Wenn Alleinerziehende selbst erkranken
Dabei hatte ich noch Glück: nach vier Wochen war ich verhältnismäßig wieder okay, nach acht Wochen war ich wieder ganz hergestellt.
Zwei Freundinnen von mir hat es anders erwischt. Nach einem verhältnismäßig milden Verlauf (eine im Februar, eine im Juli 2022) schien sich der Körper langsam zu erholen, aber nicht richtig. Statt besser wurde es irgendwann schlechter: Die Symptome (zum Teil auch andere Symptome als während der Erkrankung selbst) wurden schlimmer. Atemnot, Herzrasen, eine unbeschreibliche Schwäche, eine vollständige Erschöpfung. Beide Freundinnen sind Frauen. Beide Freundinnen sind alleinerziehend. Beide Freundinnen wurden krank geschrieben. Beide Freundinnen hatten immer größere Schwierigkeiten, den Alltag mit Kindern zu bewältigen. Eine zog zu ihren Eltern und kann kaum aus dem Bett aufstehen. Eine hadert gerade damit, überhaupt aufstehen zu können, und kann aber nicht zu ihrer Mutter ziehen. Das ist von einer Grausamkeit, die mir (!) die Tränen in die Augen treibt - wie es ihnen wohl erst geht. Beides junge, schlanke, sportliche Frauen, Mitte dreißig. Aus dem Leben heraus gezogen, als hätte sie ein Auto überfahren.
Nur: Es war kein Auto, es war ein Virus. Das - zum Glück nicht oft, aber dennoch viel zu oft! - eine langfristige und sehr ernste Erkrankung herbeiführen kann: ME/CFS. "Die Myalgische Enzephalomyelitis/das Chronische Fatigue-Syndrom [ME/CFS] ist eine schwere neuroimmunologische Erkrankung, die oft zu einem hohen Grad körperlicher Behinderung führt", kann man auf der Seite https://www.mecfs.de/was-ist-me-cfs/ nachlesen.
Für viele ist der Begriff neu, für mich nicht: Meine älteste Freundin leidet seit 25 Jahren an dieser Krankheit. Die Odyssee, die sie damals, mit 17 Jahren - späte 1990er, frühe 2000er Jahre - durchlaufen hat, bis sie eine Diagnose hatte, das kann und will man sich nicht vorstellen. Ärzte, die davon keine Ahnung haben. Ärzte, die ihr vorwerfen, zu simulieren, nicht in die Schule zu wollen. Ärzte, die erklären, das sei psychosomatisch, eine Depression. Ärzte, die Bewegung verschrieben - aus Unkenntnis, aber mit verheerenden Folgen: jede Überanstrengung führt zu einem Crash und jeder Crash kann (!) zu einer langfristigen Verschlechterung führen. Das ist unverantwortlich, und leider in der Medizin nicht unüblich, dass Krankheiten, von denen überwiegend Frauen betroffen sind, viel weniger Aufmerksamkeit erhalten und Frauen auch viel häufiger eine "psychosomatisch" Diagnose erhalten, weil ihre Krankheiten eben nicht erforscht sind. Das hat sich zwischenzeitlich ein bisschen gebessert, die Versorgungslage ist aber nach wie vor extrem schlecht. Und bei Alleinerziehenden ist die Überanstrengung und daraus abgeleitet eine Verschlechterung des Zustands mehr als wahrscheinlich.
Das ist meine Horrorvorstellung schlechthin: Nach Corona ME/CFS (inzwischen ist der Begriff Long- oder Post-Covid eher gebräuchlich, nur ist Covid nicht die einzige Erkrankung, die ME/CFS auslösen kann) entwickeln und nicht mehr in der Lage sein, mein Kind und mich zu versorgen. #Millionsmissing heißt das Awareness-Motto für diese Erkrankung, weil diese Menschen (und überproportional häufig sind es Frauen) einfach verschwinden. Aus der Arbeitswelt, aus den Ehrenämtern, aus den gesellschaftlichen Anlässen. Aus den Freundschaften und selbst aus den Familien. Ich fühle mit Euch.
Diesen Alptraum haben wohl alle Alleinerziehenden: Wohin mit dem Kind, wenn frau selbst krank wird.
Ich habe in den letzten Tagen wieder mehr dazu gelesen, welche Art von Unterstützungen es gibt, wenn Alleinerziehende ihre Kinder nicht selbst versorgen können und trage hier mal alles zusammen.
Ich hoffe, dass niemand, der das liest, es jemals brauchen wird. Aber wissen sollte mensch es trotzdem.
- Beratungshilfen: Jede größere Stadt bietet (entweder selbst oder über kirchliche Träger) Beratungshilfen für Eltern und Familien in schwierigen Situationen. Sei es Moderation während der Trennung/Scheidung, seien es Fragen zum Umgang mit Kindern und Jugendlichen, hier werden kompetente und geschulte Ansprechpersonen zur Verfügung gestellt. In der Regel ist das Angebot kostenlos. Die Caritas hat umfangreiche Informationen, eine Liste der Beratungseinrichtungen und auch ein online-Beratungsangebot. Im Familienratgeber gibt es eine ganz gute Übersicht. Für Bayern gibt es eine eigene Seite mit Informationen.
