Risikoabwägungen mit unbekannten Variablen
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Neulich hatte es hier geschneit. Nicht viel, aber doch so, dass morgens alles weiß gepudert war.
Das Kind ist mit dem Fahrrad zur Schule vorgefahren, während ich noch was fertig gemacht habe - das machen wir oft so, meistens hole ich ihn nach wenigen Dutzend oder manchmal Hundert Metern ein.
Als ich auf dem Fahrradweg war, waren zwei Fahrradspuren vor mir, ansonsten war der Weg noch völlig vom Neuschnee verdeckt. Beim Fahren habe ich diese zwei Fahrradspuren vor mir beobachtet, ich konnte sehen, wie mein Kind nicht in geraden, sondern eher ... ja, in ungeraden Linien gefahren ist. An einer besonders tückischen Stelle (Kurve, bergauf, zwei Pfützen rechts und links grenzen die befahrbare Bahn auf vllt. 30 oder 40 cm ein) konnte ich die Spuren sehen, wie die Reifen seitwärts ausrutschen. Danach eine große Schnee freie Fläche (wo der Sturz war), danach Schritte neben den Fahrradreifen, ein Fuß hat lange Streifen gemacht, hat also offenbar auf dem Boden geschliffen. Klar, gleich nach der Kurve stand dann das Fahrrad. Aber es war irgendwie... Falsch, zu groß. Erst danach dämmerte mir, dass nicht mein Kind gestürzt war, sondern ein anderes, deutlich größeres Kind. Eine Jugendliche, vllt. 15 oder 16 Jahre alt. Ich habe angehalten und ihr Hilfe angeboten, aber sie hatte ihren Vater schon angerufen und würde in Kürze abgeholt werden. Ich bin also meinem Kind wieder hinterher gefahren.
Aber die Gedanken waren entfesselt: Könnte ich (wenn es mir zustünde) das Mädchen einfach trösten, ohne ihm gleichzeitig Vorwürfe zu machen? (Es hat so unfassbar elend ausgesehen, wie es da in der Kälte im Schnee stand, sich an seinem Fahrrad fest hielt, und ihm die Tränen die Wangen herunter liefen) Warum es überhaupt bei Schnee Fahrrad fährt (ich bin auch selbst gefahren!)? Dass es um die Kurven langsamer fahren muss, dass die Stelle, wo es gefallen ist, prädestiniert ist zum fallen? Dass es unverantwortlich ist, bei so einem Wetter und bei so einer Corona-Situation mit vollen Krankenhäusern und überlasteten Rettungsdiensten Fahrrad zu fahren?
Was, wenn es nicht dieses fremde Mädchen getroffen hätte, sondern mein Kind? Mich? Wie nachsichtig wäre ich da mit mir selbst umgegangen? Hätte ich es mir "verzeihen" können, dass ich stürze, oder "stürzen lasse" (also mein Kind bei Schnee und Glätte mit dem Rad in die Schule fahren lasse)?
Wir machen ständig Risikoabwägungen. Darin fließen ein: Kenntnisse, Fähigkeiten, Schutzausrüstung und Relevanz (=Nutzen) auf der einen Seite, Gefahr und Folgenschwere auf der anderen Seite.
Bleiben wir für ein Moment beim Beispiel Fahrrad fahren im Winter: Mein Kind ist sehr leicht, Klamottenmäßig gut gepolstert, es hat einen Helm und ein sehr gutes Körpergefühl - also Schutzausrüstung und Fähigkeiten sind gut. Es hat zwar noch nicht so viel praktische Erfahrung (Kenntnisse), aber ich sage ihm immer wieder, dass er an den Kurven aufpassen muss weil evtl. rutschig, und das hat er schon ganz gut verinnerlicht. Er bremst also oft schon bevor ich etwas sage. Ich bin deutlich schwerer, ebenfalls gut gepolstert (allerdings weniger durch die Klamotten), habe einen Helm und kein ganz so gutes Körpergefühl - Schutzausrüstung gut, Fähigkeiten okay. Ich habe aber sehr viel praktische Erfahrung (Kenntnisse) und kann mich vorausschauend verhalten. Also alles in allem schon auch okay. Hohe Relevanz (wir fahren immer mit dem Fahrrad, Bus kommt wegen der Durchmischung von Personen in einer Situation von hoher Inzidenz nicht in Frage, Auto finde ich für die 2km nicht vertretbar - außer in Notfällen, im Schnee fahren will gelernt sein, am besten also früh damit anfangen, Umweltaspekte etc.).
