Die schweigende Mehrheit
In Brasilien gibt es ein Sprichwort: “Quem cala, consente”. Wörtlich bedeutet es: Wer schweigt, der stimmt zu. Wenn eine Aussage im Raum steht und niemand sagt etwas dagegen, wird das Schweigen als Zustimmung gewertet.
Ich war bis heute schon an vielen Stellen Stellvertreterin für eine größere Gruppe, Klassensprecherin, Fachschaftssprecherin, Elternbeirat, Klassenelternsprecherin und so weiter. Es stimmt schon: die, die nichts sagen, die hört man auch nicht. Man hört nur die, die etwas sagen und nimmt das Gesagte überproportional wahr. Eine große Schwierigkeit finde ich immer wieder, die tatsächliche Meinung der Basis zu kennen und wiederzugeben. Wenn ich bestimmte Punkte oder Ansichten zur Diskussion stelle und keiner etwas dagegen sagt, dann gehe ich davon aus, dass alle zustimmen. “Quem cala, consente.”
Weil die schweigende Mehrheit eben schweigt und sich nicht äußert und nicht widerspricht, wird es leicht, diese als Projektionsfläche zu verwenden. Dann geht mensch von einem Konsens aus, der in einem Raum gar nicht existiert. Wenn sich genug Menschen einig sind, wofür die schweigende Mehrheit steht, dann fällt es auch leicht, dem zu glauben. Jeder kann sich stark fühlen, wenn er die schweigende Mehrheit hinter sich weiß oder vermutet. Wobei jede Bubble auch für sich denkt oder beansprucht, die Mehrheitsmeinung zu kennen oder zu vertreten, schließlich gibt es ja keinen Widerspruch. Ohne Widerspruch fühlt sich jede Meinung bestätigt und bestärkt.
Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn sich ein Professor ausgesprochen abfällig über Nicht- EU-Ausländer äußert, in der Annahme, dass ihm die umstehenden Zuhörenden zustimmen werden. Entweder, weil sie seiner Position oder seinem Amt nicht widersprechen werden, oder weil sie seiner Meinung sind. Oder wenn Männer unter sich sind oder sich unter sich wähnen und aus dem gleichen Grund sexistische und abfällige Bemerkungen über Frauen oder queere Menschen von sich geben. Sie können das tun, weil sie sich sicher fühlen. Weil sie unangreifbar sind und weil sie eine schweigende Mehrheit hinter sich vermuten. Weil sie eine Mehrheitsmeinung vertreten. Vermeintlich. Solange die Situation so ist, wie sie ist, und solange die Mehrheit schweigt, können sich dadurch ganz schlechte Umgangsweisen ableiten.
Das ist lange auch in einem großen, gesellschaftlichen Kontext passiert. Der Rechtspopulismus wurde salonfähig. Niemand hat widersprochen, oder der Widerspruch war nicht sehr intensiv. Also muss es die Mehrheit auch so sehen. Dadurch wurden die, die vermeintlich anders denken, zu einer immer stiller werdenden Minderheit. Das ging so lange, bis der Bogen überspannt wurde. Der Unmut ist nicht neu, wir wussten alle nur nicht, was wir dagegen tun sollten. Plötzlich wissen wir es.
Hunderttausende, über eine Millionen Menschen haben offensichtlich nur auf den Tropfen gewartet, der das Fass zum Überlaufen bringt. Der gesamte aufgestaute Unmut hat sich entzündet, wir gehen alle geballt auf die Straßen und verteidigen die Demokratie gegen Rechts. Die schweigende Mehrheit schweigt nicht länger. Sie ist bunt und sie ist sehr laut: “Wir sind die Brandmauer.” “Wir halten stand gegen rechts.” “Wir stehen stabil und lassen es nicht zu, dass unser buntes Deutschland braun wird.” “Nazis hatten wir schon, es war Scheiße.”
Das nimmt dem Rechtspopulismus den Wind aus den Segeln. Die, die dachten, dass sie die Mehrheitsmeinung vertreten, stellen fest, dass sie es nicht tun. Die Mehrheit, die lange geschwiegen hat, stellt unmissverständlich klar: Nein, das wollen wir nicht, das lassen wir nicht zu und wir lassen uns auch nicht länger als Projektionsfläche für eure abwegigen rechtsgerichteten Fantasien verwenden.
Seitdem die Demonstrationen auf den Straßen sind, ist es wieder leichter geworden, Ausländerin zu sein, Widerspruch zu üben. Ich muss mich nicht mehr dafür schämen, ich bin nicht alleine. Ich stehe nicht mehr der schweigenden Mehrheit gegenüber. Ganz im Gegenteil: “Wir sind mehr.” Wir, das sind wir, Deutsche mit einem Migrationshintergrund, Ausländerinnen und Ausländer, die viele Jahre in Deutschland leben und Deutschland als ihre Heimat betrachten, das sind wir, die es nicht dulden, dass eine kleine Gruppe ein völkisches Ideal als “Deutsch” definiert. “Wir sind mehr”, das klingt aus 30.000 Kehlen bei der Demo in Nürnberg in der letzten Woche, und dabei schwingt viel Kraft mit.
Erst wenn die schweigende Mehrheit nicht mehr schweigt, entzieht sie den vermeintlichen starken Kräften die Projektionsfläche. Erst wenn Männer unter sich sind und sich trotzdem nicht sicher fühlen, um sexistische und abwertende Bemerkungen über Menschen zu machen, die nicht cis-hetero-männlich-weiß sind, erst dann wird die Veränderung stattfinden.
Solange Menschen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Position, ihres Statuses, ihres Alters, ihrer Hautfarbe, ihres deutschen Passes sich dermaßen in Sicherheit fühlen, andere Menschen auszugrenzen und für minderwertig zu verkaufen, ohne dass ihnen Widerspruch aus den eigenen Reihen entgegen weht, werden sie sich in Sicherheit wiegen. Werden sie davon ausgehen, dass sie die Meinung der schweigenden Mehrheit vertreten. Vielleicht nicht der gesamten schweigenden Mehrheit, aber immerhin der, die in ihren Augen Wert hat.
Das heißt, dass genau die Menschen, die diese genau gleichen Privilegien haben, ihre Stimmen erheben müssen. Sie müssen sagen “nein, dem stimme ich nicht zu.” “Ja, ich habe die gleichen Privilegien wie du, und ich weigere mich, sie auf Kosten von anderen Personen beizubehalten.” “Ich weigere mich, zuzulassen, dass du in meiner Gegenwart wen auch immer abwertest.” “Ich biete einen Schutzraum für jeden Menschen, unabhängig von seiner Hautfarbe, von seinem Herkunftsland, von seiner Religion, von seinem Gender oder seiner sexuellen Orientierung.”
Die Würde des Menschen ist unantastbar und daran glaube ich. Und daran glaube ich so fest, dass ich bereit bin, das System herauszufordern, wenn es in meiner Gegenwart wagt, so zu tun, als gäbe es nur eine Art zu sein.
Wir brauchen die Stimmen der schweigenden Mehrheit. Wir brauchen die Stimmen der schweigenden Männer. Dieses System gefährdet nicht nur die “andersartigen”. Am Ende gefährdet es uns alle, denn nur durch Diversität ist eine Resilienz möglich.
Es ist höchste Zeit, dass die schweigende Mehrheit nicht mehr schweigt. Denn Schweigen schützt immer nur die Täter.
“Quem cala, consente”.
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