacke sind, auf irgendwas, was von der Energieentladung nicht so einen Schaden nimmt wie das eigene Kind, würde es die Entladung abbekommen.
Wichtig ist, die Energie aus dem System herauszubekommen und es nicht im System zu behalten. Sonst wendet es sich gegen die Teile des Systems selbst und dann… klatschen die Realitäten immer stärker aufeinander und finden keine Ruhephasen mehr.
Also raus damit.
Bewegung hilft, und wenn es gerade nicht der Spaziergang sein kann, dann vllt einfach ein paar Hampelmänner oder Kniebeugen, Treppen rauf und runter laufen, Papier zerreißen, Kissen verkloppen. Ich habe uns Boxhandschuhe gekauft und manchen Streit haben wir schon dadurch abgewendet, indem wir uns stattdessen spielerisch kloppen.
Hauptsache, die Energie geht raus und wendet sich nicht am Ende gegen einen selbst - und nicht gegen das Kind.
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