Der leere Akku


Stell dir vor, du hast ein neues Handy gekauft. Du hast richtig tief in die Tasche gegriffen und hast dir etwas Tolles geleistet. Das Ding kann praktisch alles. Es ist super schnell, es hat Internetverbindungen an Stellen, wo du es nie gedacht hättest, es hat mehr Speicherplatz als du meinst, jemals verbrauchen zu können, der Bildschirm hat unglaublich brillante Farben, der Touchscreen reagiert fast so, als würde er Gedanken lesen. Tipptopp, ein mega Gerät. Und es hat sogar noch eine besondere Eigenschaft: es funktioniert weiter, nachdem der Akku leer ist. Wie das genau funktioniert, erklärt der Hersteller nicht, aber, Fakt: Der Akku ist leer, 0% Energie, aber das Handy läuft weiter. Der Hersteller empfiehlt, diese Funktion nicht zu oft zu verwenden und wenn jemand sehr genau hinschaut, dann sieht er in den Kleingedruckten den Hinweis: Wenn der Akku leer ist, dann fängt er an, Teile von sich selbst zu verbrennen, um die Funktionsweise des Handys weiterlaufen zu lassen. Der Teil des Akkus, der dafür verbrannt wird, steht zum Laden dann nicht mehr zur Verfügung. Aber wer liest schon Kleingedrucktes?

Einige gehen in die Vollen. Sie laden das Handy nur einmal auf und danach verwenden sie es auch mit leeren Akku, bis es plötzlich gar nicht mehr funktioniert. Das dauert eine ganze Weile und dann tut das Ding plötzlich gar nichts mehr.
Andere gehen immer wieder ins Minus, laden das Handy aber schon auch regelmäßig auf. Dass das Handy nach jedem Ausflug in den Minusbereich nicht mehr ganz so viel Energie lädt wie vorher, fällt erst nach langer Zeit auf. Da ist der Schaden schon entstanden. 
Andere gehen gar nicht erst ins Minus, weil sie in der bequemen Position sind, es nicht zu müssen. Sie haben häufig ein Ladekabel dabei und Möglichkeiten genug, aufzuladen. 
Klar, wenn jemand auf Wanderung auf den Everest geht, hat sie nicht ganz so oft die Möglichkeit, aufzuladen. 

Es gibt Gründe für die Verwendung in der einen oder anderen Form. Und es ist unausweichlich, dass Personen, die weniger Möglichkeit haben, aufzuladen, schneller einen kaputten Akku haben als solche Personen, die sehr pfleglich mit dem Akku umgehen können.

Ihr habt das Bild? 
Der Akku steht für den eigenen Akku. Das mega super tolle Handy für den eigenen Körper. 
Es ist schon echt eine geile Maschine, die wir da zur Verfügung haben. Kohlenstoffbasiert, praktisch unzerstörbar, gut gewartet hält es jahrzehntelang. Deutlich besser als fast alles, was wir selbst herstellen. Und die Möglichkeiten der Wartung und der Reparatur werden auch immer besser, so dass einige Exemplare ein ganzes Jahrhundert lang funktionieren. 
Da ist aber tatsächlich das Problem mit dem Akku. 
Wir haben eine Notfallreserve, die funktioniert, wenn eigentlich keine Energie mehr da ist. Diese Notfallreserve ist dafür da, in extremen Ausnahmesituationen das Überleben zu sichern. Mit der Notfallreserve schaffen es Menschen schier unmenschliche Dinge zu vollbringen. Sie fliehen vor dem Krieg, teilweise hunderte von Kilometern zu Fuß. Sie ernähren Kinder, obwohl sie selbst nicht genug Nahrung haben. Der Körper holt die letzten Reserven, um einen Säugling zu stillen, selbst wenn die Mutter hungert. 
Für eine kurze Weile funktioniert das. Für eine kurze Weile greifen wir alle in die Notfallreserve und nehmen es in Kauf, dass der Akku dafür ein Stück weit sich selbst zerstört. Wir machen das einmal, wir machen das zweimal, und je nach Lebenssituation, machen wir das ständig. 

Alleinerziehende sind in der prekären Situation, dass sie zwar oft ein Ladekabel dabei haben, aber keine Steckdose. Da ist nichts, wo man sein Kabel hineinstecken könnte, um kurz mal aufzuladen. Und wenn doch, dann sind es nur wenige Augenblicke und der Akku hängt immer bei 20% herum. Mit ein bisschen Glück schafft sie es vielleicht, ein oder zweimal im Jahr, den Akku wieder auf 40% zu bringen, aber die meiste Zeit ist sie deutlich darunter.
 Ich schaue mich um und in meinem Freundeskreis sehe ich so viel Überforderung, so viel Belastung, so viele leere Akkus. 
Klar, der Tag ist eingetaktet, zwischen Kinderversorgung, Haushalt, Arbeit, Erwerbsarbeit müsste ich eigentlich sagen, denn Arbeit ist der Rest ja auch, woher nehmen und nicht stehlen? 
Die Antwort lautet “Raubbau am eigenen Körper". 
Was bleibt auch sonst übrig? 
Das Kind, die Kinder müssen ja versorgt werden. Der Arbeitgeber erwartet schon auch zu recht eine Gegenleistung für das Geld, das er uns für unsere Arbeit gibt, der Haushalt macht sich leider Gottes nicht von allein, und dann sind da noch so viele andere Aufgaben zu erledigen. Der schier nicht enden wollende mental load, der aber nicht aufgeteilt werden kann. Es ist einfach keiner da, der einen Teil übernehmen kann.

Es scheint dramatisch und aussichtslos, und ein Stück weit ist es das auch. 
Warum schreibe ich dann darüber? 
Wegen des Bewusstseins, dass ein leerer Akku einen nachhaltigen Schaden anrichtet an dem tollen Gerät, das unser Körper ist. 
Eine Weile kann mensch das machen, aber nicht auf Dauer. Und wenn wir das nicht in der Rechnung mit aufnehmen, dann rechnen wir eben falsch. Weil Langzeitfolgen immer auch Teil der Rechnung sein müssen. 
Dies hier ist nichts anderes als ein Plädoyer dafür, sich selbst wahrzunehmen, sich bewusst zu machen, was wir hier tagtäglich leisten, sich vielleicht dafür auch auf die Schulter klopfen, sich aber auch bewusst zu machen, welche Kosten damit einhergehen. 
Es ist ein Plädoyer dafür, sich selbst ernst und wert genug zu sein, dass das Ausruhen und Aufladen zu einer echten Priorität wird.
Es ist ein Plädoyer dafür, sich selbst in seiner Prioritätenliste weiter nach oben zu schieben und zu überlegen, wo vielleicht sonst etwas eingespart werden kann. Zum Beispiel, indem frau den Perfektionismus etwas zurückschraubt, indem der Haushalt für eine Weile nicht so ordentlich ist, wie frau ihn gerne hätte, indem eine gemütliche Tasse heiße Schokolade wichtiger ist, als jetzt den Boden zu saugen. 
Keine Ahnung, wo eure Schrauben sind. Die müsst ihr selbst suchen und finden. 
Letztlich ist es ein Plädoyer dafür, uns selbst nicht nur als Leistung zu definieren, sondern unsere Energie und unseren Körper besser zu behandeln als das super teure Handy, das eh nur eine Metapher war.

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