Auf der anderen Seite die Witterungsverhältnisse: Es hatte geschneit, aber es war frischer, trockener Schnee. Keine ganz dicke Schicht mit vielen Schichten darunter, keine "seifig rutschige" Schicht angetauten Schnees. Also rutschiger als normal, aber keine Extremverhältnisse. Die Wahrscheinlichkeit eines Sturzes verhältnismäßig gering (geringe Gefahr), die Folgen vermutlich leicht (wegen der Schutzausrüstung).
Die linke Seite wiegt schwerer, der (gefühlte) Nutzen überwiegt der (gefühlten) Gefahr, die Risikoabschätzung ist abgeschlossen, mein Kind und ich fahren mit dem Fahrrad.Und das finde ich so belastend: Diese Auswegslosigkeit. Die Sackgassen. Dass jeder Gedanke bei "Corona!!" endet. Dass die Stiko die Corona-Impfung nur für vorerkrankte Kinder empfiehlt. Dass die Stiko aber gleichzeitig zugibt, dass sie fast überall zu spät waren.
Weil die Angst ein ständiger Begleiter ist, von dem ich gar nicht weiß, ob er so angebracht ist.
Ein bisschen ist es so wie mit den Risiken bei einer Schwangerschaft. Die Sicherheit des Babys wiegt so viel, dass die Waage fest gestellt ist, mit dem rechten Teller nach unten. Du machst einfach nichts, was dein Baby gefährden könnte. Du kannst schon Sushi essen. Theoretisch. Aber wenn Du dann doch eine Listeriose oder Toxoplasmose hast, wenn dann wirklich etwas passiert, Dir oder Deinem Baby, das verzeihst Du Dir doch im Leben nicht mehr. Das ist doch der Grund, weshalb frau während der Schwangerschaft kein Sushi isst. Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas passiert, ist nahezu 0%. Aber eben nur nahezu. Und die Wahrscheinlichkeit, dass ich mir furchtbare Vorwürfe für den Rest meines Lebens mache, ist - wenn etwas passieren sollte, so unwahrscheinlich das auch ist - 100%. Naja, und Sushi ist toll, aber eben doch nicht überlebenswichtig.
Normalerweise kann ich ganz gut einschätzen, was ich mich trauen kann und was nicht. Und bei Corona ist da dieses riesige Fragezeichen. Die Sorge, sich zu verschätzen - in beide Richtungen, zu viel Schutz und zu wenig Schutz - ist groß (und berechtigt).
Wie viele Impfgegner, -verweigerer und -verschlepper haben Corona bekommen und sind Verfechter der Impfung geworden? Weil sie sich verschätzt, die Situation falsch eingeschätzt haben, vllt. auch die Gefahren der Impfung gemessen an den Gefahren der Krankheit?
- Ich muss mich immer mehr einschränken, z.B. gehe ich irgendwann gar nicht mehr aus dem Haus, treffe keine Freund:innen, gehe nicht ins Restaurant oder ins Kino oder überhaupt irgendwohin. Das hat wiederum andere Konsequenzen, nämlich, dass ich nicht mehr aufladen kann, und alles immer aussichtsloser wird. Dass mir die Energie ausgeht und ich nur noch vor mich hinvegetiere.
- Es ist unmöglich, einen guten Ausgang zu erzwingen. Dinge passieren, egal wie sehr mensch aufpasst.
Die Allmachtsphantasie ist deshalb per Definition zum Scheitern verurteilt, weil ich eben nicht allmächtig bin. Ich kann mir durch Kleinigkeiten ein Gefühl von Selbstwirksamkeit (das Gefühl, dass ich etwas bewegen, bewirken, kontrollieren kann) ermöglichen, aber das Gesamtgefüge wird sich nicht halten. Über kurz oder lang passiert etwas.
