Ich spreche Paluten!
In den letzten Tagen hat mich Paluten schwer beschäftigt. Nicht nur, weil Patricia Cammarata (ja, ihr wisst, ich bin ein Fan!) ihn in ihrem Buch "dreißig Minuten, dann ist aber Schluss!" (das einzige sinnvolle Buch zum Thema Medienziehung bei Kindern, meiner Meinung nach, von meiner Dissertation zum Thema Computerspiele einmal abgesehen, versteht sich, aber da habe ich noch keine Praxistipps parat) erwähnt, sondern weil er inzwischen einen festen Platz in unserem Wohnzimmer eingenommen hat. Nein, natürlich weiß er nichts davon, denn wir schauen - wie Tausende und Millionen anderer auch - nur seine Videos auf YouTube an. Und mit "wir" meine ich meinen Siebenjährigen und mich - zum ersten Mal seit langem haben wir Videos, die uns beide wieder begeistern. Bei vielen Sachen, die er schaut, kann ich mich echt nicht dazu aufraffen, auch mit Herz dabei zu sein. Ich sitze dann daneben und lese Nachrichten, ein Buch, schreibe Blog, chatte oder mache sonst was.
Mein Kind hat inzwischen ziemlich freien Zugang zu YouTube, nachdem wir das über die letzten Jahre sehr intensiv eingeübt haben, über Werbung und Finanzierungsmodelle gesprochen haben (ich habe in einem kurzen Kapitel meines früheren vor-Promotion-Lebens in der Marktforschung gearbeitet) und er ein ganz gutes Gespür dafür entwickelt hat, was er anschauen kann, was ihm gut tut, und was eben nicht. Er schaut gerne Videos zu Minecraft und Raft, Unturned, Plants versus Zombies, Murmelrennen, Lego unpacking und Aufbau, Legomaschinen, Super Mario, Angry birds, Fahrradsimulator, Scrap mechanics und noch viel mehr. Einige YouTuber mag er besonders gerne - neben Paluten auch Croco und Mika, Scrapman,
LarsLP, Lekoopa, unter anderen. Bei einigen YouTubern muss ich echt raus gehen, weil ihre Stimme oder Sprechart so nervt. Andere sind easy, haben eine schöne Stimme, eine gute Rhetorik usw.
Ich finde es sehr spannend, dass mein Kind Videos schaut, wie andere Menschen spielen, und speichert sich dabei Unmengen von Informationen ab. Was wie kombiniert werden kann, um was herzustellen (z.B. bei Minecraft), oder auch welche Pflanzen gegen welche Zombies besonders gut sind. Unvergessen der Tag - da war er fünf! -, als ich bei einem Level bei Plants vs zombies nicht gut durchkam, und er sagte "Versuch doch die Pflanze, die kann das und das", und das war tatsächlich der Schlüssel zum Erfolg. Da Spiele ich dieses Spiel seit fast 10 Jahren (wann kam das überhaupt raus?! 2010, 2011?) und muss mir von meinem Fünfjährigen sagen lassen, wie es besser geht?! Ja, denn er hat eine extrem effektive Form gefunden zu lernen. Nur er? Nein, natürlich nicht: eine komplette Generation lernt Spiele von YouTuber:innen (wobei das "innen" am Ende von "YouTuber" eher Wunschdenken ist, die erfolgreichen YouTuberinnen in Deutschland beschäftigen sich leider Gottes viel zu selten mit Computerspielen). Kann er sie dadurch selbst spielen? Natürlich nicht, ihm fehlen noch ganz erheblich motorische Fertigkeiten dafür. Aber die Systematik, die Strategien, die Optionen, die hat er raus. Nicht durch Ausprobieren, wie die YouTuber, denen er zuschaut, sondern durch die Kurzfassungen.
Ich beachte und bewundere diese Herangehensweise und vor allem auch dieses kleine Gehirn, das von klein an gelernt hat, diese Art von Informationen so zu verarbeiten, dass sie auch gespeichert werden. Wenn ich aus dem Vortrag, den ich heute morgen zum Thema grüne Mobilität gehört habe, noch etwas widergeben sollte, dann wären es sicherlich keine Details. Er kann das, sein Gehirn kann das. Es ist meinem - in diesem Aspekt - überlegen, denn es kann sich Unmengen an Zeugs aufnehmen.
Nun also paluten. Die ersten berührungspunkte mit ihm hatte ich, als er LarsLP beim Minecraft Spielen zugeschaut hat. Ich mag LarsLP und die Art, wie er Minecraft spielt, aber ich habe null Interesse daran, Paluten beim zuschauen von LarsLP zuzuschauen. Was soll das? Damit konnte ich wenig anfangen. Das war vor einigen Monaten. Nun kam also Paluten in der Timeline von meinem Sohn wieder rein gespült, und diesmal sind es Spiele, die er selbst spielt. Fahrrad Simulationen, um genauer zu sein. Und da habe ich tatsächlich auch ein großes Interesse entwickelt, nicht nur weil Paluten (eigentlich Patrick Mayer, Jahrgang 1988) eher zu meiner Generation gehört als zu der meines Sohnes und meinem Sohn somit meine Umgangssprache als cool weiterverkauft (alter Schwede!), sondern weil die Videos einfach super lustig sind. Und was sie so sehenswert macht, ist, dass er eine vermeintlich authentische und sehr souveräne und damit ganz nachahmenswerte Umgangsform mit Rückschlägen vermittelt. Er kann keinesfalls alles auf Anhieb. Ganz im Gegenteil, ständig macht er Fehler, ständig macht er Vorhersagen, die nicht eintreffen, und es ist schwierig, nicht mitzufiebern. Weil es so unmittelbar ist. Sein Gesicht ist in den Videos mit eingeblendet, so dass seine Reaktion mit den Bildern der Spiele gleich mit verfügbar ist. Es ist also eine Echtzeitanschauung, nicht nur wie das Spiel gespielt wird, sondern wie auf das, was im Spiel geschieht, reagiert wird. "Richtig" reagiert wird. Er ärgert sich mal, aber eben nicht übermäßig, er schaut regelmäßig sehr erstaunt, er freut sich über Erfolge, er nimmt sich selbst nicht zu ernst. Und ich glaube, dass das zumindest einen Teil seines Charmes ausmacht.