- Familienpatenschaften: Über den Kinderschutzbund können Familienpatenschaften vermittelt werden. Auch hier leider sehr viel mehr Nachfrage als Angebot. Aber fragen kostet nichts.
- Projekt "Schnelle Hilfe" in Erlangen: Das Grüne S.O.f.A. - Zentrum für Alleinerziehende hat ein Projekt für schnelle Hilfe in der Nachbarschaft - insbesondere für Notsituationen. Weitere Informationen gibt es unter kostenlosen Hotline: 0800 / 589 543 5.
- Haushaltshilfe über die Krankenkasse (nur für gesetzlich versicherte): Bei schwerer Erkrankung und wenn kein anderer Erwachsener einspringen kann, kann bis zu 4 Wochen lang eine Haushaltshilfe bei der Krankenkasse beantragt werden - bei Kindern unter 12 Jahren wohl bis zu 26 Wochen lang. Die Zuzahlung beträgt 10% - 5-10 Euro pro Tag, die Verschreibung erfolgt durch die Ärztin/den Arzt. Ausführliche Informationen gibt es auf der Seite des Freistaates Bayern, bei der Verbraucherzentrale sowie bei vielen Krankenkassen.
- Eltern-Assistenz: Eltern mit Behinderung oder mit einer chronischen (auch psychischen!) Erkrankung (Diabetes, Rheuma, Krebs, aber eben auch Depression, Sucht etc.) können eine sogenannte Assistenz beantragen. Die Assistent:innen übernehmen Arbeiten der Pflege von Kindern (anziehen, wickeln, baden etc.), beim Haushalt (Kinderzimmer aufräumen), bei der Begleitung außerhalb des Elternhauses (zur Ärztin oder zum Zahnarzt bringen, zu therapeutischen Angeboten etc.), aber nicht der Erziehung. Diese verbleibt bei den Eltern. Die Antragstellung kann an verschiedene Stellen erfolgen - wenn man sich nicht sicher ist, wohin der Antrag gehört, wird er auch weitergeleitet. Alle Informationen gibt es im Familienratgeber und beim Flyer des Bundesverbands behinderter Eltern e.V. (bbe).
- Mutter-Kind-Kur: Bei bestimmten Krankheitsbildern wird eine Mutter-Kind-Kur empfohlen. Erschöpfungszustände (bis hin zum Burnout), Adipositas, Schlafstörungen, Rückenschmerzen, oder sonstige chronische Zustände (rheumatische Erkrankungen, Atemwegsbeschwerden sowie Herz-,Kreislauf- oder Stoffwechselerkrankungen) können gute Gründe für eine Mutter-Kind-Kur sein. Alle Informationen gibt es beim Mutter-Kind-Hilfswerk. Das Müttergenesungswerk bietet einen anonymen Test an, um zu überprüfen, ob eine Kur angebracht ist (Spoiler: Bei alleinerziehenden ist wohl immer eine besonders hohe Belastung vorhanden).
- Bereitschaftspflege: Wenn Kinder unter 6 Jahren aus ihren Familien herausgenommen werden müssen, weil das Kindswohl gefährdet ist (was auch durch Verwahrlosung geschehen kann, zum Beispiel bei psychischen Erkrankungen), gibt es auch die Möglichkeit einer vorübergehenden Unterbringung in einer Bereitschaftspflege. Das sind Eltern, die kurzfristig Kinder für eine gewisse Zeit bei sich aufnehmen können. Sie werden entsprechend geschult und vergütet - einen berührenden Bericht gab es in der Süddeutschen. Weitere Informationen gibt es hauptsächlich für Eltern, die Bereitschaftspflege machen möchten - viel zu wenig gibt es für Eltern, die eine solche Hilfe benötigen. Wohl hauptsächlich deshalb, weil das Jugendamt den Kontakt herstellt.
- Pflegefamilien / Vollzeitpflege: Für Kinder aller Altersgruppen und Jugendliche gibt es auch die Möglichkeit der eher langfristigen Unterbringung in einer Pflegefamilie. Auch hier erfolgt der Kontakt über das Jugendamt. Weitere Informationen gibt es im Familienportal vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
- Heimunterbringung: Die sogenannte "stationäre Jugendhilfe" hat betreute Wohngruppen und andere Angebote, wenn ein Kind/Jugendlicher oder z.T. auch volljähriges Kind nicht bei den Eltern wohnen kann (z.B. in Bayern die Kinderarche, das CJD, oder vom evangelischen Jugendhilfeverband, z.B. der Puckenhof. Die Sorgeberechtigten können eine solche Hilfe beim Jugendamt beantragen.
Die wohl umfangreichsten Informationen für Alleinerziehende bietet die Broschüre "Alleinerziehend – Tipps und Informationen" vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter
Bundesverband e.V.
Du kennst noch weitere Angebote, die hier stehen sollten? Schreib mich an, ich ergänze die Liste gerne!

Kommentare
Kommentar veröffentlichen