255 shades of grey

Bild von Freepik (bearbeitet)

"255 shades of grey". Ich musste ein bisschen schmunzeln, als mein Vater diesen Vergleich verwendete - ich kannte bisher nur die 50 Shades of Grey und darum ging es überhaupt gar kein bisschen.
Mein Vater ist nämlich Informatiker und in der Informatik wird die Zahl 255 oft als maximale Wert eines einzelnen Bytes verwendet. Ein Byte hat 8 Bits (ja, die ausgefallene Namensgebung erleichtert nicht-Informatikern das Verständnis nur bedingt) und der maximale Wert, den 8 Bits darstellen können ist eben 255 (von 0 bis 255). Oft wird dies in Bezug auf die Codierung von Farben in Bildern oder die Darstellung von Zeichen in ASCII verwendet.
255 Shades of Grey sind also alle Grauwerte für einen Byte.
In unserem Gespräch ging es um das Schwarz-weiß-Denken und die grauen Zwischentöne.
Wenn ihr schon Mal versucht habt, einen Teil eines Bildes zu verpixeln oder wenn ihr bei verpixelten Bildern sehr genau hinschaut (warum auch immer jemand das tun sollte), dann habt ihr vllt bemerkt, dass es eine unterschiedliche Körnigkeit gibt, mit der das geschieht. Es gibt eine sehr feine Verpixelung, mit der die ursprüngliche Struktur und die vielen Zwischentöne gut erhalten bleiben. Und es gibt gröbere und sehr grobe Verpixelungen, bei denen große Klötze anstelle des verpixelten Bereichs erscheinen. 
Je grober die Körnigkeit, desto weniger Farben oder Grautöne werden verwendet, sehr leicht ist das Ergebnis eher schwarz-weiß.

Jetzt stellen wir uns ganz kurz vor, dass unser Gehirn ganz ähnlich funktioniert (und ich verspreche, dass das alles gleich einen Sinn ergeben wird!). Die Grobigkeit unserer Wahrnehmung wird von dem Stressniveau definiert. Je entspannter wir sind, desto feinkörniger nehmen wir wahr und desto mehr graue Schattierungen sind für uns erkennbar.
Das wissen wir ein Stück weit und berücksichtigen es teilweise auch. Am Flughafen sind die Schilder gigantisch groß. Kleine Schilder würden wir gar nicht erst wahrnehmen, weil das Stressniveau eine sehr grobe Körnigkeit verursacht. Das ist mir kürzlich aufgefallen, als ich im Flughafen nach dem Aufzug geschaut habe und die Menge an sehr großen Hinweisen gesehen habe, insgesamt 4 Stück. Zwei Schilder an der Wand, eines davon locker 2,5x2,5 Meter groß. Ein hängendes Schild und dann noch Hinweise auf dem Boden. Egal wie grob die Körnigkeit, ich glaube das wäre kaum einem entgangen. 
Vllt ist es dem einen oder der anderen schon Mal aufgefallen, dass Details (leider auch wichtige Details) oft überlesen werden, wenn wir sehr gestresst sind. Weshalb es sich lohnt, sehr klare und übersichtliche Mails zu schreiben an Menschen, von denen wir wissen, dass sie unter Strom stehen. Da ist gar keine böse Absicht dabei, das Gehirn arbeitet einfach so.

Und dann kommen wir zurück zu den 255 Shades of Grey. 
Wenn wir gestresst sind oder unter Strom stehen oder aufgewühlt sind oder unter Schlafmangel leiden oder unsere Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Problem gelenkt haben (oder oder oder), dann wird unsere Wahrnehmungskörnigkeit gröber. Dann nehmen wir diese Zwischentöne oft nicht mehr wahr. Dann haben wir statt 255 Shades of Grey vllt nur noch 127 oder 63 oder 15 oder eben nur noch 1. Schwarz oder weiß.

Als Alleinerziehende haben wir (zu) oft (zu) viel Stress. (Zu) viele Aufgaben auf (zu) wenig Zeit, (zu) viele Sorgen auf (zu) wenige Köpfe, (zu) viel Last auf (zu) wenigen Schultern. In diesem Kontext lohnt es sich besonders, sich bewusst zu machen, dass das schwarz-weiße nur eine Konfiguration ist eines überlasteten und überforderten Gehirns und keine ganz zutreffende Wahrnehmung einer ungleich vielfältigeren Realität.

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