Die Erfindung der Hausfrau - Geschichte einer Entwertung, von Evke Rulffes

flaviajacquier@pexels

Momentan lese ich lauter Bücher, die wütend machen. Wie ich gelernt habe, bedeutet Wut, dass eine Grenze überschritten wurde. Die Wut ist also ein Indikator dafür, dass etwas nicht in Ordnung ist. Mehr als das, die Wut bringt auch die Energie mit, die notwendig ist, um Dinge zu verändern. Und Dinge zu verändern gäbe es viele. Gerade in Bezug auf die Gleichstellung von Frauen und Männern in Deutschland.
Am 1. März wurde der Equal Care Day gefeiert. Eigentlich liegt der Tag auf dem 29. Februar, also praktisch immer unsichtbar - wie die Carearbeit selbst. Deswegen wurde er am 1. März nachgeholt. Equal Care steht dafür, dass sich Männer und Frauen gleichermaßen in die Fürsorgearbeit einbringen. Sei es bei der Kindererziehung, sei es bei der Pflege von Angehörigen, sei es bei der Übernahme von Fürsorgeaufgaben gegenüber Freund:innen, Kolleg:innen, der Gesellschaft insgesamt.
Keine Woche später, am 7. März, wurde der Equal Pay Day gefeiert. Eigentlich begangen, denn zum Feiern gibt es nichts. Dieser Tag will auf den Gender Pay Gap aufmerksam machen, auf die unterschiedliche Bezahlung von Männern und Frauen. 
Diese wird in Deutschland häufig damit begründet, dass 1. Frauen schlecht verhandeln, dass 2. Frauen öfters in Teilzeit arbeiten und dass 3. Frauen Berufe wählen, die schlechter bezahlen. Zusammen führt es dazu, dass Frauen 18% weniger verdienen als Männer, also seit Jahresanfang bis zum heutigen Tag praktisch kostenlos gearbeitet haben. 
1. Die Begründung mit der Qualität der Verhandlung ist jetzt Geschichte. Vor wenigen Tagen erst hat Susanne Dumas einen historischen Beschluss des  Bundesarbeitsgerichts erwirkt, nach dem die "Verhandlungsqualität" nicht mehr als Grund ausreicht, um Frauen (systematisch) schlechter zu bezahlen.
2. Dass Frauen öfter in Teilzeit arbeiten, hängt unmittelbar mit dem vorigen Equal Care Day zusammen, nämlich dass die Fürsorgearbeit sehr ungleich aufgeteilt ist und Frauen diese zu einem extrem großen Teil übernehmen. Sie werden also nicht nur für die Carearbeit nicht bezahlt, sondern darüber hinaus auch noch mit niedrigeren Löhnen in der Teilzeit gestraft. Und der dritte Punkt, dass Frauen nun mal schlecht bezahlte Berufe wählen, ist eine bodenlose Frechheit: Selbst innerhalb einer Branche, also bei genau gleicher Arbeit, verdienen Frauen weniger. Längst ist bewiesen, dass die Gehälter dort sinken, wo Frauen in der Mehrzahl sind. Das ist auch ein erheblicher Grund, weshalb in sogenannten "Frauenberufen" Männer seltener Fuß fassen oder schneller weiter ziehen, wenn zu viele Frauen kommen. Sie wollen für dieses Geld schlicht nicht arbeiten. Verständlicherweise.

Am 8. März ist schließlich noch Weltfrauentag, und da kommen alle diese Dinge zusammen: Die Ungerechtigkeit in der Bezahlung, die ungerechte Lastenverteilung in Bezug auf Haushalts- und Fürsorgearbeiten, inklusive Mental Load, und die weiteren Benachteiligungen, die Frauen in unserer Gesellschaft erfahren. Sei es in Bezug auf Gewalt in Beziehungen, von der Frauen deutlich häufiger betroffen sind, sei es bei der Benachteiligung von Alleinerziehenden, die zum überwältigenden großen Teil Frauen sind. 
Und mensch kommt nicht umhin, sich zu fragen, wie es sein kann, dass ein solches System entstehen, sich stabilisieren und sich über Jahrhunderte so halten konnte. Und endlich komme ich zu dem Buch, dessen Titel diesen Blog-Beitrag überschreibt: Die Erfindung der Hausfrau.


