Warten auf den zweiten Strich...

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Im Rückblick kann ich sagen, dass die letzten Wochen darauf bestanden, auf den zweiten Strich zu warten.
Die Inzidenzen in Deutschland sind so hoch wie noch nie, und wir können nur müde lächeln über den Zeitpunkt, an dem wir noch dachten, dass wir bei einer Inzidenz von 50 Angst haben könnten. Inzwischen ist die Inzidenz bei über 1100, und die Marke der 200 000 Neuansteckungen an einem Tag haben wir ebenfalls schon geknackt. Was ist also jetzt anders als vor oder innerhalb der letzten zwei Jahren? 
Die zu schützende Zielgruppe hat sich geändert (die vulnerablen, ungeschützten Bevölkerungsgruppen) bzw. nicht geändert (alles zu Lasten der Kinder). 
Anfangs wurden die Kinder eingesperrt, damit sie die Erwachsenen nicht anstecken können. Seitdem sich die Erwachsenen mit Impfungen schützen können, nicht aber die Kinder, sind die Kinder zur Schulpräsenz verpflichtet (nicht aber die Mitglieder des Bundestages!), was allein in Bayern zu einer ganzen Reihe von Bußgeldverfahren geführt hat (sich weigern, Kinder bei diesen Zahlen in die Schule zu schicken kann ein Bußgeld nach sich ziehen). Natürlich hat die Politik versprochen, dass die Schulen zuletzt schließen würden, aber sie haben nichts dafür getan, dass die Schulen sichere Orte werden. So müssen sie die Schulen gar nicht erst schließen, weil dies von ganz allein geschieht. Lehrkräfte und Kinder sind gleichermaßen betroffen, gehen in Isolation oder Quarantäne, und die Schule verwaist, ohne dass jemand etwas dafür tun müsste. Die Kinder mussten es Tag für Tag aushalten, das ein Kind nach dem anderen verschwand, und die Angst, wann sie selbst dran sein würden, war ein ständiger Begleiter.
Und so war es ein Schock und doch wieder keiner, als es mein eigenes Kind traf. Es war kein Schock, weil es absehbar war. Und es war ein Schock, weil ich in den letzten zwei Jahren wirklich alles getan habe, um mein Kind vor einer Infektion zu schützen. Wir haben uns in einer Weise eingeschränkt, die uns viel Lebensfreude gekostet hat, und das ständige schlechte Gewissen, wenn wir doch mal irgendwas gemacht haben, war kaum auszuhalten. Aber was bringt, nach bestem Wissen und Gewissen, jegliche persönliche Anstrengung, wenn es am Ende doch die Schule ist, in der sich das Kind ansteckt? Von wegen, die Kinder würden sich privat anstecken und dann die Erkrankung in die Schulen reinbringen. Zumindest in unserem Fall war das nicht so.
Am Freitag gab es eine E-Mail von der Schulleitung mit der Mitteilung, dass die Klassenlehrerin PCR positiv getestet sei. Ihr ging es gut, glücklicherweise war sie geboostert, und sie habe ständig FFP2 Maske getragen im Unterricht. Die Kinder seien daraufhin alle einem Schnelltest unterzogen, und alle seien negativ. Großes Aufatmen, leise Hoffnung: könnten wir davon gekommen sein, so knapp?
Nein.
Am Samstagabend entwickelte mein Kind Husten und Fieber, und ein Schnelltests am Sonntagmorgen zeigte ein positives Ergebnis. Es war so absehbar wie erschreckend. Mein Gehirn hat erstmal vollständig ausgesetzt, und alles, was ich zu dem Thema Corona wusste, sämtliche Regeln, Vorgehensweisen, Handlungsempfehlungen, alles war wie weggewischt. Was mich noch besonders durcheinander gebracht hat war, dass das positive Testergebnis zum Zeitpunkt des Umgangs stattgefunden hat, mein Kind war also bei seinem Vater. Da sein Vater noch nicht geboostert war, musste er automatisch in Quarantäne, und hat angeboten, dass das Kind die Isolation bei ihm verbringen könnte. Tolle Sache, fand ich, einerseits, dass sein Vater diese Verantwortung ganz selbstverständlich übernimmt und auch das kranke Kind pflegt. Andererseits war es ein erstes Mal, dass mein krankes Kind eben nicht bei mir ist, und ich musste echt mit mir ringen, ob ich es aushalte, das kranke Kind nicht selbst pflegen zu können. Natürlich macht ein krankes Kind viel Arbeit, und mein Arbeitgeber war sicherlich erleichtert, dass die Betreuung eben nicht an mir hängen blieb, und ich meiner Erwerbsarbeit nachgehen konnte. Trotzdem hat sich mein Gehirn fast ununterbrochen um mein Kind gedreht. Wie es ihm geht, ob er alles hat, wie er es verträgt, von mir weg zu sein. 
Ich habe eine Weile gebraucht, um einen klaren Kopf zu bekommen, und dazu waren Gespräche mit meinen nicht betroffenen Freundinnen hilfreich, die nicht gerade diesen kompletten Gehirnaussetzer hatten wie ich selbst. Ja, rational macht es Sinn, dass das Kind bei seinem Vater bleibt, der eh in Quarantäne bleiben muss. Tief durchatmen und weitermachen.
So hatte ich in den nächsten Tagen viel Zeit, viel zu viel Zeit. Üblicherweise weiß ich lange im voraus, wann mein Kind zu seinem Vater geht, und ich genieße diese Freiräume durchaus. Habe dann aber auch Zeit, mich darauf vorzubereiten, Verabredungen zu treffen, Dinge, auf die ich mich schon lange freue. Diesmal war es anders, denn es kam völlig unangekündigt, und zu dem Schmerz, mein krankes Kind nicht pflegen zu können, kam eine große Leere. Ich konnte nichts damit anfangen mit meinem ansonsten so geschätzten Freiraum, auch weil ich wegen der drohenden Corona Gefahr (ich bin zwar geboostert, aber es war nicht absehbar, ob ich nicht doch noch angesteckt wurde, bevor das Kind zu seinem Vater wechselte) auch keinen Menschen treffen konnte. Natürlich musste ich nicht in Quarantäne, erstens weil der letzte Kontakt eben schon einige Tage zurück lag, und zum zweiten weil ich geboostert bin, aber weil ich diese Verantwortung nicht gut ertragen würde, gesunde Menschen anzustecken, ließ ich es bleiben.
Das war nicht gut. So die Zusammenfassung zu der letzten Woche. Ich habe viel zu viel darüber nachgedacht, und mir ist es viel zu nah gegangen, dass ich mein Kind eben nicht davor schützen konnte. Dass ich selbst machtlos bin, wenn die Politik nicht die Kinder zu schützenswerten Menschen auserkort. Was ich unmöglich finde, denn in der Vergangenheit haben wir immer die Gruppen geschützt, die sonst nicht geschützt werden konnten, und jetzt sind die Kinder größtenteils ungeimpft, auch wegen der STIKO-Empfehlung, und wir lassen einfach durchrauschen. Durchseuchung auf Anordnung der Politik.
Das hat mich wütend gemacht und eben sehr machtlos.
Meinem Kind ging es auch nicht gut, von leichten Symptomen oder einem milden Verlauf würde ich persönlich bei über 40 Grad Fieber, großer Mattheit und langen Schlafphasen tagsüber überhaupt nicht sprechen. 
Am Donnerstag war es dann soweit, dass sein Vater auch angesteckt war und zunehmend starke Symptome hatte, und ich mein Kind wieder nach Hause geholt habe. Er wirkte fit, und hat im Hof erstmal eine Runde rennen müssen, nachdem er wirklich seit mehreren Tagen die kleine Wohnung nicht verlassen hatte. Am Wochenende zeigte sich, dass er doch noch nicht ausreichend fit ist, denn er ermüdet sehr schnell, schläft auch tagsüber manchmal, was für ihn äußerst ungewöhnlich ist, und bewegt sich viel weniger als wir es von ihm kennen.

