Der Erziehungsgrundsatz von Jesper Juul

Jesper Juul (Wikimedia Commons / Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license).

Auf Focus online ist heute ein Artikel erschienen über Jesper Juul. Jesper Juul ist, einfach gesagt, mein Lieblingspädagoge. Er verfolgt einen Grundsatz, der mir so am Herzen liegt: Kinder als Menschen zu betrachten. Es ist erstaunlich, dass jemand es anders verstehen könnte, aber die gängigen Erziehungspraktiken zeigen genau das. Kinder sind minderwertige Wesen. Wir, die Erwachsenen, sind diejenigen, die wissen, wie Dinge gehen und wie Dinge zu funktionieren haben. Dinge funktionieren. Nicht Menschen.
In dem Artikel von Focus online geht es um ein Kind, das sich beim Essen nicht so verhält, wie es sollte. Die Eltern versuchen die Time-Out-Methode, um das Kind zum funktionieren zu bringen, es läuft jedoch nicht so wie geplant. 
Ich kann unmöglich einen solchen Artikel lesen, ohne mich selbst 2000x in Frage zu stellen. Mache ich das auch? Bin ich eine gute Mutter? Bin ich eine bessere Mutter als die Eltern in dem Artikel? 
Ich bin mir sicher, dass alle Mütter diese Fragen durchlaufen, in größeren oder kleineren Maße. Einige Väter stellen sich diese Fragen bestimmt auch, auch wenn Männer in unserer Gesellschaft nicht gerade zu Selbstzweifeln erzogen werden. Die Erwartungen, die an Väter gesetzt werden, sind oft immer noch sehr viel geringer als die Maßstäbe, an denen Mütter gemessen werden (siehe dazu auch den herrlichen Tweet von Anne Hmlichkeit!).
Was diese Fragen für Alleinerziehende aber noch so viel schwieriger macht ist, dass uns der zweite Erwachsene fehlt. Es fehlt jemand, mit dem frau so etwas reflektieren kann, der das vielleicht ähnlich oder eben auch ganz anders sieht. Einerseits. Andererseits ist es so, das genau deshalb, weil wir nicht eine:n Partner:in haben, viel mehr Gesprächspartner:innen suchen und Rückmeldungen einholen können. Natürlich können Eltern in Zwei-Eltern-Familien auch den Kontakt zu anderen suchen, aber wir können nicht nur. Wir müssen, weil es alternativos ist.
Das ist ein Grund mehr, warum unsere Netzwerke so überlebenswichtig sind. Alleinerziehende Netzwerke helfen nicht nur ganz pragmatisch, wenn es irgendwo fehlt, sondern sie sind auch ein Spiegel, eine Reflektionsgruppe, der Versuch, Klarheit zu schaffen. Je mehr Offenheit und Authentizität eine Alleinerziehende einer anderen entgegen bringen kann, je mehr Vertrauen und Ehrlichkeit, desto stärker werden wir alle. Weil wir voneinander lernen, uns gegenseitig stützen, und am Ende umso mehr erprobte Alternativen zur Verfügung haben.

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