In dem Buch "Die Erfindung der Hausfrau" erklärt Evke Rulffes, wie sich das Bild der Frau in den letzten Jahrhunderten verändert hat. Im späten 18. Jahrhundert war die Hausmutter noch Betriebsleiterin und konnte ihren Mann auch rechtlich vertreten. Im 19. Jahrhundert trennt sich die private und die öffentliche Sphäre aber. Männer arbeiten mehr und mehr außer Haus, in den Fabriken und in der Verwaltung, und Frauen führen das Haus. Weil die Bezahlung der Männer oft nicht ausreicht, um Diener zu beschäftigen, übernehmen Frauen immer mehr der häuslichen Arbeiten. Der Haushalt muss schließlich repräsentativ geführt werden. Damit unterstützen sie den Mann in seiner Karriereentwicklung. Und um das Einkommen etwas aufzubessern, beginnen Frauen heimlich in Heimarbeit etwas dazu zu verdienen.
Die Gesellschaft und der Ehemann bekommen indes nicht viel von dieser Arbeit mit. Sie ist schambehaftet und bleibt unsichtbar. Die Folge: sie wird nicht mehr als echte Arbeit angesehen und nicht bezahlt. 
Als wäre das nicht genug, verschlechtert sich die Position der Frauen zudem weiter mit der Einführung der Hausfrauenehe im bürgerlichen Gesetzbuch von 1900: Dem Mann steht die Entscheidung in allen das gemeinschaftliche Leben betreffende Angelegenheiten zu. Ohne die schriftliche Zustimmung ihres Mannes konnte die Ehefrau weder ein Bankkonto eröffnen noch einen Arbeitsvertrag schließen oder den Führerschein machen.
Durch die Einführung von technischen Hilfsmitteln im Haushalt wird die Hilfe im Haus zunehmend eingespart. Frau macht alles alleine. Mehr und mehr brechen die Sozialkontakte weg. Am Ende wird auch die Kinderbetreuung allein der Mutter zugeschrieben. Dadurch wird Erwerbsarbeit und soziale Teilhabe faktisch unmöglich, was wiederum eine starke Abhängigkeit bedeutet. Diese wird durch das Ehegattensplitting bis heute zementiert, da sich finanziell die Erwerbsarbeit für Frauen oft nicht lohnt.
"Die Verwandlung der Frauen in eine heimliche Dienerklasse war eine ökonomische Leistung ersten Ranges. Diener für niedere Arbeiten konnte sich nur eine Minderheit der vorindustriellen Gesellschaft leisten. Im Zuge der Demokratisierung steht heute fast dem gesamten männlichen Bevölkerungsanteil eine Ehefrau als Dienerin zur Verfügung."

Die Erwerbsarbeit wird zur einzig echten Arbeit deklariert und bezahlt. Die Fürsorgearbeit wird zum Liebesdienst und zur Lebensaufgabe von Frauen verklärt, muss also nicht bezahlt werden. 
Und da stehen wir noch, viele Jahrzehnte später, und versuchen wenigstens auf diese Umstände hinzuweisen. Denn das Schweigen schützt immer nur die Täter. Wenn wir Gleichbehandlung wollen, dann müssen wir darüber reden, dann müssen wir uns verschwestern, dann müssen wir uns klagen bis in die höchsten Instanzen. Die Zeiten werden sich ändern, nicht zuletzt deshalb, weil diese Themen der jüngeren Generation wichtiger sind als der alten. Sobald sie an die Macht kommen, werden wir ganz andere Maßnahmen erleben, die hoffentlich echte Gleichstellung erwirken werden. Dass Hausarbeit und Fürsorgeaufgaben wahrgenommen und wertgeschätzt werden. Denn diese Aufgaben sind keine privaten Probleme, sondern öffentliche Aufgaben. So müssen Kinderbetreuung, Bildung, Kranken- und Altenpflege in einem Staat absolute Priorität sein - unter kapitalistischen Gesichtspunkten nicht zuletzt deshalb, weil die unsichtbare Hausarbeit und die Fürsorge zwingende Voraussetzungen für Erwerbsarbeit sind. 


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