Es geht auch anders...

Kürzlich war ich mit meinem Sohn in Nürnberg am Flughafen, zu Beginn einer sehr langen Reise: mein erster Besuch in meiner Heimatstadt Porto Alegre in Brasilien seit 9 Jahren. 
Wir standen an einer sehr langen und sehr langsamen Schlange an. Dort fiel ihm auf, dass bestimmte Menschen systematisch vorgelassen wurden, vor allen anderen - sie kamen also sehr schnell dran, wir anderen dafür umso langsamer. Ich habe ihm das Konzept der Business Kunden erklärt, dass Menschen, die mehr bezahlen, üblicherweise auch einen besseren Service erwarten und auch bekommen. Das Prinzip ist, dass manche Menschen sich mit Geld einen Vorteil erkaufen. 
Als ich darüber nachgedacht habe, nach welchen anderen Kriterien das gehen könnte, ist es mir nicht eingefallen. So sehr ist dieser Gedanke gesellschaftlich und auch in mir verankert, dass Menschen mit Geld priorisiert werden (sollen).
Da kamen wir in Brasilien an, und hier gibt es eine andere Art der Priorisierung: nach Bedürftigkeit. 
Es gibt ein Gesetz Nummer 10.048 vom 08.11.2000 (LEI No 10.048, DE 8 DE NOVEMBRO DE 2000 https://www.planalto.gov.br/ccivil_03/LEIS/L10048.htm), das bestimmten Personengruppen vor allen anderen Vorrang einräumt: 
* Personen mit Behinderung, 
* Menschen auf dem Autismus 
* Spektrum
* Senioren ab 60 Jahre
* Schwangere
* Stillende
* Personen mit Kleinkindern
* Übergewichtige
* Personen mit eingeschränkter Mobilität und
* Blutspender:innen (für 4 Monate nach der Spende).
Dieses Gesetz gilt überall dort, wo Menschen bedient oder abgefertigt werden. Es dürfen dafür eigene Schlangen und Kassen eingerichtet werden, und wo es keine eigene Einrichtung gibt, kommen diese im Gesetz spezifizierten Menschen sofort nach der schon laufenden Bedienung oder Abfertigung dran, noch vor allen anderen Wartenden.


Die Konsequenzen dieses Gesetzes sprengen fast das Vorstellungsvermögen: Statt Geld ist die Bedürftigkeit die Grundlage der Priorisierung.

Und so kam es zu folgender Situation: Als wir in Brasilien ankamen, war das technische System bei der Passkontrolle defekt, sodass die Kontrolle der Pässe deutlich länger Zeit in Anspruch nahm und sich dadurch ewig lange Schlangen gebildet hatten. Mein Kind hatte zu dem Zeitpunkt schon 18 Stunden nicht geschlafen, und obwohl er mit neun Jahren natürlich den Rahmen des Gesetzes deutlich sprengte, war mir klar, dass er die knapp zwei Stunden in der Schlange nicht durchhalten würde. Als ein Ordnungshüter vorbei kam, sprach ich ihn darauf an: “Ich weiß, es steht uns nicht zu, aber mein Kind ist seit 18 Stunden wach und schläft praktisch im Stehen ein. Das geht nicht gut”. Er schaute mich an, und seine Empörung war ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Nicht über uns, sondern darüber, dass wir in dieser Schlange standen. Er machte augenblicklich die Absperrbänder auf und winkte uns hindurch. Auf dem Weg ganz nach vorne zog er noch weitere drei Familien mit kleineren, aber nicht mehr ganz kleinen Kindern aus der Schlange und schob sie ebenfalls mit nach vorne. 

Das Prinzip sagt aus: wer kann, muss warten, und wer nicht kann, der muss auch nicht. 

Das muss man sich einmal vorstellen: Menschen mit Übergewicht werden nicht abgestraft, sondern bevorzugt behandelt, auch deshalb, weil sie in aller Regel häufige Komorbiditäten haben und nicht lange stehen können. Menschen sind rücksichtsvoll mit Menschen mit Behinderung, weil sich eben nicht alles nur an Leistung misst. Das ist der Gedanke, der Diversität erst lebendig werden lässt. Der Respekt vor dem Gegenüber und die Rücksichtnahme auf jeden einzelnen. Eine Priorisierung nicht nach Leistung, nach Geld oder nach Lautstärke. Sondern nach Bedürftigkeit. Rechtlich vorgeschrieben und daher von den Bedürftigen und von den Dienstleistenden gleichermaßen als selbstverständlich angeboten und beansprucht.

Brasilien hat viele Fehler und viele Punkte, die nicht gut laufen, keine Frage. In Bezug auf die Menschlichkeit und die Gleichbehandlung von Menschen mit Einschränkungen könnten wir uns aber in Deutschland durchaus ein Stückchen abschneiden.

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