(Keine) Gute(n) Vorsätze für das neue Jahr

Eigentlich dachte ich, dass gute Vorsätze etwas sind, was in die 1990er Jahre gehört und vollkommen passé ist. 

Eigentlich dachte ich auch, dass ich mir nichts vornehme für das neue Jahr und seitdem ich über diesen Text hier nachdenke, stelle ich fest, dass das nicht zu 100% so ist.

Zum einen merke ich, dass über die Feiertage viele Dinge sich einfach wieder einschleifen. Die vegane Ernährung kriegt immer mehr Ausnahmen, die Zuckerfreiheit existiert praktisch nicht mehr, hier mal ein Schlückchen dies und dort mal ein Stückchen jenes und dann denke ich mir “naja, so kann das nicht bleiben. Aber jetzt, mitten in den Feiertagen, wo eine Veranstaltung der nächsten folgt, wo man Leute trifft, die man sonst selten sieht, wo man mehr draußen ist, wo alles irgendwie Ausnahme ist, naja, da ist es so. Sobald sich der Alltag wieder einpendelt, wird das schon”. Das ist für mich weniger ein Vorsatz, sondern vielmehr eine Rückkehr zur Normalität. Eine festgestellte Tatsache. 

Aber wie ist es mit all den anderen Sachen? Mit den “ich müsste mehr Sport treiben”, “ich müsste gesünder essen”, “ich müsste meine Wohnung öfters aufräumen und staubsaugen”, “ich müsste…”, “ich sollte…”, “ich würde gern…”. 

Diese Konjunktive haben alle eins gemeinsam: sie bauen Druck auf. “Ich müsste” impliziert immer, dass ich noch nicht das mache, was eigentlich angebracht wäre. Was eigentlich zwingend wäre. “Ich sollte” impliziert auch, dass ich noch nicht da bin, wo ich sein sollte. All diesen Sätzen ist gemeinsam, dass ich mir selbst das Gefühl gebe, dass ich mich weiter optimieren sollte. Müsste. Dass ich noch nicht gut genug bin. Dass ich mich nur noch ein bisschen mehr anstrengen müsste, und dann wäre ich gut. Gut genug. Das ist jedoch ein Trugschluss.

Ich bin der festen Überzeugung, dass ich alles gebe, was ich kann. Und wenn ich nicht mehr gebe, dann, weil ich nicht kann. Ich glaube nicht dran, dass ich faul bin. Ich glaube sogar, dass die wenigsten Menschen wirklich faul sind, und dieser Comic vom grandiosen Chris Naish AKA Admiral Wonderboat hat mich neulich daran erinnert, dass ich das glaube:

Wenn ich also schon alles mache, was ich kann, was soll es dann bringen, wenn ich mir noch mehr versuche aufzubürden? Wenn ich mich daran erinnere, dass ich mehr Sport machen müsste, dass meine Wohnung nicht aufgeräumt ist, dass meine Ernährung vielleicht nicht so gesund oder so CO2 neutral ist wie sie es sein sollte? Dann steigt der Druck, ohne jedoch, dass weitere Ressourcen dafür frei werden. Es gibt ja keine weiteren Ressourcen, weil alle bereits im Einsatz sind. Ich kann mir nur vornehmen, die Ressourcen, die ich habe, anders zu verteilen. Und das kann ich tun, ohne mir ein Gefühl von Mangel oder Druck zu verleihen. 

Mein Vater sagt immer: "Tue mehr von dem, was dir gut tut, tue weniger von dem, was dir nicht gut tut und sei offen für Neues." Ich glaube, das ist ein gutes Motto. 

Meins geht ein bisschen in eine andere Richtung, aber das Ergebnis ist letztlich ein ähnliches: “Es ist, wie es ist". “You are where you are”. In beiden Fällen geht es darum, die Realität und sich selbst in dieser Realität wahrzunehmen und sich selbst gerecht zu werden. 

Dass das als alleinerziehende Mutter nicht immer einfach ist, ergibt sich von allein und ist aus praktisch allen anderen meinen Texten in diesem Blog auch so zu lesen. Aber davon immer wieder ein bisschen mehr, darin steckt viel Selbstliebe, viel Geduld, viel Annahme - von der Realität und von sich selbst, wie man in dieser Realität existiert.

Wenn ich einen Vorsatz für 2024 habe, dann ist es der, zu versuchen, mir jeden Tag ein bisschen mehr gerecht zu werden. Ohne mich gleich dafür zu verurteilen, wenn es nicht auf Anhieb gelingt. Alle Gewohnheiten, die geändert werden wollen, brauchen viel, viel Zeit. Deswegen ist manchmal weniger mehr, wenn man dafür auf lange Zeit durchhält. Imperfektion ist auch okay, Versuche zählen - unabhängig von dem Ergebnis.

Eine Sache, von der ich festgestellt habe, dass sie mir gut tut ist, dass ich neben dem täglichen Tagebuch schreiben auch noch explizit jeden Tag Punkte festhalte, die ich an diesem Tag gut gemacht habe. Das schärft mein Bewusstsein dafür, wie viel mir eigentlich schon gelingt, statt den Fokus darauf zu setzen, was ich noch alles “müsste”. Das müssen auch gar keine großen Sachen sein, sondern oft auch gerade die Kleinigkeiten: Dass ich mir inmitten einer stressigen Situation die Zeit genommen habe, tief durchzuatmen. Dass ich eine Tasse von meinem Lieblingstee gemacht habe und mich damit in die Hängematte gelegt habe, um ihn zu genießen (selbst wenn ich es nicht zu Ende durchgeführt habe: dass ich es versucht habe war schon gut gemacht). Dass ich mir ein neues Diamond painting bestellt und angefangen habe. Es müssen auch gar nicht viele Steinchen am Tag geklebt werden, aber damit habe ich mir etwas geschenkt, was mir viel Ruhe und Entspannung bringt.

In diesem Sinne verabschiede ich das Jahr 2023 und wünsche allen - unabhängig von guten Vorsätzen oder nicht - ein geduldiges, gesundes und vor allem zufriedenes 2024, in dem ihr viel von dem tun könnt, was euch gut tut, weniger von dem tun müsst, was euch nicht gut tut und neue Dinge ausprobieren könnt.

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