Verletzungen in der Kindheit
Foto von Vlad Vasnetsov: https://www.pexels.com/de-de/foto/kleinkind-das-fahrrad-auf-strasse-fahrt-1605943/
Laufen, zum Beispiel.
Wenn mensch gerade Mal ein paar Dutzend Zentimeter groß ist, tut der Fall nicht so weh. Die Knochen sind noch weich und brechen nicht so leicht, die Haut hat fast magische Wiederherstellungskräfte. Und die häufig in dem Alter noch getragene Windel dämpft den Schmerz. Außen rum stehen idealerweise auch noch große und kleine Menschen, die sich irrsinnig über den Erfolg freuen und das Kind dabei unterstützen, anfeuern, sich mit ihm über jeden kleinen Schritt freuen.
Auch Fahrrad fahren lernt es sich leichter, wenn mensch noch jung ist. Die Bewegungsabläufe verbauen sich praktisch in den wachsenden Körper ein und prägen diesen. Die Fallhöhe ist noch nicht so hoch, die Reaktionen schleifen sich gut ein und schützen später den alternden Körper durch die ehemals optimierten Abläufe. Einem Kind, das früh Ballett getanzt hat, sieht mensch ein Leben lang die grazilen Bewegungsabläufe an. Es wird zu einem Teil dessen, wer mensch ist.
Als Kind lernt mensch, was der Erwachsene später brauchen wird.
Im Spiel lernt ein Kind, was es später im Leben brauchen wird. In einem geschützten, sicheren Rahmen.
Natürlich kann auch ein Erwachsener noch alles mögliche lernen. Nur dauert alles viel länger, weil das Gehirn nicht mehr in der gleichen Weise auf das Lernen ausgerichtet ist wie als Kind.
Ein Kind braucht also die Gelegenheit, sich auszuprobieren. Es muss fallen können, aus geringer Höhe, damit es lernt, "richtig" zu fallen - die richtigen Reaktionen, den Kopf zu schützen usw. Das, was sich das Kind verletzt, kann der Erwachsene später besser meistern. Verletzungen sind als Teil der Kindheit und müssen es auch sein, weil das Kind dadurch (überlebens-) wichtige Dinge für die Zukunft lernt.
Nur gibt es Ausnahmen: Die Verletzungen, die für immer eine Narbe, eine Verformung, eine Einschränkung hinterlassen. Die Fallhöhe, die auch für ein Kind zu hoch ist. Kein Mensch lässt sein kleines Kind einfach eine vielbefahrene Straße allein überqueren, weil das Risiko, dass das Kind einen dauerhaften Schaden oder gar den Tod erleidet, unverantwortbar wäre. Die Eltern schützen ihr Kind und geben den Lern- und Wachstumsrahmen vor. Laufrad geht, Fahrrad ist noch zu viel. Fahrrad geht, aber nur mit Helm auf dem Feldweg, nicht an der Straße. Fahrrad mit Helm geht, aber an der Straße nur in Begleitung. Tag für Tag übt mensch damit, diesem kleinen Menschen so viel Freiheit zu geben, damit es sich entwickeln kann (auch wenn es manchmal furchtbar weh tut) und so viel Sicherheit, damit es keinen dauerhaften Schaden erleidet.
Im Körperlichen ist uns das klar. Manche Grenzen sind einfacher, manche sind schwieriger. Manche sind gesellschaftlich gesetzt und akzeptiert, andere müssen sehr individuell festgelegt werden. Keine kleine Aufgabe.
Was aber im Emotionalen? Sehen wir es da genau so klar? Was unser Kind schon kann und was nicht? Wo es noch enge Grenzen braucht, wo es frei laufen kann? Wo es sich Verletzungen holt, die ihm helfen, mit ähnlichen Situationen als Erwachsener besser zurecht zu kommen und wo die Verletzungen solcher Art sind, dass das Kind ein ganzes Leben lang unter Schmerzen, Verformungen, Einschränkungen leiden wird?
Im Idealfall sind Eltern für Kinder so zuverlässig wie der Boden, auf dem sie laufen. Unerschütterlich. Immer präsent. Zuverlässig da. Unabänderlich da. Es kann die Welt untergehen, aber der Boden bleibt, wo er ist. So auch die Eltern. Manchmal fällt ein Kind hin und verletzt sich am Boden. Manchmal reibt es sich mit den Eltern und verletzt sich auch dabei. Kein Problem, wenn es Verletzungen sind, die es später dabei unterstützen, besser mit Beziehungen, mit Menschen zurecht zu kommen.
Nur sind wir Eltern nicht wie der Boden, unerschütterlich. In uns lebt das Kind, dass wir Mal waren, mit allen Verletzungen, die nicht gut verheilt sind. Mit allen Verformungen, mit allen Schmerzen, mit allen Beschränkungen, mit den entzündeten Wunden, die daher kommen, weil auch in unseren Eltern das Kind lebt, das sie Mal waren, mit allen Verletzungen, die nicht gut verheilt sind. Mit allen Verformungen, mit allen Schmerzen, mit allen Beschränkungen, mit den entzündeten Wunden, die daher kommen, weil auch in ihren Eltern das Kind lebt, das sie Mal waren, mit allen Verletzungen, die nicht gut verheilt sind. Mit allen Verformungen, mit allen Schmerzen, mit allen Beschränkungen, mit den entzündeten Wunden, die daher kommen, weil auch in deren Eltern das Kind lebt, das sie Mal waren, mit allen Verletzungen, die nicht gut verheilt sind.
So geht es immer und immer weiter zurück.
Jede gibt ihr bestes, jeder tut das, was er kann. Wir alle lieben unsere Kinder sehr innig.
Eine der wichtigsten Eigenschaften guter Eltern, glaube ich inzwischen, ist nicht "perfekt zu sein". Ist einzusehen, dass wir eben nicht perfekt sind und unsere Kinder um Entschuldigung bitten zu können, wenn wir nicht das waren, was wir hätten sein sollen: verlässlich und verfügbar wie der Boden unter ihren Füßen. Denn nur durch unser Eingeständnis, dass wir auch nicht perfekt sind, muss das Kind nicht länger die Schuld an unserem Versagen tragen. Die Wunden, die wir unseren Kindern zufügen, werden dadurch vielleicht nicht gleich kleiner. Aber sie können endlich als versorgte Wunde heilen.
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