Und zwar eben nicht nur für Kinder, die genau diese Fertigkeiten noch lernen müssen, nämlich mit Misserfolgen umzugehen, sondern auch in einer ganz erfrischenden Weise auch für uns Erwachsene, die eher in einer medialen Welt aufgewachsen sind, in der die Helden eben alles können. Paluten ist ein Held, der eben nicht alles kann, sondern sich die Dinge erarbeitet. Und oft sind in seinem Videos eben nicht nur der eine erfolgreiche Versuch eingeblendet, sondern die 20 misslungenen Versuche ebenfalls.
Wer mich kennt weiß, dass ich ein großer Fan des MCU, des Marvel Cinematic Universe, bin, mit seinen vielfältigen Helden und sogar einigen Heldinnen. Und was diese Helden so besonders macht ist, dass sie so wenig Helden sind. Sie haben so viele Anknüpfungspunkte mit uns realen Menschen. Sogar Tony Stark a.k.a. Ironman, gespielt von dem großartigen Robert Downey Jr., der auch ohne seine Rüstung noch "Genius, billionaire, playboy, philanthropist", aber eben auch ein traumatisierter Vollwaise ist, was seine Handlung mindestens genau so prägt wie sein Heldentum. Sie alle haben ihre Schwächen. Von Fehlern will ich an dieser Stelle nicht sprechen, weil ich nicht glaube, dass Menschen Fehler haben. Sie machen vielleicht welche, aber sie haben keine. Aber sie haben Schwächen, Punkte, an denen sie schwach sind. Punkte, wo die vergangenen Traumata beispielsweise nicht vollständig verarbeitet wurden, und wo die alltägliche Erfahrung immer wieder anknüpft. Um nicht zu sagen antriggered. Zumindest in einigen Aspekten sind es Menschen wie du und ich, und gerade diese Verknüpfung, an den schwächsten Punkten und nicht unbedingt an den stärksten, vermittelt den Eindruck, dass beides auch in einem Menschen möglich ist. Wenn dieser Mensch das erlebt hat, und das merkt man ihm auch an, und er kann trotzdem über sich hinauswachsen und Dinge erreichen und die Welt retten, kann ich das nicht auch?
Und ist es bei Paluten nicht auch ähnlich, dass man mit ihm anknüpfen kann (ein Video fing er damit an, dass er krank ist und Fieber hat, und dennoch spielt er, und seine Leistung ist schlechter, und er hat so eine annehmende Haltung dazu), nicht unbedingt dort wo er erfolgreich ist, sondern weil er eben nicht auf Anhieb erfolgreich ist, sondern durch Ausdauer und vielfältige Versuche erst dorthin gekommen ist, wo er ist?
Natürlich glaube ich keine Sekunde daran, dass jeder, der das macht, was er macht, dorthin kommt, wo er ist, weil er eben schon dort ist, wo er ist. Natürlich wird nicht jede Bloggerinnen einen Spiegel-Bestseller schreiben, obwohl das gelegentlich doch passiert. Nicht jeder Virologe wird zum Medienstar, nicht jeder Pianist wird zur politischen Größe, nicht jeder Politiker versteht Fachartikel, wenn er sie liest. Und es ist sehr viel Arbeit damit verbunden, dorthin zu kommen, wo diese Menschen alle sind. Youtuber:in oder Schriftsteller:in zu sein sind erstrebenswerte Berufe, wenn mensch bereit ist, die Arbeit zu investieren, um in diesen Nischen erfolgreich zu sein. Und das kann ganz erheblich viel Arbeit sein. Kein Mensch fängt mit 1 Millionen Abonnent:innen an, sondern mit Glück, viel Arbeit und der richtigen Positionierung kann mensch sich in manchen Fällen dorthin hinarbeiten.
Hätte ich meinen Blog seit 2007 weitergeführt, statt ihn 2009 still zu legen, dann hätte ich vielleicht inzwischen auch mehrere tausend Abonnent:innen. Aber andererseits, hätte ich 2009 Bitcoins gekauft, würde ich heute gar nicht mehr arbeiten müssen.
Hätte hätte Fahrradkette, zurück zur Realität:
Wenn mir meine besagte Promotion eins beigebracht hat, dann das Spielen auf eine unvorhersehbare Zukunft vorbereitet. Wir wissen nicht, in welcher Welt unsere Kinder leben werden, was für sie wichtig sein wird, und wie die Welt funktionieren wird. Auch das digitale Spielen bereitet auf diese Zukunft vor, eine Zukunft, die viel mehr in digitalen Medien stattfinden wird als wir uns auch nur vorstellen können. Wer hätte damals, bei den Raids in World of Warcraft gedacht, dass das der entscheidende Unterschied ist zu den Leuten, die in Coronazeiten ihre Mikrofone muten bei Videokonferenzen? Wir wissen nicht, was die Welt bringt. Und wir sollten die Welt, die uns nicht mehr gehören wird, loslassen und Vertrauen in die Generation, die jetzt da wächst. Sie wird eine Welt gestalten, die ihre sein wird - und wir können von Glück reden, ihre kleinen Schritte jetzt begleiten zu können, solange wir sie noch verstehen. Den Anschluss verlieren wir noch bald genug.
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