Deswegen ist ja diese Gratwanderung so schwierig. Was ist angebracht, was ist übervorsichtig (also zu viel Aufwand für zu wenig Nutzen), was ist unnötiges Risiko (also eine zu hohe Wahrscheinlichkeit auf unerträglich schlechtes Gewissen)?
Der Witz ist: Darauf gibt es keine Antwort. Vorher weiß mensch es schlicht nicht. Gerade nicht in Bezug auf Corona.
Mensch kann sich noch so sehr schützen und boostern, und dann passiert der Impfdurchbruch trotzdem. Andere Menschen gehen ungeimpft und ungetestet in Clubs, und stecken sich doch nicht an. Angeblich. Ich weiß es nicht, ich kenne keinen.
Was ich sagen will ist: Mensch - ich! - muss für sich den Weg finden oder wählen. Und zwar eben ohne zu wissen, welche Parameter gelten. Ich weiß vorher nicht, was zu viel und was genug und was zu wenig Schutz ist.
Leben ist ein Risiko an sich.
Natürlich werde ich alles vermeidbare vermeiden. Ich fahre nicht unangeschnallt Auto, ich fahre nicht Motorrad oder Ski. Aber ich fahre eben mit dem Fahrrad, auch im Winter. Auch weil diese ständige Übung mich hoffentlich davor schützt, unbedacht in etwas hinein zu stürzen. Wenn ich sehe, dass es glatt ist, dann konzentriere ich mich darauf und fahre extra vorsichtig (ich lege also auf den linken Teller meine geballten Kenntnisse). Wenn ich zu müde bin, um das Auto in die enge Garage zu parken, dann lasse ich das Auto lieber draußen stehen, als mir noch einen Spiegel abzuschlagen. Weil ich eben Risiken und Fähigkeiten abschätzen kann, auch in unterschiedlichen Situationen oder Zuständen. Bei Corona kann ich das nicht.
Vielleicht muss ich mich von der Phantasie verabschieden, dass ich alles kontrollieren kann - völlig egal, wie sehr ich mich anstrenge. Und in meine Rechnung, was ein vertretbares Risiko darstellt, zum einen mein psychisches Wohlbefinden höher bewerten, als auch auch eine Zufallskomponente zulassen. Ich tue alles, was ich kann, und kann dennoch nicht ausschließen, dass etwas passiert. Also kann ich mich gleich damit anfreunden, dass ich nicht die komplette Kontrolle habe und mich etwas... Entspannen. Die Risiko-Waage anschauen, sicher gehen, dass sie nicht festgestellt ist, beide Seiten bewusst betrachten, und mich nicht vor der blinden Angst leiten lassen.
Und so bin ich Freitagabend ausnahmsweise mal nicht direkt von der Arbeit nach Hause gegangen, sondern noch bei einer Freundin vorbei gefahren, die ich seit viel zu lang nicht mehr gesehen habe. Und denke mir: Ja, die Wahrscheinlichkeit, sie oder mich bei ihr anzustecken ist größer als Null - nicht viel, aber größer als Null -, aber das Reden, das Auftanken, das Lachen, das sich lebendig Fühlen, diese Zugehörigkeit, die Geselligkeit, die Freude am Zusammen sein und Zeit miteinander teilen... Das ist es doch am Ende wert. ... solange nichts passiert...
(Disclaimer: Ich verharmlose Corona keineswegs - ganz im Gegenteil. Ich versuche mich selbst so weit zu beruhigen, dass ich noch halbwegs lebensfähig bleibe trotz Corona. Ich habe also die Anzahl Personen, die ich ohne Maske und ohne Abstand in geschlossenen Räumen treffe, von 6 (3 Geimpfte, 3 Kinder unter 12) auf 8 (5 Geimpfte, 3 Kinder unter 12) erhöht - und da sind sämtliche Paketlieferant:innen, Nachbar:innen, Kolleg:innen etc. mit eingeschlossen).

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