Freizeit?! Keine Zeit!

Mattheus Bertelli@Pexels


Kürzlich bin ich über diesen Tweet gestolpert:


Der Tweet hat mich nicht mehr los gelassen. Wie sehr sich das Leben einer Frau ändert, wenn der Mann anfängt (!), Verantwortung für den Haushalt zu übernehmen, in dem er schon immer lebt. Wie unfair das ist. Welche Last Frauen tragen. (Wie viel Absicht dahinter ist, wie furchtbar dieses System ist, das davon lebt, Frauen zu unterdrücken und Männern das gute Leben zu ermöglichen).

Das wurde mir umso bewusster, weil ich aktuell mein Kind in der Proportion habe, wie sonst sein Vater. Wegen der Ferien haben sich Wochenenden verschoben, und ich hatte ihn in einer Woche 1 Tag, in der nächsten Woche 3 Tage. Ab morgen habe ich ihn wieder 6 bzw. 4 Tage pro Woche. Ich hatte so unfassbar viel Freizeit! Trotz Vollzeitstelle! Trotz diverser Verpflichtungen! Trotz des Mental loads, der nach wie vor bei mir hängt (u.a. Gespräch mit der Lehrerin, zahlreiche Gespräche mit Freundinnen und Familie zur Lösung eines Problems, womit sich der Vater einfach nicht befasst). Und da wird mir so präsent, was das für ein Leben ist. Elter sein, aber halt ohne fast alles an Verpflichtungen. 

Aber klar, Betreuungszeit ist nicht alles. Da ist noch die finanzielle Verantwortung und das Mental Load. Stimmt. Die Proportion ist so: Betreuungszeit 70%-30%, finanzielle Verantwortung 100%-0%, Mental Load 98%/2%. Ungewichtet liegt die Last zu 268% bei mir, 32% bei dem Vater. Für ein Kind, das wir beide gewollt und beide gemacht haben. Und ja, ich könnte das in "echte %" ausrechnen. Aber das wird der Sache nicht gerecht, weil es einfach nie und nimmer 100% sind, sondern +- 300%. Die Arbeit für 3 volle Menschen, nicht für einen Menschen allein.

Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, in dem ich mein Kind zum ersten Mal zur Tagesmutter gebracht habe, zur Eingewöhnung. Ich bin aus ihrer Wohnung raus gelaufen und dann stand ich auf der Straße und wusste überhaupt nicht, was ich tun soll. Also habe ich erstmal geheult. Es war der erste Tag, die erste Stunde seit seiner Geburt, dass ich Zeit hatte. Unverplante Zeit ohne Verantwortung. Bis zu diesem Tag war einfach ich zu 300% für dieses Kind verantwortlich. Jeden Tag und jede Nacht, einfach 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Weil "Das Kind braucht ja die Mutter". Und nein, das war NICHT das, was vorher verabredet gewesen war. Ich bin also völlig aufgewühlt und aufgelöst in eine Bäckerei gegangen und habe mir einen Kaffee bestellt. Zack war die Stunde auch wieder rum und ich konnte/durfte/musste das Baby wieder abholen. Aber die Message war klar: Es hängt alles an mir.  

Seitdem hat sich schon was geändert. Ich trage auch noch weiterhin die komplette finanzielle Verantwortung und praktisch das komplette Mental Load. Aber meine Betreuungszeit hat sich reduziert. Eigentlich stimmt die Zahl ja auch nicht ganz, denn die Schule übernimmt einen nicht unerheblichen Teil, also Schule 25%, Vater 25%, ich 50%. Also bleibt es bei der Proportion: ich doppelt so viel wie der Vater. Und die Betreuungszeit in der Schule deckt ziemlich genau zu 100% meine Arbeitszeit ab. Es fehlt hier mal eine Mittagspause und da die Zeit für die Fahrt. Es geht also auf. Ganz knapp geht es auf. Solange keiner zum Arzt muss und keine unvorhergesehenen Dinge passieren.

Ich will mich nicht beklagen. Es funktioniert und ich bin froh, dass es funktioniert. 

Ich will nur darauf hinweisen, wie viel einfacher es für Männer ist. Wie viel einfacher es für sie gemacht wird (kein Wunder, denn wer die Regeln macht sind in aller Regel Männer :) ). Wenn ein Vater "hilft", dann wird das so gelobt. Dabei ist es einfach nur sein f*cking job!! Er hat dieses Kind auch gemacht. Wenn ein Mann im Haushalt "hilft", dann ist auch das sein f*cking job! Er wohnt auch da und hat verdingst nochmal seinen Teil der Verantwortung zu tragen. Und zwar nicht nur das "tun", sondern auch das Planen, das Drandenken, das Besorgen, das Organisieren, den Plan-B-im-Ärmel halten, alles davon. Stell dir einfach vor, als Mutter trägst du nur 32% (von 300%, also 11% von Hundert) der Last. Und wirst dafür auch noch gelobt, wie engagiert du bist. Unvorstellbar? Un-vor-stell-bar. Und DAS ist die Bewertung der Gesellschaft. DAS bedeutet es, in einem Patriarchat zu leben. DAS bedeutet es, wenn Care-Arbeit unsichtbar ist. Wenn Mental load unsichtbar ist. Wenn Frauen einfach für alles einen ganz, ganz großen Teil der Last tragen. 

Für alle von uns, egal ob alleinerziehend oder nicht, wünsche ich, dass sie Zeit für sich haben. Freie Zeit. Freizeit. Zum Regenerieren, zum Dinge frei tun (ohne Verpflichtung, ohne dass jemand an einem dran hängt und etwas von einem will). Um Frau zu sein, um Mensch zu sein, um Freundin zu sein. Um zu sportlern, zu singen, zu malen, zu schauspielern, um ins Kino zu gehen oder ins Theater oder ins Kabarett oder in die Disko (ich weiß, die Dinger heißen schon lange nicht mehr so). Einfach um zu sein. Weil uns das auch zusteht.

Und für die von uns, die nicht oder noch nicht alleinerziehend sind, wünsche ich viel Kraft, um diese Diskussionen mit den Vätern zu führen. Denn es MUSS sich etwas ändern. Und das wird es nur, wenn wir das einfordern. 

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