Es geht auch anders...
Die Konsequenzen dieses Gesetzes sprengen fast das Vorstellungsvermögen: Statt Geld ist die Bedürftigkeit die Grundlage der Priorisierung.
Und so kam es zu folgender Situation: Als wir in Brasilien ankamen, war das technische System bei der Passkontrolle defekt, sodass die Kontrolle der Pässe deutlich länger Zeit in Anspruch nahm und sich dadurch ewig lange Schlangen gebildet hatten. Mein Kind hatte zu dem Zeitpunkt schon 18 Stunden nicht geschlafen, und obwohl er mit neun Jahren natürlich den Rahmen des Gesetzes deutlich sprengte, war mir klar, dass er die knapp zwei Stunden in der Schlange nicht durchhalten würde. Als ein Ordnungshüter vorbei kam, sprach ich ihn darauf an: “Ich weiß, es steht uns nicht zu, aber mein Kind ist seit 18 Stunden wach und schläft praktisch im Stehen ein. Das geht nicht gut”. Er schaute mich an, und seine Empörung war ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Nicht über uns, sondern darüber, dass wir in dieser Schlange standen. Er machte augenblicklich die Absperrbänder auf und winkte uns hindurch. Auf dem Weg ganz nach vorne zog er noch weitere drei Familien mit kleineren, aber nicht mehr ganz kleinen Kindern aus der Schlange und schob sie ebenfalls mit nach vorne.
Das Prinzip sagt aus: wer kann, muss warten, und wer nicht kann, der muss auch nicht.
Das muss man sich einmal vorstellen: Menschen mit Übergewicht werden nicht abgestraft, sondern bevorzugt behandelt, auch deshalb, weil sie in aller Regel häufige Komorbiditäten haben und nicht lange stehen können. Menschen sind rücksichtsvoll mit Menschen mit Behinderung, weil sich eben nicht alles nur an Leistung misst. Das ist der Gedanke, der Diversität erst lebendig werden lässt. Der Respekt vor dem Gegenüber und die Rücksichtnahme auf jeden einzelnen. Eine Priorisierung nicht nach Leistung, nach Geld oder nach Lautstärke. Sondern nach Bedürftigkeit. Rechtlich vorgeschrieben und daher von den Bedürftigen und von den Dienstleistenden gleichermaßen als selbstverständlich angeboten und beansprucht.
Brasilien hat viele Fehler und viele Punkte, die nicht gut laufen, keine Frage. In Bezug auf die Menschlichkeit und die Gleichbehandlung von Menschen mit Einschränkungen könnten wir uns aber in Deutschland durchaus ein Stückchen abschneiden.
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