Ich bin froh, wenn diese ganze Episode vorbei ist, und merke auch, dass mein Commitment zu der Corona-Politik deutlich nachgelassen hat. Eine Politik, die mein Kind nicht schützen kann und nicht schützen will, kann ich nicht unterstützen. Bedeutet aber auch, dass wir uns in Zukunft deutlich weniger absondern werden, denn das Risiko ist erstmal gebannt. Irgendwann demnächst kommt dann noch die zweite Impfung, dann zählt das Kind als geboostert, und dann will ich mich damit auch nicht mehr befassen. Meine Angst, mich selbst anzustecken (sofern nicht schon passiert), verschwindet gegenüber der Angst, dass meinem Kind etwas passiert. Und das ist schon passiert, also was soll's.
Da haben wir die lang angekündigte Spaltung der Gesellschaft: Gewissenhafte Menschen, die nicht mehr an die Politik glauben, und nur noch daran interessiert sind, sich selbst und seine Nächsten zu beschützen.
Dazu gibt es von Daniel Witte einen guten Thread auf Twitter wenn jemand den Blutdruck noch steigern möchte...

Ein Gutes hatte das Ganze: Die Bindung von dem Kind zu seinem Vater hat sich noch mal verstärkt. Der Vater hat sich fähig gezeigt, das Kind auch in einer Notsituation gut zu betreuen, und vor die Wahl gestellt, ob er bei seinem Vater bleiben oder nach Hause kommen möchte, konnte er sich nicht entscheiden. Beides war gut. Als es keine Wahlmöglichkeit mehr war, weil es seinem Vater eben schlecht ging, kam er ganz selbstverständlich nach Hause und hat sich auch darüber gefreut. Aber das ist super hilfreich: In so einer Situation eben zwei Elternteile zu haben.

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